Kommentar Smart Grid unter Zeitdruck

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Ob erneuerbare Energien, Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze, Smart Grid und Smart Metering oder Elektromobilität - die Hersteller von elektronischen Komponenten versprechen sich kräftiges Wachstum von all diesen neu entstehenden Märkten. Dass die Bundesregierung angekündigt hat, die Energiewende definitiv einläuten zu wollen, hat noch einmal einen mächtigen Schub gegeben. Selbst Skeptiker gerieten in Aufbruchsstimmung.

Nun aber warnen Stimmen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, dass die Energiewende - kaum dass sie gestartet ist - schon stecken bleiben könnte. Denn Schwierigkeiten gibt es, wohin man blickt: Erstens stockt der Bau neuer Übertragungsleitungen - die Stromautobahnen sind aber erforderlich, um Energie über weite Strecken zu transportieren. Es lässt sich trefflich darüber streiten, wie viel neue Trassenkilometer tatsächlich gebraucht werden - der derzeitige Ausbau kann aber selbst für äußerst niedrige Bedarfsschätzungen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht mithalten. Wenn es aber zu Engpässen in der Energieversorgung käme, dann dürfte die heute so positive Meinung in der Bevölkerung zur Energiewende schnell umschlagen. 

Um aus vielen erneuerbaren Quellen die Energie ins Mittel- und Niederspannungsnetz einspeisen zu können, um Lastmanagement durchführen zu können, die »Prosumer« zu virtuellen Kraftwerken zu verschalten und um Elektrofahrzeuge einzubinden, müssen die Versorger und Netzbetreiber viele Daten sammeln. So können sie die Erzeugung dem Bedarf anpassen. Intelligente Zähler wären ein Weg, um die Daten zu erehben. Nach einem hierzulande zögerlichen Start könnten sie - nachdem das BSI das Schutzprofil festgelegt hat - ab nächstem Jahr - in größerer Zahl installiert werden, zumal der Gesetzgeber die Schwelle, ab der die Verbraucher solche Zähler installieren müssen, voraussichtlich deutlich unter die jetzigen 6.000 kWh pro Jahr senken wird.

Aber solange es keine variablen Tarife gibt, sind die Zähler im Grunde überflüssig, Lastmanagement lässt sich so jedenfalls nicht betreiben. Neue Geschäftsmodelle können nicht entstehen.
Einerseits den Ausbau der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen mit riesigen Geldbeträgen zu fördern und den Markt zu regulieren, andererseits aber den Ausbau der Infrastruktur dem freien Markt zu überlassen - dass dürfte auf Dauer nicht funktionieren.

Es wäre also mehr erforderlich, als hier und dort mal in ein paar Pilotprojekten auszuprobieren, was man technisch so machen kann. Das viel zitierte Smart Grid ist ein hochkomplexes Gebilde, hier müssen die Beteiligten in groß angelegten Projekten Erfahrung sammeln - und zwar schnell. Politik und Industrie sollten sich enger als bisher zusammen setzen, die jeweils nächsten Schritte planen und dann schnell umsetzen. So könnte sich eine Eigendynamik einstellen, die den Prozess »unumkehrbar« vorantreibt. Dann könnte die Industrie die Produkte entwickeln, die sie nicht nur zu Hause sondern auch auf dem Weltmarkt erfolgreich macht und die Träume vom kräftigen Wachstum Realität werden lassen.

Wenn die Energiewende eine historische Chance ist, dann müssen sich alle darüber bewusst sein, dass solche Chancen schnell ergriffen werden müssen - sonst schließt sich das Zeitfenster. Alle Beteiligten müssen jetzt handeln.