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Medizintechnik und Intralogistik

»Die Pandemie gibt der Digitalisierung enormen Schub«

09. April 2020, 08:22 Uhr   |  Engelbert Hopf


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Social Collaboration Tool

Hat die aktuelle Situation dazu beigetragen, dass es bereits zu Wettbewerbsverschiebungen am Markt gekommen ist?

Nein, dafür ist die Zeit der Krise noch zu kurz. Wir haben nur am Markt mitbekommen, dass einige europäische Hersteller bereits Probleme mit ihrem Lager haben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal sagen werde, dass wir Trump für seine Zölle dankbar sein können. Aber er hat uns damit gezwungen, den europäischen Fertigungsstandort auszubauen und die gleichen Produkte an beiden Standorten parallel zu produzieren. So sind wir heute besser für eine solche Krise gerüstet als noch vor zwei, drei Jahren. Ich gehe aber davon aus, dass es für die USA angesichts fehlender Instrumente wie Kurzarbeit und schwacher Sozialsysteme und gesundheitlicher Versorgung wohl am schwierigsten sein dürfte, aus der Krise wieder zur Normalität zu finden.

Gibt es in dieser außergewöhnlichen Situation Aspekte, mit der Krise umzugehen, die sich als so hilfreich erwiesen haben, dass Sie sie nach der Krise beibehalten wollen?

Das Thema Digitalisierung erhält durch die Corona-Krise einen unheimlichen Schub! Es mag sein, dass viele die Notwendigkeit in der Vergangenheit nicht gesehen haben. Es stellt sich konkret die Frage, ob viele Geschäftsreisen wirklich nötig sind oder ob sich das nicht auch mithilfe von Video-Konferenzen regeln ließe. Für uns hat es sich auf jeden Fall ausgezahlt, dass wir schon 2015 bei Puls ein Social Collaboration Tool aufgesetzt haben. Das hat sich jetzt in der Krise bewährt! Ich gehe davon aus, dass das Pendel nach der Krise wieder zurückschwingt, aber nicht mehr zur Situation vor Beginn der Krise. Dafür wurden inzwischen in der Wirtschaft bereits zu viele eingefahrene Wege verlassen.

Gibt es bei Ihren Kunden Branchen, die sich in der Krise als besonders stabil erweisen? In welchen Absatzbranchen sehen Sie aktuell und in Zukunft die größten Herausforderungen?

Alles, was derzeit mit Medizin zu tun hat, läuft sehr gut. Da dieser Bereich bislang nur etwa 5 Prozent des Umsatzes ausmacht, wird er aber kaum die Einbrüche in anderen Bereichen auffangen können. In der Medizintechnik gehen unsere Geräte vor allem in die Bereiche Diagnose und Testverfahren. Im Ansatz beobachten wir derzeit einen Boom in der Intralogistik. Unternehmen wie Amazon investieren da derzeit stark. Schlecht geht es derzeit dem ganzen Automobilbereich. Da gibt es Unternehmen, die zahlen seit zwei Wochen keine Rechnungen mehr! Ich gehe davon aus, dass das im Bereich Maschinen- und Anlagenbau auch noch kommt. Das Problem besteht ja auch darin, in der Produktion einen Mindestabstand von etwa 2 m zwischen den Mitarbeitern einzuhalten. Wer das nicht kann, schließt sein Unternehmen. Diese Fälle hatten wir bereits in der Schweiz.

Der Shutdown erfolgte in Deutschland und Europa sehr kurzfristig. Besteht die Gefahr, dass es nach der Aufhebung der weltweiten Shutdown-Maßnahmen zu Problemen in der Lieferkette kommt?

Der Exit aus dem Shutdown wird auf jeden Fall eine organisatorische Herausforderung werden. Ich denke aber, das wird nicht schlagartig erfolgen. Das wird ein Übergangsprozess von mehreren Monaten werden. Viele werden abwarten, ob die Bedarfe überhaupt auf dem Niveau der Vorkrisenzeit zurückkommen. Es besteht ja auch die Gefahr, dass die Bedarfe wieder übergroß dargestellt werden und es dann wieder zu denselben Peitscheneffekten wie am Ende der letzten Allokation 2017/18 kommt.

Sie wollten eigentlich vor Kurzem eine neue Gerätefamilie vorstellen, das wurde durch die Pandemie nun auf Mitte April verschoben. Was werden Sie dann vorstellen?

Wir wollten sogenannte Zero-Cabinet-Geräte mit IP67 vorstellen. Wir folgen damit einem Trend, infolge dessen immer häufiger im Maschinen- und Anlagenbau nach Stromversorgungen verlangt wird, die direkt an der jeweiligen Maschine angebracht werden, Stichwort: On Machine. Wir haben dazu ein umfassendes System mit 35 Typen entwickelt. Unser USP steckt dabei im Gehäuse. Dank des hohen Wirkungsgrades unserer Stromversorgungen können wir alle notwendigen Anforderungen an eine solche IP67-Lösung über das Gehäuse regeln, ohne etwas am Aufbau und der Auswahl der für diese Stromversorgungen benötigten Komponenten zu verändern. Wir können sowohl ein- als auch dreiphasige Geräte anbieten. Entwickelt wurde diese Zero-Cabinet-Linie in Wien.

Gehen Sie davon aus, dass es durch die Corona-Krise weltweit im R&D-Bereich zu größeren Verzögerungen kommen wird?

Normalerweise arbeiten ja Teams mit mehreren Leuten an der Entwicklung neuer Produkte oder Prozesse. Soweit es sich nicht um Soft-, sondern um Hardware-Themen handelt, lässt sich so was schlecht ins Homeoffice delegieren. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Krise im R&D-Bereich Verzögerungen von mehreren Monaten nach sich ziehen wird.

Schlüsselmessen der Leistungselektronik wie die APEC oder die PCIM fallen in diesem Jahr aus oder werden verschoben. Welchen Effekt wird das auf die Branche haben?

Wenn die Elektronikbranche alternative Möglichkeiten des Austausches findet, könnte das durchaus zur Folge haben, dass Messen in Zukunft kleiner werden. Das hängt aber ganz entscheidend von der angestoßenen Entwicklung im Bereich Digitalisierung ab. Vielleicht finden die Messeveranstalter auch Möglichkeiten, ihre Messen via VR-Brillen in den virtuellen Raum zu verlegen. Vielleicht ergeben sich so aber auch neue Möglichkeiten für ganz neue Anbieter sowie Kommunikations- und Präsentationsformen.

Die Bundesregierung hat zwei Maßnahmenpakete im Wert von fast 2 Billionen Euro auf den Weg gebracht, um KMUs und auch große Unternehmen in der Krise zu unterstützen. Wie beurteilen Sie diese Anstrengungen?

Grundsätzlich halte ich das für den richtigen Ansatz. Aber bei der nötigen Schnelligkeit wird es eine große Herausforderung sein, das Geld nicht für Unternehmen zu verschwenden, deren Probleme in ihrem Geschäftskonzept wurzeln, sondern die richtigen zu erhalten. Auf diese Weise Zombie-Unternehmen am Leben zu erhalten kann nicht das Ziel sein. Mittel- und langfristig sollte man vielleicht auch überlegen, den Unternehmen die langjährige Rückzahlung der jetzt gewährten Unterstützung zu erlassen. Sonst hätten die Kredite dann zwar über die Krise hinweggerettet, aber die Rückzahlung würde danach ihre unternehmerische Handlungsfreiheit einschränken.

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