Kommentar Zwei Seiten einer Medaille

Engelbert Hopf, Chefreporter, EHopf@weka-fachmedien.de

Kriegswirtschaft bedeutet letztlich nichts anderes als Priorisierung. Die Richtung gibt dabei in letzter Instanz die jeweilige Regierung vor.

Kriegswirtschaft: Mit diesem Terminus umschreiben einige die Veränderungen, die sich in den westlichen Industrienationen vollzogen haben, seit die Corona-Pandemie sich über China hinaus verbreitet hat. Im Wesentlichen verbirgt sich dahinter ein dirigistischer Ansatz, der es Regierungen und ihren Organen erlaubt, direkt auf den Produktionsprozess der Industrie Einfluss zu nehmen.

Prominentestes Beispiel dafür war in den letzten Wochen sicher die Anweisung von US-Präsident Trump an General Motors, Beatmungsgeräte zu produzieren. In anderen Fällen bedarf es gar keiner Anweisung. Stattdessen gehen Unternehmen von selbst dazu über, ihre Entwicklungs- und Produktionsressourcen den neuen Herausforderungen anzupassen. Beispiele dafür gibt es in den letzten Wochen genug.

Stellvertretend seien hier etwa amerikanische Halbleiter-Hersteller genannt. Nach der Devise „Tue Gutes und rede darüber“ gaben sie bekannt, nun Aufträge medizintechnischer Unternehmen zu priorisieren oder gar zusätzliche Produktionskapazitäten dafür zu schaffen. Wie es für amerikanische Unternehmen üblich ist, wird der Kampf gegen das Virus häufig auch von entsprechenden Spendenaktionen begleitet, bei denen das Unternehmen die durch die Mitarbeiter gespendete Summe verdoppelt.

Mit einer gewissen Verzögerung ist diese öffentliche Darstellung des eigenen Engagements in Krisenzeiten nun auch hierzulande angekommen. Auch bei uns lassen sich inzwischen CEOs und hohe Manager gerne mit ihren Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19 zitieren. Es geht dabei um Systemrelevanz, um die positive Konnotation in außergewöhnlichen Zeiten.

Systemrelevant bedeutet auch krisenfest, und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird die Produktion der Komponenten- und Subsystemlieferanten aufrecht erhalten, da sie ja dringend benötigt wird; gleichzeitig können sich die Gerätehersteller darauf verlassen, dass sie mit den dringend benötigten Komponenten und Subsystemen zuverlässig beliefert werden.

Ein Umstand, der mit den fortschreitenden Konsequenzen der weltweiten Lockdowns inzwischen bei immer mehr Herstellern von nicht medizintechnischen Geräten zu gewissen Sorgen führt. Je mehr die Priorisierung von medizintechnischen Geräteherstellern im weitesten Sinne üblich wird, desto größer ihre Sorge, letztlich ins Hintertreffen zu geraten. Es sind ja nicht nur die Priorisierungsmaßnahmen.
Minimierte Luftfrachtkapazitäten, überlastete Zolleinrichtungen – in Summe kann das derzeit zu Lieferverzögerungen von bis zu vier Wochen führen. Als Hersteller nicht „kriegsrelevanter“ Güter bedarf es da schon einer sehr guten Lieferkette und Bevorratungsstrategie, um in Corona-Zeiten nicht ins Hintertreffen zu geraten.