Interview Varta Microbattery setzt auf stationäre Energiespeicherung

Ausgehend von Microbatterien will Varta Microbattery in Zukunft nicht nur die Marktführerschaft bei Hörgerätebatterien ausbauen, sondern sich mit größeren Lithium-Ionen-Zellen neue Märkte wie E-Mobility und die stationäre Energiespeicherung erschließen, wie Herbert Schein, CEO von Varta Microbattery erläutert.

Markt&Technik: Varta Microbattery hat auf der Intersolar Energiespeicherlösungen für Solarstrom vorgestellt. Wird dieses Marktsegment in Zukunft neben E-Mobility zu den neuen Wachstumsfeldern des Unternehmens zählen?

Herbert Schein: Wir haben für den Einstieg in den Bereich der Erneuerbaren Energien den Bereich Varta Micro Storage gegründet. Als erstes Produkt bringen wir die Engion-Family-Lösung, die in jedem Haushalt angeschlossen werden kann und für jede Photovoltaikanlage geeignet ist. Unsere Lösung, die auf Lithium-Eisen-Phosphat basiert, ist praktisch wartungsfrei, sehr zyklenstabil und platzsparend. Die Lebensdauer eines solchen Systems ist für unsere Kunden von großer Bedeutung. Deshalb legen wir unser System für 20 Jahre aus, da es jederzeit mit neuen Modulen erweitert werden kann.  

Bei den eingesetzten Lithium-Ionen-Zellen greifen Sie auf Technologie zurück, die ursprünglich für den E-Mobility-Einsatz entwickelt wurde. Mit welchen Absatzzahlen rechnen Sie zu Beginn in diesem neuen Marktsegment?

Schon heute sind in Deutschland über 1 Million Solarsysteme installiert. Bislang ist es aber nur möglich, etwa 20 Prozent des selbst generierten Stroms selbst zu nutzen. Über die dezentrale Speicherung wird es zukünftig möglich sein, in der Größenordnung von 70 Prozent der von Hauseigentümern erzeugten Solarenergie selbst zu nutzen. Der Markt ist erst am Anfang. Wir werden in diesem Jahr noch die Pioniere bedienen. Unser Ziel ist es bereits 2013/14 relevante Umsätze in diesem Bereich zu erzielen. Der Einstieg unseres Engion-Family-Systems liegt bei 3,7 kWh und kann erweitert werden zu unserem Engion-Family-Max-Systems mit 13,8kWh. Das ist der Bereich, der aus Sicht des Eigenheimeinsatzes Sinn macht. Sollte es in Zukunft zu einer staatlichen Förderung des Eigenverbrauchs kommen, rechnen wir mit einem deutlichen Anstieg der Nachfrage.

Während es sich bei »Engion« um eine Aktivität handelt, deren Entwicklung vor einem Jahr intensiviert wurde, können Sie bei der Volkswagen Varta Microbattery Forschungsgesellschaft inzwischen auf eine fast dreijährige gemeinsame Entwicklung zurückblicken. Haben Sie ihre Ziele erreicht und wenn ja, wann ist mit dem Produktionsbeginn entsprechender Lösungen zu rechnen?

Wir haben bislang alle gesetzten Zielmarken erreicht. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Monaten eine Entscheidung darüber fällt, wie die Ergebnisse dieser gemeinsamen und exklusiven Forschungsarbeit umgesetzt werden. Eine Entscheidung über den Bau einer entsprechenden Fertigung könnte bereits  in absehbarer Zeit fallen. Die Infrastruktur für eine solche Fabrik ist in Ellwangen am besten und Platz dafür hätten wir auch.

Welche Größe würde so eine Lithium-Ionen-Fab, in der neben den Zellen für die E-Mobility-Anwendungen ja auch die Zellen für die stationäre Energiespeicherung produziert werden könnten, in etwa haben? Von welchen Produktionszahlen gehen Sie aus?

Eine kleinere Li-Ionen Fabrik wäre mit etwa 4 Millionen Zellen pro Jahr ausgelegt und eine Fabrik, mit der man die Economy-of-Scale erreicht auf 25 Millionen Zellen, was Kapazität genug wäre für 100.000 Elektrofahrzeuge pro Jahr.

Gäbe es aus heutiger Sicht für die dort produzierten Zellen noch andere Anwendungen als E-Mobility und stationäre Energiespeicherung?

Wir sehen einen zusätzlichen Bedarf im USV-Bereich. Die Elektrochemie können wir sogar noch optimieren im Vergleich zur Energiezwischenspeicherung. In der USV-Anlage geht es um die Backup-Funktion, Zellen zur Energiezwischenspeicherung dagegen sind auf eine maximale Zahl von Zyklen ausgelegt. Wir führen in dieser Richtung bereits erste konkrete Gespräche. Mittelfristig gehen wir davon aus, dass für USV-Anwender im Wiederbeschaffungsfall Lithium-Ionen-Akkus in vielen Fällen die bessere Lösung wären.

Varta Microbattery stand in der Vergangenheit für Microbatterien. Mit Ihren neuen Aktivitäten stoßen sie nun in ganz neue Marktsegmente vor. Sie treten aus der Nische heraus, in den direkten Wettbewerb mit den Big-Playern des Batterie- und Akku-Geschäfts. Ist das nicht ein riskanter Schritt?

Unsere Vision ist es, die neue Varta aufzubauen. Ausgehend von unserem erfolgreichen Kerngeschäft und der Lithium-Ionen-basierten Mikrobatterien wollen wir in Zukunft verstärkt von Megatrends wie der stationären Energiespeicherung und E-Mobility profitieren. Die Energiewende bietet uns dazu eine wunderbare Chance! Wir werden unsere Marktführerschaft in verschiedenen Segmenten im Kerngeschäft weiter ausbauen und zusätzlich Batterien für E-Mobility und Energiezwischenspeicherung liefern.  Unser Ziel ist dabei ein Marktanteil in Deutschland von 30 Prozent bei der dezentralen  Energie-Zwischenspeicherung in Haushalten sowie zweistelligen Umsatz und Ertragswachstum für die Zukunft.