Interview mit Herbert Schein, Varta Noch vor 2020 über die 300-Millionen-Euro-Umsatzschwelle

Herbert Schein, Varta AG (links): »Unser Erfolgsrezept ist es, dem Kunden strategische Wettbewerbsvorteile durch ein Maximum an Kompaktheit und Energiedichte der Zellen zu bieten. Eine Strategie, die unter anderem dazu geführt hat, dass wir bei den meisten True-Wireless-Headset-Herstellern Single Source sind.«

Mit Investitionen von weit über 100 Millionen Euro 2018/19 will Herbert Schein, CEO der Varta, mit den operativen Tochtergesellschaften Varta Microbattery und Varta Storage die markführende Stellung bei Batterielösungen für True-Wireless-Headsets und Hörgerätebatterien weiter ausbauen.

Markt&Technik: Als Neil Armstrong auf dem Mond fotografierte, kam die Batterie seiner Kamera von Varta. Vor Kurzem flogen Batterie-Packs von Varta zur ISS. Welche Aufgabe haben die Batterien dieses Mal?

Herbert Schein: Eine Lithium-Batterie in einer Raumstation zählt mit Sicherheit zu den anspruchsvollsten Komponentenen, die ich kenne. Wenn da etwas schief geht, kann man nicht einfach aussteigen. Wir wurden vom DLR, dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, angefragt. Unser Easy Pack XL bietet rund 1 Ah und hatte alle Tests mit Bravour bestanden. Eingesetzt wird es in einem Gerät zur Messung der Muskelspannung der ISS-Astronauten. Es hilft damit, wichtige Erkenntnisse bei der ständigen Gesundheitsüberwachung der Astronauten zu liefern. Für uns eine fantastische Möglichkeit, nicht nur unser Know-how, sondern vor allem unsere Zuverlässigkeit und Qualität unter Beweis zu stellen.

Zurück auf die Erde: Seit eineinhalb Jahren kämpft die Elektronikbranche nun bereits mit einer sehr angespannten Lieferkette. Sind auch Sie davon betroffen und wie reagieren Sie darauf?

Wir benötigen Elektronikkomponenten für unsere Smart-Battery-Lösungen und für die Realisierung von Batteriemanagementsystemen. Wir haben auf die sich andeutende Verknappung bereits zu Beginn reagiert und entsprechend disponiert. Wir nehmen dafür auch eine kurzfristige Bindung unseres Working Capitals in Kauf. Wir sind ein innovationsgetriebenes Technologieunternehmen, das für Qualität und Zuverlässigkeit steht. Da dürfen wir uns nicht abhängig machen von Schwankungen in der Lieferkette von Kondensatoren und Widerständen.

Sie haben durch den Börsengang im November letzten Jahres 234 Millionen Euro eingenommen. 150 Millionen davon wollten Sie in den Ausbau der Fertigung investieren. Haben Sie bereits mit dem Ausbau begonnen?

Ja, wir werden die 150 Millionen Euro im Wesentlichen in diesem und dem nächsten Jahr investieren. Der größte Teil der Investitionen fließt in den Ausbau unserer Fertigungskapazitäten für kleinformatige Lithium-Batterien. Investiert wird dieses Geld in die Erweiterung der Produktionskapazitäten in Ellwangen sowie in den Ausbau der zweiten Fabrik in Nördlingen. Wir haben uns mit diesen Batterien eine dominante Stellung bei Batterielösungen für Headsets erarbeitet und sind dort für viele Kunden Single Source. Mit der zweiten Fab in Nördlingen bieten wir diesen Kunden die Sicherheit eines zweiten Produktionsstandorts. Weitere Investitionen werden wir zudem im gleichen Zeitraum in die Erweiterung unserer Produktion für Zink-Luft-Hörgerätebatterien stecken.

Sie investieren damit massiv in den Ausbau des Fertigungsstandortes Deutschland. Wäre unter Kosten- und Renditegesichtspunkten nicht ein Standort außerhalb Deutschlands günstiger?

Wir sprechen hier über hochautomatisierte Fertigungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Fixkosten in der Produktion derzeit mehr und mehr weltweit angleichen. Durch den hohen Automationsgrad spielen die variablen Arbeitskosten letztlich eine immer kleinere Rolle. Ich konzentriere mich lieber darauf, unsere Innovationen voranzubringen und unsere besondere Innovationskultur an unseren Standorten noch weiter zu entwickeln sowie Ideen aus der Entwicklung, der Produktion und dem Vertrieb zeitnah umzusetzen, statt unsere Ressourcen auf Themen wie Fabrikverlegungen zu konzentrieren.

Unabhängig davon investieren Sie ja auch in den Ausbau europäischer Fertigungen wie im rumänischen Brasov. Ist der Bau dieses Werks für kundenspezifische Akku-Packs inzwischen abgeschlossen?

Ja, wir produzieren dort bereits seit letztem Jahr Batteriepacks, befinden uns aber weiterhin in der Ramp-up-Phase. Wir hatten dort bisher ein Werk für die Verpackung von Mikrobatterien und bauen dies in eine hochmoderne Fertigung für Batteriepacks aus. Dabei steht die Automatisierung wieder im Mittelpunkt. In den nächsten Monaten werden dort noch eine Reihe neuer Projekte implementiert werden. Aktuell beschäftigen wir in Brasov rund 300 Mitarbeiter, mittelfristig wird sich diese Zahl aber noch mehr als verdoppeln.

Wir befinden uns hier auf der Intersolar. Die Zahl der Aussteller für Energiespeicher-Lösungen hat sich deutlich reduziert. Varta Storage behauptet sich dagegen nicht nur, sondern baut seine Marktstellung aus. Was macht hier den entscheidenden Unterschied aus?

Wir haben diesen Konsolidierungsprozess vorhergesagt und wir wollten gestärkt aus ihm hervorgehen. In der jüngsten Untersuchung des europäischen Marktes durch das Marktforschungsinstitut EuPD sind wir inzwischen auf Rang 3 vorgerückt. Nicht nur das, seit dem 1. Quartal dieses Jahres haben wir mit unseren Storage-Lösungen den Break Even erreicht. Ich denke, das ist der entscheidende Unterschied gegenüber vielen Newcomern in diesem Bereich. Wir sind in unserem Handeln der Profitabilität und Nachhaltigkeit verpflichtet. Das ist für uns wichtig und Teil der Strategie bei der Herangehensweise an neue Märkte, und dadurch unterscheiden wir uns von dem einen oder anderen Startup, aber sie zahlt sich letztlich aus.

Sie setzen bei den Batterien, die in den Storage-Lösungen zum Einsatz kommen, nach wie vor auf Fremdprodukte. Wird sich das in Zukunft ändern?

Ja, wir setzen dabei bisher auf renommierte asiatische Hersteller. Diese Zellen durchlaufen bei uns umfangreiche Qualifizierungstests und ständige Qualitätstest. Wir sehen uns in diesem Bereich als Systemintegrator und Speicherhersteller. Bei der Batterieproduktion liegt der Fokus derzeit auf den kleinformatigen Lithium-Ionen-Zellen, da die Nachfrage nach unseren Produkten sehr hoch ist und wir die Produktionskapazitäten enorm aufbauen. Wir schließen eine Produktion von größeren Lithium-Ionen-Zellen für die Zukunft nicht aus und haben deshalb Forschungsprojekte auch mit größeren Lithium-Zellen, wie zum Beispiel die Zellengröße 21700.