Schwerpunkte

Exklusiv-Interview mit Rohde & Schwarz

»Wir wollen im Automobilsegment überproportional wachsen«

12. Juni 2018, 10:45 Uhr   |  Nicole Wörner


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Stolpersteine, Kabel-Trends und Unternehmensstrukturen

Wo liegen die größten Stolpersteine für die Kunden?

Eine große Herausforderung für die Entwickler ist es, die Interferenzen in den Griff zu bekommen. Dies ist eine Rohde-&-Schwarz-Domäne. Nehmen wir als Beispiel das Abstandsradar. Dieses muss zu 100 Prozent zuverlässig und präzise funktionieren, um ein sicheres Bewegen des Fahrzeugs im Straßenverkehr zu gewährleisten. Nun ist dieser Radarsensor jedoch vorne hinter der Stoßstange oder einem Emblem versteckt, das den Sensor im ungünstigsten Fall in seiner Funktion beeinträchtigt oder ihn sogar ausfallen lässt. Aufbauend auf unserem Know-how aus der Entwicklung des Körperscanners – der mittlerweile an vielen Flughäfen weltweit zu finden ist – haben wir den Automotive-Radom-Scanner R&S QAR entwickelt. Er ist speziell für die Performance-Charakterisierung von Radarabdeckungen wie Emblemen und Stoßfängern ausgelegt. Mit einem vollständigen Frequenz-Sweep von 75 bis 82 GHz wird die Materialdämpfung und das Reflexionsvermögen des Messobjekts in den 77- und 79-GHz-Automotive-Radarbereichen gemessen. Das erfolgt in Sekunden bei einer Auflösung von circa 1 mm. Zum Vergleich: Frühere Lösungen basierend auf Vektornetzwerkanalysatoren haben lediglich wenige Punkte analysiert. Das neue System kommt in der Forschung und Entwicklung, der Qualitätssicherung und sogar in der Produktion zum Einsatz. Ein weiteres Beispiel ist unser für die Produktion optimierter Target-Simulator für Radarsensoren R&S AREG100A. 

Jürgen Meyer, Rohde & Schwarz: »Ziel von Rohde & Schwarz ist es immer, neue Standards als erster zu implementieren. Dazu müssen wir schon bei deren Ausarbeitung und Definition mitwirken.«
© Rohde & Schwarz

Jürgen Meyer, Rohde & Schwarz: »Ziel von Rohde & Schwarz ist es immer, neue Standards als erster zu implementieren. Dazu müssen wir schon bei deren Ausarbeitung und Definition mitwirken.«

Das Auto der Zukunft wird nicht ohne Kabel auskommen. Welche Trends sehen Sie hier?

Der vielleicht wichtigste aktuelle Trend ist das Automotive Ethernet. Mit Automotive Ethernet wird eine schnelle und kostengünstige Datenkommunikation möglich, indem Fahrzeugelektronik untereinander und mit ihren Sensoren vernetzt werden. Die Automobilindustrie hat die Open-Alliance-BroadR-Reach-Bitübertragungsschicht – auch bekannt als IEEE 100BASE-T1 – als Kommunikationsstandard für Automotive Ethernet spezifiziert. Dieser kommt mit einer normalen Twisted-Pair-Verkabelung aus und ermöglicht die Hochgeschwindigkeitskommunikation beispielsweise beim Audio- oder Video-Streaming. Bei 100BASE-T1 und auch 1000BASE-T1 werden die Daten über ein ungeschütztes, verdrilltes Leitungspaar übertragen. Zur Schnittstellenverifizierung ist eine Konformitätsprüfung erforderlich. Rohde & Schwarz bietet als erster Hersteller eine komplette Automotive-Ethernet-Konformitätstestlösung hierfür an, bestehend aus einem Oszilloskop und einem Netzwerkanalysator. 

Rohde & Schwarz ist traditionell sehr engagiert in Sachen Standardisierung im Mobilfunk. Wie sieht es im Automotive-Bereich aus?

Wir sind Mitglied in der 5GAA (5G Automotive Association). Ziel von Rohde & Schwarz ist es immer, neue Standards als erster zu implementieren. Dazu müssen wir schon bei deren Ausarbeitung und Definition mitwirken. 

Wie sieht die nationale und internationale Strategie Ihres Automotive-Segments aus?

Natürlich ist der deutsche Markt für uns als deutsches, familiengeführtes Unternehmen besonders wichtig. Unsere Leitkunden sind hier die Premium-OEMs. Damit haben wir schon mal beste Referenzen. Aber sicherlich wird auch China ein großer Markt für uns werden. Damit meine ich sowohl die Automobilhersteller als auch ihre komplette Zulieferindustrie. Es ist schon beeindruckend, was da gerade passiert. Mehr als 100 neue OEMs entstehen dort, auch dank der staatlichen Unterstützung. Diese neuen Unternehmen brauchen modernste Technologien, um sich im internationalen Wettbewerb differenzieren zu können. Doch es sind noch einige Hürden zu nehmen. Zwar hat sich China bereits auf 5G und die C-V2X-Technologie festgelegt und es werden auch 77-GHz-Radare entwickelt, aber es gibt dort noch viele EMV-Probleme. Die Industrie wächst sehr schnell und den neuen Playern fehlt die jahrelange Erfahrung. Hier können wir als Marktführer mit weltweit mehr als 1200 Turnkey-Installationen punkten. 

Das Potential ist also groß. Welche Ziele haben Sie für den Automotive-Bereich definiert und wie wollen Sie diese erreichen?

Nun, das vornehmliche Ziel des Unternehmens ist natürlich Wachstum. Und im Automotive-Segment wollen wir überproportional wachsen. Konkret ausgedrückt: Wir wollen im Bereich Messtechnik für Radar und Automotive Ethernet die Nummer 1 werden. Mit unseren Technologien und dem internationalen Netzwerk haben wir eine ausgezeichnete Ausgangsbasis, allerdings müssen wir unseren Bekanntheitsgrad in der Branche noch deutlich erhöhen. Über die stärkere Fokussierung auf das Automobilsegment stärken wir unser Marktverständnis und wissen noch konkreter, was den Kunden bewegt und was er braucht. Die grundlegende Botschaft ist klar: Wir wollen keine Me-too-Produkte auf den Markt bringen, sondern es ist uns wichtig, innovative Technologien in der Automobilindustrie als erste zu unterstützen und weltweit auszurollen. Der Fokus liegt ganz klar auf Proaktivität, sowohl in der Entwicklung als auch im Vertrieb.

Ist das mit den bestehenden Unternehmensstrukturen realisierbar? Immerhin ist Ihr Vertrieb bislang stark produktbezogen und marktübergreifend unterwegs…

Das ist bislang unsere große Stärke; marktübergreifend genutzte Technologien und Produkte sind die Basis, auf der wir aufbauen und uns weiterentwickeln können. Dennoch wird sich Rohde & Schwarz künftig stärker auf Kunden und Marktsegmente ausrichten. Die Kunden sprechen in den einzelnen Märkten jeweils eine ganz individuelle Sprache, die wir stellenweise erst noch lernen müssen. Dieses Kundenverständnis wollen wir im Unternehmen stärken und haben dazu Marksegmente wie Automotive organisatorisch verstärkt. Das ermöglicht es uns, als Organisationseinheit »Automotive« zusammen mit den Produktbereichen passende Produkte für die Branche zu entwickeln und sie weltweit zu vertreiben. Uns kommt zugute, dass wir ein deutsches Unternehmen mit großer Fertigungstiefe sind. Wir entwickeln beispielsweise ASICS für unsere Messgeräte, denn nur so erzielen wir die hervorragende Performance. Damit erreichen wir auch die von unseren Kunden erwartete Zuverlässigkeit bei sehr hohen Qualitätsstandards. Das ist nicht nur in der deutschen Automobilindustrie wichtig. Und genau hier differenzieren wir uns auch vom Mitbewerb.

Das Interview führte Nicole Wörner.

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2. Stolpersteine, Kabel-Trends und Unternehmensstrukturen

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