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Interview mit Jörg Mayer, Spectaris

»Nie war die Digitalisierung wichtiger als heute«

21. Oktober 2020, 15:15 Uhr   |  Nicole Wörner


Fortsetzung des Artikels von Teil 2 .

Photonik 4.0 - und ein Rat für die deutschen Photonik-Mittelständler

Sie haben den Begriff „Photonik 4.0“ kreiert. In Anlehnung an Industrie 4.0 geht es hierbei unter anderem um die Digitalisierung. Wie ist die deutsche Photonik-Branche derzeit im Vergleich zu den anderen Ländern und Weltregionen aufgestellt?

Photonik 4.0 liefert die entscheidende Schnittstelle zwischen der realen Welt und der virtuellen aus Einsen und Nullen. Heute sind es vor allem Kameras und optische Sensoren, die datenhungrige Computer mit ausreichend vielen Echtzeitdaten füttern. Auf der anderen Seite ist der Laser eines der wichtigsten Arbeitsmittel in der modernen Produktion, der sich ohne Werkzeugwechsel on-the-fly an verschiedenste Bearbeitungsaufgaben anpassen lässt. Da Deutschland traditionell auch im Maschinen- und Anlagenbau stark aufgestellt ist, belegt die deutsche Photonik-Industrie eine starke Ausgangsposition für Photonik 4.0. Viel zu oft wird jedoch noch von der Hardware aus gedacht und entwickelt. Mit der Digitalwirtschaft, wie sie in den USA anzutreffen ist, und einer Skalierungsfähigkeit wie in China wäre die deutsche Photonik 4.0 sicher unangefochten. So ist es ein Wettbewerb unter Besten.

Zu Beginn dieses Jahres, vor Corona, haben Sie gesagt: »Wir erwarten eine Dekade großer Innovationen.« Würden Sie das angesichts der weltweit wirtschaftlich schwierigen Zeiten heute nochmal so unterschreiben?

Ich denke, ja. Innovationen – zum Beispiel auf Grundlage der Quantentechnologien – bahnen sich ihren Weg in die Produkte der realen Welt und werden unsere Vorstellungen bezüglich der Leistungsfähigkeit von Computern, Sensoren und Kommunikationsnetzwerken in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Erkennbar ist auch die große Aktivität bei der Erforschung neuer, auf der Photonik basierender Technologien, die früher oder später ihren Durchbruch erfahren werden. Die Quantentechnologie ist auch hier ein hervorragendes Beispiel. Es ist durchaus möglich, dass manche Entwicklung durch die Corona-Pandemie abgebremst wurde, ohnehin lässt sich ein genauer Zeitpunkt des erwähnten Durchbruchs schwierig vorhersagen. Aber letztlich ist es auch gut denkbar, dass die Erfahrung rund um diese Pandemie manche Innovation noch schneller vorantreibt als zuvor.

Allen Unwägbarkeiten zum Trotz: Wie sehen Sie die wirtschaftliche Zukunft der deutschen Photonik-Branche?

Die Vielfältigkeit und die gute Vernetzung der Marktteilnehmer sind Garanten dafür, dass sich die deutsche Photonik-Branche unter den wechselnden globalen Bedingungen immer wieder neu und erfolgreich positionieren kann. Von daher bin ich sehr optimistisch, sofern sich diese Voraussetzungen an unserem Standort nicht ändern.

Was würden Sie dem deutschen Photonik-Mittelstand aktuell raten?

Ich weiß ja, dass antizyklisches Handeln gerade in Krisenzeiten anspruchsvoll ist, weil zunächst die kurzfristigen Probleme zu lösen sind. Aber gerade jetzt gilt es, an Universitäten, Instituten und unter Gründern intensiv nach Kooperationen zu suchen, mit denen geforscht, entwickelt und eine technologische Alleinstellung erreicht werden kann. Aktuell sind wir vergleichsweise satt ausgestattet mit Mitteln der staatlichen Forschungsförderung. Der Topf der industriellen Gemeinschaftsforschung wurde Corona-getrieben gerade um 50 Millionen Euro aufgestockt, und die am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretene steuerliche Forschungsförderung liefert erstmals steuerliche Anreize für Investitionen in die eigene Forschung und Entwicklung. Dazu kommen Landesförderprogramme und nicht zuletzt die der Europäischen Kommission.

Staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen ist die eine Sache. Aber was können und müssen die Unternehmen aus eigener Kraft bewerkstelligen?

Noch nie war die Digitalisierung wichtiger, auch wenn der Begriff strapaziert ist: Notgedrungen hat Corona die Digitalisierung in vielen Betrieben massiv vorangetrieben, nicht nur durch Webkonferenzen, sondern auch in Produktions- oder Verwaltungsprozessen. Das birgt für die Unternehmen ein zusätzlich erhöhtes Risiko, die nicht selbst in Digitalisierung investieren: Sie könnten in einen dauerhaften Rückstand geraten. Deswegen mein Rat: Jeder Mittelständler sollte gerade jetzt alle betrieblichen Prozesse genau unter die Lupe nehmen und seine Digitalisierung in die eigene Hand nehmen.

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