Kommentar Zwischen Wunsch und Realität

Engelbert Hopf, Chefreporter, EHopf@markt-technik.de

Auch wenn die deutschen Automobilhersteller inzwischen klare Ziele und Roadmaps für ihre E-Mobility-Aktivitäten haben, ist das Problem der ausreichenden Zellenversorgung in Deutschland noch nicht gelöst.

Sie kennen das sicher: Sie haben die Ketchup-Flasche in der Hand, Sie schütteln sie, aber es kommt erst mal nichts, und wenn es dann kommt, ist es definitiv zu viel. So ähnlich hat vor Kurzem ein Automobil-Manager die Situation bei den Elektrofahrzeugen beschrieben. Erst war die Dosis homöopathisch, und inzwischen überbieten sich alle darin, möglichst schnell Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen.

VW setzt seine Produktionsziele in Sachen E-Autos fast quartalsweise hoch, andere kündigen an, jedes Neufahrzeug mindestens als Hybrid-Fahrzeug auf den Markt bringen zu wollen. Wieder andere wie Audi setzen erst mal nur auf ein, zwei E-Tron-Modelle. Allen gemein ist aber, sie brauchen Batterien. Wenn diese nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, kann es sein, dass weniger mehr ist. So kann die beschränkte Verfügbarkeit geeigneter Batterien einer der Gründe dafür sein, dass sich die Lieferzeiten für E-Autos doch zum Teil deutlich unterscheiden.

Zwar wurden letzte Woche auf dem Batterieforum Deutschland in Berlin unter anderem Folien gezeigt, auf denen allein in Deutschland neun Standorte von Lithium-Ionen-Batterie-Herstellern markiert waren. Doch auch hier gilt, auch wenn die Standorte bereits existieren und sich nicht erst in Planung befinden, so ist ihr Produktionsausstoß derzeit noch sehr gering. Wie dann innerhalb weniger Jahre die Skalierung auf deutlich zweistellige GWh-Produktionen pro Jahr gelingen soll, bleibt das Geheimnis der Betreiber.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass sich inzwischen auch die mächtigen Betriebsräte der deutschen Automobilbauer Sorgen machen. So will der Daimler-Vorstand bis 2025 ein Viertel aller verkauften Autos als reines Batteriefahrzeug oder als Plug-in-Hybrid verkaufen und erwartet dabei weder Probleme bei der Qualität noch bei der Versorgung. Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht brandmarkt diese Einstellung des Vorstands als »fast schon naiv«. Er prognostiziert vielmehr, »dass es Engpässe und unerwartete Preisaufschläge geben wird«.

Volkswagen-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh seinerseits sieht die Politik in der Verantwortung beim Aufbau einer leistungsfähigen Ladeinfrastruktur. Als Global Player denkt er in großen Dimensionen und sieht das als Aufgabe der Europäischen Union. Nur bei einer entsprechenden Infrastruktur würden die Kunden bereit sein, genügend E-Autos zu kaufen, um die von der Politik gesetzten Klimaziele zu erreichen.

Nichts Neues, mögen Sie sagen, alles seit Jahren bekannt. Doch weder die Automobilindustrie noch die Politik haben den Willen erkennen lassen, frühzeitig gestaltend tätig zu werden. Fazit: 2019 wurden in Deutschland 63.300 Stromer neu zugelassen. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die CO2-Flottengrenze für die Automobilhersteller erst ab 2020 gilt. Anders gesagt, ab jetzt zählen ihre Bemühungen wirklich. Bleibt abzuwarten, was sich noch in Sachen Batterien und Ladestationen tut.