Schwerpunkte

Recom unterstützt die Medizintechnik

»Unsere Produktionskapazität liegt wieder bei über 80 Prozent«

05. Mai 2020, 08:37 Uhr   |  Engelbert Hopf


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Neuheiten in der Krise?

Gibt es Regelungen, Änderungen, die Sie bei Recom in der Krise eingeführt haben, die sich so gut machen, dass sie auch nach der Krise beibehalten werden?

Wir sind global aufgestellt und müssen jetzt die eine oder andere Reise nicht machen, die eigentlich anstand. Da stellt man sich natürlich die Frage, ob diese Termine wirklich alle Face to Face stattfinden müssen. Ich denke, wenn man mit seinen Partnern in Asien durch eine solche Krise gegangen ist, schweißt das noch mehr zusammen. Natürlich gibt es nach wie vor oft hohen Rede- und Support-Bedarf; bei einem fundierten gegenseitigen Vertrauen, denke ich, lässt sich in Zukunft vieles wahrscheinlich auch per Videokonferenz klären. Ich bin auch der Überzeugung, dass wir die Möglichkeit zum Homeoffice in Zukunft noch stärker nutzen werden als vor der Corona-Krise.

Wir wirkt sich die Corona-Krise auf Ihre Kunden aus? Gibt es Anwenderbranchen, die besonders darunter leiden, gibt es Branchen, die eventuell sogar davon profitieren?

Wir registrierten sehr schnell einen ansteigenden Bedarf aus dem Bereich Medizintechnik. Der Bedarf ist ja nicht nur bei Beatmungsgeräten in den letzten Wochen geradezu explodiert. Da sich nicht nur langjährige Medizintechnik-Entwickler an uns wenden, haben wir uns überlegt, Samples für Entwickler in der Medizintechnik kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das können sie mit minimalem bürokratischem Aufwand direkt über unsere Homepage machen. Wir haben diese Idee inzwischen weltweit in Europa, den USA und schließlich Asien ausgerollt. Ursprünglich wollten wir die Aktion bis Ende April laufen lassen. Aufgrund der regen Nachfrage verlängern wird diese Aktion jetzt bis Ende Juni. In negativer Form werden wir von der Corona-Krise betroffen sein, wenn die Zulieferer der Automobil- und Automotive-Branche unter dieser Pandemie zu leiden beginnen. Wer in Zukunft von der Krise profitieren wird, hängt davon ab, welche Technologien von den Regierungen gestützt werden. Mehr Fridays for Future und der Weg hin zu umweltschonenden Technologien oder ein ausgeprägtes Festhalten an Altbewährtem. Der Konsument wird hier eine entscheidende Rolle spielen.

Recom übernahm im Frühjahr 2019 den italienischen Stromversorgungsspezialisten PCS. Speziell Norditalien war und ist ein Hotspot der Corona-Pandemie. Wirft Sie das bei der Integration von PCS zurück?

PCS produziert in der Krise weiter. Dort fertigen wir Produkte für die Medizin-, Mess- und Bahntechnik und gelten als systemrelevant. Unsere Vorstellung von der Integration von PCS in die Unternehmensgruppe war bereits vor der Corona-Krise abgeschlossen. Was uns mehr Sorgen bereitet, ist die Situation der Zulieferer in Italien. Kommen die an die liquiden Mittel, um den konsequenten Lockdown, in dessen Verlauf ja die Produktion aller nicht direkt lebensrelevanten Produkte untersagt war, zu überstehen? Und reicht es dann auch noch für den Wiederaufschwung nach der Krise? Ich bin der Überzeugung, da müssen wir zu Hilfen auf europäischer Ebene finden, die kontrollier- und messbar sind.

Die Shutdowns erfolgten sehr plötzlich. Nun gibt es zwei Exit-Möglichkeiten: schnelle Rückkehr zu einer Form von Normalität oder aber den Beginn einer tiefgehenden Rezession. Birgt die schnelle Rückkehr extreme Belastungsgefahren für die Lieferkette?

Ich bin überzeugt, dass wir definitiv in eine Rezession eintreten werden. Das, was im Automobilbereich und bei den Zulieferern der Automobilbranche, aber natürlich auch im Konsumbereich in den letzten Wochen verloren ging, lässt sich nicht mehr aufholen. Ich erwarte, dass die Industrie in Europa erst zum Jahresende langsam wieder Fahrt aufnimmt. Mit dem Einsetzen des Aufschwungs rechne ich erst im 1. und 2. Quartal nächsten Jahres. Wie die dann eintretende neue Realität in der Produktion sowie in Transport und der Logistik aussehen wird, kann heute wohl noch niemand sagen.

Wollten Sie in den letzten Wochen neue Produkte vorstellen? Wird die Corona-Krise nach Ihrer Einschätzung im R&D-Bereich zu deutlichen Verzögerungen in der Industrie führen?

Bezogen auf große Unternehmen und Forschungseinrichtungen mag das zutreffen. Auch wir mussten einige Releases verschieben, allerdings ist die Produkt-Pipeline und wird in den nächsten Monaten mit dem Schwerpunkt Herbst ausgerollt. Den Release des langerwarteten 550-W-Geräts RACM550 werden wir speziell über die Online-Schiene unterstützen. Viele Entwickler, die jetzt im Homeoffice sind, haben dort mehr Zeit für kreative, neue Ideen als unter den normalen Rahmenbedingungen ihres Jobs.

In diesem Jahr fallen Schlüsselmessen der Leistungselektronikbranche wie die APEC und die PCIM aus. Welchen Effekt hat das für die Branche? Rechnen Sie damit, dass die InnoTrans und die electronica im Herbst stattfinden werden?

Messen leben von der Präsenz der Besucher, vom Face-to-Face-Erlebnis. Für uns bieten Messen darum die beste Gelegenheit zur Kommunikation mit existierenden und zukünftigen Kunden. Ich denke aber, einen noch größeren Impact haben die Messeabsagen für Startups. Für sie sind diese Events besonders wichtig, um sich zeigen und präsentieren zu können. Schließlich ist es ihr Ziel, dort neue Firmen oder Investoren für ihre Ideen zu finden. Die InnoTrans ist bereits abgesagt, und bei der electronica ist es noch offen.

Durch die Ereignisse der letzten Wochen wurde eine Diskussion über eine Rückabwicklung der Globalisierung angestoßen. Realistisch oder eine Phantomdiskussion?

Ich halte nichts von der in diesem Zusammenhang immer wieder zitierten Globalisierung der Patrioten. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen: Wie definieren wir Globalisierung? Ich gehe davon aus, dass Risikomanagement in Zukunft eine viel größere Bedeutung haben wird. Ganz speziell gilt das für lebenserhaltende Produkte, also etwa Arzneistoffe, Medikamente, Schutzausrüstungen. Ich sage aber auch, wenn ich High-Tech in Europa haben will, dann muss ich auch das nötige Geld dafür zur Verfügung stellen. Im Fall 5G heißt das dann eben, man muss europäischen Herstellern die Möglichkeit geben, entsprechende Lösungen zu marktgerechten Preisen entwickeln und anbieten können. Schlussendlich werden es die Politik und die Konsumenten mit ihrem Kaufverhalten sein, die darüber entscheiden, wo welche Produkte produziert werden.
Es gibt Befürchtungen, dass es nach der Krise zu einer Übernahmewelle durch finanzstarke Firmen und Investoren kommt. Halten Sie das für realistisch?
Diese Befürchtungen werden eintreten. Man kann das auch als Hilfe für diejenigen verbrämen, die keine so tiefen Taschen haben. Ich gebe aber zu, auch wir halten die Augen offen. Wir benötigen dringend zusätzliche Entwicklungskapazitäten. Wenn sich da nach der Corona-Krise Chancen eröffnen, werden wir sie prüfen und, wenn es passt, auch nutzen!

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