Elektroniknet Logo

Produktionsstandorte und Lieferketten

Europa versus Asien

Forum
© shutterstock.com

Das Thema Lieferketten ist seit Beginn der Pandemie präsenter denn je. So mussten viele Unternehmen ihre Produktion aufgrund fehlender Bauteile drosseln oder ganz herunterfahren. Jedoch könnte das der Beginn einer neuen Ära sein.

Im Gegensatz zu anderen Branchen sind die Embedded-Unternehmen weitgehend unbeschadet – also »mit einem kleinen blauen Auge« durch die Krise gekommen, wie es Roland Chochoiek, Executive Vice President Business Unit Electronics bei Heitec, beschreibt. So war deren Auftragsbestand zum Jahreswechsel sogar auf Rekordniveau. Grund sei die breite Aufstellung des Unternehmens – das Leistungsangebot reicht von Entwicklungs- und Fertigungsdienstleistungen bis hin zu umfassenden Systemplattformen. Außerdem bedient Heitec unterschiedliche Marktsegmente und ist auf vielen internationalen Märkten präsent.

Bei Avnet Integrated hat man es ebenfalls geschafft, das Geschäft durchgehend auf einem relativ konstanten Niveau zu halten, wie Tim Jensen, Senior Director Embedded Innovation Unit EMEA bei Avnet Integrated, erklärt. »Während einige Industrien gehemmt wurden und Fabriken für kurze Zeit schlossen, haben andere die Nachfrage erhöht.« Eine Folge der Pandemie ist der Fokus auf Designaktivitäten, der in Zukunft anhalten könnte.

Relevante Anbieter

Chochoiek_Roland
Roland Chochoiek, Heitec: »Wir sind mit einem kleinen blauen Auge durch die Krise gekommen«.
© Heitec

Diese Aussage kann Norbert Hauser, Vice President Marketing bei Kontron, unterstreichen: »Wir konnten eine durchgängige Verfügbarkeit in Auftragsentwicklung und -fertigung (EMS) gewährleisten.« Somit konnte Kontron seinen Umsatz sogar um 12 Prozent auf über 1,2 Mrd. Euro steigern. »Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurde ein Digitalisieren in vielen Bereichen beschleunigt und benötigt innovative Technologien.« Ähnliches berichtet Jürgen Steinert, Geschäftsführer von Solectrix: »Die geschäftlichen Einflüsse waren dank der Langfristigkeit unserer Projekte gering und scheinen es 2021 zu bleiben.« Auch bei TQ-Systems ist man gut durch die Pandemie gekommen, da der Dienstleister ein breites Spektrum an Dienstleistungen und Eigenprodukten anbietet und somit schwächelnde Branchen mit boomenden Märkten kompensieren konnte, wie Geschäftsführer Detlef Schneider berichtet. »Mit dem TQ-Product Compliance Center hat TQ die Akkreditierung zum Zertifizieren und somit einen Mehrnutzen für Kunden geschaffen: Die fertigen Produkte inklusive der Embedded-Module werden allen erforderlichen Prüfungen unterzogen, mit kompetenter Unterstützung für weltweite Zulassungen, ebenso für die Medizinbranche.«

Martin_Steger
Martin Steger, iesy: »Wir erwarten, dass unsere Kunden die Krise unbeschadet überstehen«.
© iesy

Nicht so positiv sieht das Fazit von Martin Steger, Geschäftsführer von iesy, aus. »Tatsächlich verzeichnen wir Rückgänge im Auftragseingang und im Umsatz, die wir teilweise klar auf die zurückgehende Nachfrage bei unseren Endkunden zurückführen können. Wir rechnen damit, dass die Geschäfte erst in Q4/2021 in Richtung Vorkrisenniveau zurückkehren und wir im Jahr 2022 Nachholeffekte beobachten«. Allerdings erwartet auch er, dass seine Kunden die Krise unbeschadet überstehen und es zu keinen Insolvenzen und somit Zahlungsausfüllen kommt.

Einerseits verzeichnen die Embedded-Unternehmen also Einbrüche in bestimmten Segmenten, können diese jedoch in anderen Marktbereichen oftmals wettmachen.

Tim Jensen
Tim Jensen, Avnet Integrated: »Die Lieferketten sind weiterhin angespannt«.
© Avnet Integrated

Starke Lieferketten machen den Unterschied

Das verdanken sie unter anderem einer vorausschauenden Lieferstrategie und einem durchdachten Planen der Produktion. Hierzu braucht es starke Partner, die nicht nur kurzfristig denken, sondern an langfristigen Lieferverträgen interessiert sind. Dennoch sind die Lieferketten derzeit mehr als angespannt.

Christian Blersch, Geschäftsführer von E.E.P.D., erläutert: »Die Lieferketten sind nach wie vor sehr fragil. Hierzu gehört ebenfalls die Logistik, die uns immer wieder vor Herausforderungen stellt. Aus unserer Sicht sollten wir ein europäisches Netzwerk an Zulieferern für die Embedded-Branche fördern. Wir beziehen, wenn möglich, unsere Komponenten und Teile in Europa, das hat uns schon vor dem einen oder anderen Lieferausfall bewahrt.«

Christian Eder, Director Marketing bei Congatec, unterstreicht vor allem die Wichtigkeit von Second Source und guten Partnerschaften im Zuge der Pandemie: »Die Covid-19-bedingte Situation bei Lieferanten und Fertigern und die starken Verschiebungen beim Bedarf in beide Richtungen waren herausfordernd. Mithilfe belastbarer Second-Source-Strategien sowie engen Kontakten und partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten konnten wir trotz allem unsere Lieferleistung auf einem guten Niveau halten. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie gut eine Partnerschaft funktioniert.«

Norbert Hauser
Norbert Hauser, Kontron: »Die Pandemie hat eine unvernünftige Abhängigkeit von Asien offenbart«.
© Kontron

Das sieht ebenfalls Detlef Schneider so: »Besonders wichtig ist eine gute Beziehung zu Herstellern und Lieferanten. Wichtig ist außerdem ein geografisches Streuen der Beschaffung, um lokale Einflüsse zu kompensieren.« Tim Jensen greift das Thema Halbleiter auf, das derzeit viele Branchen beherrscht: »Die Lieferketten sind aufgrund der hohen Nachfrage nach Halbleitern und des Auftragsbestands weiterhin angespannt – entscheidend sind hier eine langfristige Planung und eine offene Kommunikation.« Multiple Sourcing sowie eine Mischung aus lokalen und globalen Partnern machen laut Norbert Hauser eine starke Lieferkette aus. Außerdem plädiert er für ein Risikomanagement für Lieferketten.

Anders scheint die Lage bei EFCO Electronics in Deggendorf zu sein. Laut Managing Director Helmut Artmeier konnte das Unternehmen die Folgen auf die Lieferketten minimieren und hatte keine nennenswerten Verzögerungen. Grund ist der Hauptsitz mit Entwicklung und Fertigung in Taiwan und der sehr effiziente und konsequente Umgang dort mit der Pandemie.

Detlef Schneider, TQ-Group
Detlef Schneider, TQ-Systems: »Langlebige Produkte sind der Schlüssel zur Ressourcenschonung«.
© TQ-Group

Beziehungen mit Asien-Pazifik-Raum

Das Thema Second Source scheint außerdem zu gelten, blickt man auf die Lieferantenbeziehungen mit dem Asien-Pazifik-Raum. »Gerade der Second-Source-Ansatz hat es uns ermöglicht, ohne großen Aufwand auf andere Hersteller, die bereits in Zulassungen berücksichtigt wurden, wechseln zu können«, erklärt Detlef Scheider. »Deshalb arbeiten wir weiterhin an unseren weltweiten Hersteller- und Lieferantenbeziehungen.«

Die Wichtigkeit der Beziehungen mit dem Asien-Pazifik-Raum unterstreicht ebenso Martin Steger: »Im Laufe der Pandemie ist die enge Verknüpfung und in großen Teilen Abhängigkeit von den Lieferketten aus dem Asien-Pazifik-Raum deutlicher geworden. Stabile Partnerschaften sind in Zukunft noch wichtiger.« Ebenso unterstreicht Christian Blersch die Erfahrungen mit Partnern aus Asien. Er will sich in Zukunft auf verlässliche Zulieferer konzentrieren.

Christian Blersch
Christian Blersch, E.E.P.D.: »Die Lieferketten sind nach wie vor fragil«.
© E.E.P.D.

Roland Chochoiek sieht nicht nur Lieferanten aus dem Asien-Pazifik-Raum als wichtig an, er betrachtet ihn ebenfalls als aufstrebenden Zielmarkt: »Um die Nachfrage aus dem Asien-Pazifik-Raum bedienen zu können, ist lokale Präsenz und Nähe zu den Kunden unabdingbar. Aus dem Grund hat Heitec mitten in der Corona-Pandemie eine lokale Niederlassung in China eröffnet, ganz getreu dem Motto: Think global, act local.«

»Eine unvernünftige Abhängigkeit« vom asiatischen Raum sieht dagegen Norbert Hauser, insbesondere von China. Laut Hauser werden Firmen ihre Lieferketten diversifizieren, um Abhängigkeiten zu verringern und Partnerschaften mit „Handschlagqualität“ aufbauen. Dies sei ein oftmals zu gering beachtetes, jedoch entscheidendes Puzzleteil.


  1. Europa versus Asien
  2. Neue, nachhaltige Lieferketten

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

congatec AG, Kontron AG, iesy GmbH & Co.KG