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Interview mit Jörg Mayer, Spectaris

»Nie war die Digitalisierung wichtiger als heute«

21. Oktober 2020, 15:15 Uhr   |  Nicole Wörner


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

"Ausländische Investoren scannen sehr systematisch..."

Krisenzeiten bringen oft eine Marktkonsolidierung mit sich. Da kommen nationale und internationale Großkonzerne und Finanzinvestoren gerne auf die Idee, angeschlagene KMUs aufzukaufen und sich deren Expertise zu sichern. Sehen Sie diesen Trend auch in der Photonik-Branche?

Grundsätzlich scannen ausländische Investoren sehr systematisch, wo KMUs der Photonikbranche günstig zu erwerben sind. Noch häufiger als in Krisensituationen ist das bei anstehenden Generationswechseln inhabergeführter Unternehmen zu beobachten. Viele deutsche KMUs wünschen sich von der Politik, dass sie durch entsprechende Rahmenbedingungen bei Unternehmensübergängen innerhalb Deutschlands besser geschützt werden. Diesem Trend wird seit Mai 2020 durch die Novelle der Außenwirtschaftsverordnung (AWV) Rechnung getragen, die im Wesentlichen auch Erweiterungen bei der sektorbasierten Investitionskontrolle vorsieht – durch verschärfte Prüfungen ausländischer Investitionen vor allem im Bereich der Medizintechnik und der IVD-Hersteller.

Zur Erläuterung: Die 15. AWV-Novelle, die am 20. Mai 2020 von der Bundesregierung beschlossen wurde, markiert den Beginn einer Reihe von Gesetzesänderungen. Mit ihnen sollen die Regeln zur Kontrolle ausländischer Investitionen in Deutschland verschärft und der Anwendungsbereich der Investitionskontrolle erweitert werden. Ausgelöst durch die aktuelle Covid-19-Pandemie, ist die Bundesregierung zur Auffassung gelangt, dass die sektorübergreifende Investitionskontrolle in ihrer aktuellen Gestalt nicht ausreicht, um die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems in Deutschland langfristig sicherzustellen. Angetrieben wird dieser Gedanke zusätzlich von Befürchtungen über künftige vergleichbare Krisensituationen. Mit der Novelle wird der Kreis meldepflichtiger Erwerbe daher mit dem Ziel erweitert, ein breites Spektrum ausländischer Investitionen in deutsche Zielgesellschaften zu erfassen, die im Bereich Gesundheitswesen und Infektionsschutz tätig sind.

Welche Photonik-Absatzmärkte haben sich in der aktuellen Krise als besonders widerstandsfähig erwiesen? In der Medizintechnik beispielsweise müsste es doch eigentlich eine erhöhte Nachfrage nach optischen Technologien gegeben haben, oder?

Die Medizintechnik als Photonik-Absatzmarkt hat nur geringfügig von der aktuellen Krise profitiert, weil die Corona-bedingt erhöhte Nachfrage tatsächlich nur wenige Unternehmen beziehungsweise Bereiche betrifft. Grundsätzlich hat der Rückgang an Investitionen und Umsätzen sowohl im Krankenhausbereich als auch in der ambulanten Versorgung die kurzfristigen Einbrüche in der Photonik mit verursacht. Auch der Automobilsektor zum Beispiel hat es derzeit schwer. Im Unterschied dazu setzen die Firmen weiterhin große Hoffnungen ins wachsende Halbleitergeschäft und in die Telekommunikation.

Deutschland ist traditionell stark in der Medizintechnik und der Photonik – was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Deutschland verfügt über eine einzigartige Dichte an Forschungsinstituten, Universitäten und Entwicklungslaboren. Das sind beste Voraussetzungen, denn die Photonik und die Medizintechnik beruhen auf anspruchsvollen technischen Lösungen, die ein enges Kompetenz- und Wissens-Netzwerk erfordern – und zwar von der Entwicklung bis hin zur Produktion. Außerdem ist die Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen und Industrie gut etabliert und wird staatlich gefördert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Forschungsvereinigung Feinmechanik, Optik und Medizintechnik: Sie ist eigens dafür gegründet, projektbasierte Gemeinschaftsforschung aus Industrie und Instituten zu ermöglichen. Schwierig wird es dagegen bei der Hochskalierung von photonischen Massenprodukten wie der LED-Beleuchtung oder Solarzellen. Hier spielen asiatische Marktteilnehmer ihre Vorteile in den Produktionskosten aus.

Welche Produktgruppen erfahren derzeit die stärkste Nachfrage?

Noch mehr als vor der Corona-Pandemie spielt die Digitalisierung eine Hauptrolle. Natürlich profitiert die Photonik als Schlüsseltechnologie des digitalen Wandels von dieser Entwicklung. Ein Beispiel dafür ist die Messtechnik: Insbesondere die optische Messtechnik erfährt eine im Branchenvergleich starke Nachfrage. Alles, was sich messen lässt, wird auch gemessen – mit einem Hand-Infrarot-Temperaturmessgerät bis zur höchstgenauen optischen Atomuhr.

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