Interview mit Volker Keith

»Unser Auftragseingang ist auf Rekordkurs«

28. Januar 2022, 10:00 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Volker Keith
Volker Keith ist Gründer der Keith & Koep und Executive Vice President Innovation der aus der Keith & Koep entstandenen Seco Northern Europe.
© Seco Northern Europe

Keith & Koep wurde im Oktober 2021 30 Jahre alt und hat eine Ära der Embedded-Branche geprägt. Wie es das Unternehmen aus Wuppertal geschafft hat, immer wieder innovativ zu sein und welche Highlights es in der bewegten Geschichte gab, schildert Geschäftsführer Volker Keith.

Volker Keith ist Gründer der Keith & Koep und Executive Vice President Innovation der aus der Keith & Koep entstandenen Seco Northern Europe. 1962 in Wuppertal geboren, interessierte er sich bereits früh für Elektronik und begann 1981 ein Studium der Elektrotechnik. 1983 gründete er sein erstes Unternehmen und entschloss sich, sein Studium zu einem späteren Zeitpunkt weiterzuführen. 1991 gründete er zusammen mit Luitger Koep die Keith & Koep GmbH.

Herr Keith, warum war Keith & Koep in Ihren Augen die letzten 30 Jahre so erfolgreich?

Volker Keith: Zum einen konnten wir unsere frühen Erfahrungen in der Bildverarbeitung für das Entwickeln kundenspezifischer Touch-Bediensysteme und für RISC-basierte Laserprinter nutzen. Das versetzte uns in die Lage, zum europäischen Marktführer für die schnell wachsende Arm-Technologie aufzusteigen. Zum anderen gelang es uns, schon sehr früh Standards zu schaffen, die bis heute Bestand haben und in sehr vielen Produkten wiederzufinden sind.

Wie entstand die Idee zu den Trizeps-Modulen, Ihr erfolgreichstes Computermodul, das sich bis heute am Markt hält?

In der Regel benötigt ein Entwickler für sein Design immer die gleiche Peripherie, zum Beispiel ein oder zwei Displays, ein Touch-Panel, ein paar Schnittstellen, vielleicht noch ein paar I/Os. Es ist also sinnvoll, alles auf einem Modul unterzubringen – das nimmt dem Entwickler viel Risiko ab, zudem spart es Zeit und Ressourcen.

Einige Firmen kopierten unser Pinout sogar – so gründeten sich aus einem Pin-kompatiblen Ersatz unseres Trizeps-Moduls einige heute sehr bekannte Firmen. In Summe implementierten wir die Trizeps-Module in hunderten Kunden-Projekten – viele sind uns bis heute treu. Mit dem Pinout, das wir 2003 erstellt haben, können wir Boards aus dieser Zeit, heute immer noch mit neuen CPUs bestücken.

Anfangs lag der Fokus des Unternehmens jedoch in einem anderen Bereich. Wie lief die Gründung ab?

Ursprünglich gründete ich mit einem Schulfreund 1983 die Keith & Kipp GbR. Sein Vater, erfolgreich in der Textilbranche, brachte uns auf die Idee, Schaltnetzteile für Textilmaschinen zu produzieren. Wir fertigten und bestückten unsere Platinen selbst – mit einer zu der Zeit komplett neuen Technik. Wir konnten viele Patente einreichen und waren sehr erfolgreich. Aus einer soliden Finanzsituation heraus beschäftigten wir uns zunehmend mit Rechnertechnik, speziell mit RISC-Prozessoren.

Herr Kipp wollte sich im Laufe der Jahre mehr mit dem Thema Maschinenbau beschäftigen und stieg aus dem Unternehmen aus. Mit Luitger Koep, der von unseren Ideen sehr begeistert war, gründete ich 1991 die Keith & Koep GmbH. Anfangs entwickelten und fertigten wir auf der RISC-Technik basierende Touch-PCs für das Bemessen von Garnspulmaschinen für die Textilindustrie.

Wie ging es mit dem Versuch, die RISC-Technik für sich zu nutzen, weiter?

Ein Spin-off von Phillips kam auf uns zu, wir sollten für sie Controller für Laserdrucker produzieren. Über die Textilherstellung und deren Druckprozesse hatten wir viel Wissen über Drucktechnik gesammelt. In den folgenden 10 Jahren entwickelten wir erfolgreich Laser-Raster-Controller. Spannend war, dass hierbei bereits erste Echtzeitsysteme zum Einsatz kamen. Zudem arbeiteten wir erstmals mit Zulieferern in den USA und Japan wie AMD und Zulieferern von Minolta zusammen. In der Zeit haben wir sehr viel bezüglich RISC-Processing gelernt.

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Mit dem Pinout des Trizeps-Moduls, das 2003 entstand, kann Seco Northern Europe Boards aus dieser Zeit, heute immer noch mit neuen CPUs bestücken.
© Seco Northern Europe

Dann ging der Trend zu x86-Systemen. Wie konnten Sie sich weiter erfolgreich am Markt behaupten?

Ende der 90er-Jahre hatten fast alle Hersteller wie AMD und Motorola ihre RISC-Serien abgekündigt – der Trend ging klar in Richtung x86. Gerade über den PC-Markt gab es sehr viel Gegenwind für RISC. Jedoch keimte ein neues Projekt: die Strong-Arm-Technik. Hierbei verheiratete die Firma Digital ihren Alpha-RISC-Chip mit der Low-Power-Strategie von Arm. Mit dem Arm 7 gab es bereits sehr energiesparende Chips auf dem Markt, er war zum Beispiel im Apple Newton implementiert – ein Personal Digital Assistant (PDA)-Gerät aus dem Jahr 1993.

Wir erkannten, dass die Strong-Arm-Technik ebenfalls für die Industrie interessant sein könnte. Unser Kunde mit den Controllern für Laserdrucker, bewegte sich jedoch in Richtung x86 – wir wollten damit nicht weitermachen, sondern verstärkt in Strong-Arm einsteigen und entwickelten erste Eval-Boards. Schließlich verkaufte Digital die Strong-Arm-Technik an Intel. Zunächst gab es kaum Firmen, die wussten, was sie daraus entwickeln sollten – in diese Lücke sind wir vorgestoßen. Jedes Unternehmen, das etwas mit Strong-Arm anfangen wollte, musste zu uns kommen.

Eine interessante Wendung. Was wurde bei Keith & Koep mit Strong-Arm entwickelt?

Zusammen mit Ericsson entwickelten wir ein erstes Smartphone auf Linux-Basis. Ein offenes Betriebssystem (BS) war damals noch nicht so gängig wie heute. Wir kombinierten das BS mit einer Java-Oberfläche und konnten so auf einem Smartphone verschiedene Applikationen realisieren. Das Smartphone war für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlich: Es hatte einen Touch-Screen, eine Tastatur, zudem 3D-Acceleration-Sensoren, mit denen man navigieren sollte. Für das Projekt portierten wir zusammen mit Palo Alto das Linux-BS für Arm. Das blieb nicht lange geheim und sprach sich herum. So bekamen wir in Europa viele Gelegenheiten, unsere Technik am Markt zu platzieren.

Können Sie eine solche Gelegenheit nennen?

Für Siemens sollten wir einen Tablet-Computer für die Patientendatenverwaltung in Krankenhäusern entwickeln. Als BS sollte Windows CE dienen, so entstand auch unser erster Kontakt zu Microsoft. Bei Windows CE bekamen Entwickler den Browser, Applikationen sowie das Betriebssystem bereits mitgeliefert. Als wir das Gerät auf der Internetmesse in Genf vorstellten, gab es viele ungläubige Gesichter, denn drahtlose Verbindungen waren zu der Zeit noch nicht selbstverständlich. Den Siemens Mitarbeitern entgingen die Reaktionen ebenfalls nicht. Also verwarfen sie die Idee mit dem Patientendatensystem – es sollte eine komplett neue Konsum-Geräteklasse entstehen: das Web-Pad namens »SIMpad«.

Waren das Web-Pad und die Kooperation mit Siemens erfolgreich?

Ursprünglich entstand das Projekt mit Siemens Albis in Zürich. Als die Tragweite des Gerätes erkannt wurde, übernahm das Werk Bocholt die Qualitätssicherung für das Gerät, wir hatten die technische Realisierung inne, also vom Layoutentwurf bis zur Portierung des Betriebssystems. Technisch war es seiner Zeit voraus. Es wurde in den Telekom- und Swisscom-Läden verkauft, doch mit 2.000 D-Mark war es zu hochpreisig für den Consumer-Markt, für den Betrag bekam man bereits einen guten Einsteiger-Laptop. Siemens wollte statt dem Web-Pad schließlich lieber PDAs entwickeln, nach einem gescheiterten Versuch in Asien wurde das Projekt eingestellt. Mit Siemens haben wir noch guten Kontakt, wir nutzen das Wissen von damals heute im Medizin-Bereich, jedoch bei ganz anderen Geräten. Zum Beispiel liefern wir seit 2003 Steuerungen für MRT- und CT-Geräte.


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