Puls »Mehr Mut zur ganzheitlichen Umsetzung und Veränderung!«

Ulrich Ermel, Puls
Ulrich Ermel, Puls: »Es ist nicht davon auszugehen, dass sich durch die Chancen und Möglichkeiten des Digital-Tranformation-Prozesses das Geschäftsmodell der Stromversorgungsbranche von einem Produktgeschäft komplett zu einem Service-Geschäft wandeln wird. «

Ulrich Ermel, Director New Business Development bei Puls, ist davon überzeugt, dass die konsequente und zielgerichtete Umsetzung des Digital-Transformation-Ansatzes die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stromversorgungsspezialisten stärken wird.

Erfolgreich wird vor allem der sein, der neben einer hohen Variantenvielfalt auch mit unterschiedlichen Kommunikationsstandards dienen kann.

Markt&Technik: Was haben diese Themen aus Ihrer Sicht mit der Stromversorgungsbranche zu tun?

Ulrich Ermel, Puls: Seit Jahrzehnten ist die Stromversorgungsbranche das Rückgrat für sämtliche Digitalisierungs- und Elektrifizierungsvorhaben. Sie liefert in sämtlichen Industrielandschaften die passenden Versorgungspannungen. In Bezug auf die Industrie-4.0-Aktivitäten zeigt sich deutlich, dass in der Feldebene eine Vielzahl neuer Verbraucher wie etwa smarte Sensoren und Aktoren mit integrierten Mikrocontrollern Einzug halten. All diese zusätzlichen Geräte benötigen, wenn auch pro Gerät niedrige Leistungen, in Summe doch eine zuverlässige Stromversorgung. Ist doch die Zuverlässigkeit gerade bei der Versorgung von „Smart Devices“ im Industrie-4.0-Umfeld essenziell. Bereits ein Ausfall einiger weniger digitaler Sensoren aufgrund einer defekten Stromversorgung kann beträchtliche Folgen haben.

Dadurch, dass sämtliche Industrie-4.0-Geräte mit einer maximalen Verfügbarkeitsdauer fast ununterbrochen im eingeschalteten Zustand sind, ergibt sich in Summe oft noch eine hohe Grundlast. Diese ist mit maximaler Effizienz vom Netzteil zu versorgen, um steigende Nachhaltigkeitsziele im Unternehmen – trotz Digitalisierung – zu erreichen. Doch die digitale Transformation und Industrie 4.0 haben nicht nur Auswirkungen auf die Absatzchancen für die Stromversorgungsbranche, sondern bieten weitere Chancen im betrieblichen Umfeld. So ist mit neuen digitalisierten Prozessen, modernen Industrie-4.0-Produktionsanlagen und IT-Systemen jeweils für Vertrieb, Produktion, Management und Einkauf ein großer Vorteil zu erzielen.

Bereits in der Vergangenheit haben die Stromversorgungshersteller bei Bedarf Sensorik-Schnittstellen und die Weiterleitung von Informationen angeboten – Stichwort: Predictive Maintenance. Daran bestand lange Zeit kein Interesse von Seiten der Industrie. Was hat sich hier geändert?

Ich kenne diese weitläufige Meinung gut, jedoch vertrete ich diese nicht ganzheitlich. Einige Applikationen haben bereits seit Jahren eine Schnittstelle in der Stromversorgung; so sind beispielsweise in vielen entlegenen Messstationen bereits Systeme zur Alarmierung bei einem Stromausfall, wie etwa USVs, implementiert. Sie haben einen signifikanten Anteil an der Verbesserung der Verfügbarkeit des Kommunikationsnetzes. Die Integration von Schnittstellen in klassische Stromversorgungen ist der rasanten technologischen Entwicklung zu verdanken. So haben sich die Kosten für eine Schnittstelle in den vergangenen Jahren deutlich reduziert und machen sie nun salonfähig.

Durch das extrem breite Einsatzgebiet von Stromversorgungen hat sich über die vergangenen Jahre keine klare Schnittstelle für alle Stromversorgungen herauskristallisiert. Aktuell lässt sich im Markt anhand der in Stromversorgungen genutzten Schnittstellen gut beobachten, welche Branchen als Treiber aktiv sind. Mit dem Generationswechsel in den Entwicklungsabteilungen und weitreichenden Industrie-4.0-Aktivitäten ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das Thema eine noch größere Bedeutung erlangt. So werden Ingenieure daran interessiert sein, die dezentrale Auslastung der Stromversorgungen in Anlagensteuersystemen zentral in Echtzeit sichtbar zu machen. Auf Basis dieses Wissen ist es möglich, die Effizienz zu steigern und das Anlagenkonzept zu optimieren. So wird der treibende Zeitgeist von „dezentralen Logikeinheiten“ und „verteilter Intelligenz“ auch in Ansätzen seinen Weg in die Stromversorgungsbranche finden.

In welchen Applikationsbereichen sehen Sie heute ein besonderes Interesse an smarten, fühlenden und kommunizierenden Stromversorgungen?

Neben den bereits erwähnten entlegenen Mess-/Sende-Stationen im Bereich der Kommunikationstechnik oder Infrastruktur wie etwa der Wasserversorgung sehe ich regenerative Energien als weiteres Anwendungsgebiet. Im klassischen Maschinen- und Anlagenbau ist ebenfalls ein steigendes Interesse zu beobachten, denn Informationen lassen sich von entlegenen Stellen leicht und unkompliziert ohne mehrfache Analog-/Digitalwandlung zentral sammeln und nutzen. In der Logistik, im Schiffsbau oder bei großen Bauprojekten ist es nun möglich, lange Strecken und schlecht zu erreichende Verteilerpunkte ohne lange Wegstrecken vom Wartungsingenieur zu überprüfen und zielgerichtet zu warten.

Welche Chance sehen Sie mittels Geräten, die dem Trend zur digitalen Transformation entsprechen, sich vom Wettbewerb zu differenzieren? Sehen Sie hier eine besondere Chance für deutsche/europäische Stromversorgungsspezialisten?

Eine effiziente Produktion von Stromversorgungen – auch in kleineren Stückzahlen – wird den Standort Europa stärken. Des Weiteren werden die Beherrschung einer hohen Variantenvielfalt sowie die technologische Marktführerschaft bei Effizienz, Baugröße und weiteren Produkteigenschaften entscheidend sein. Mangels eines einheitlichen Kommunikationsstandards in diesem Umfeld wird im Digital-Transformation-Trend derjenige erfolgreich sein, der neben der Variantenvielfalt auch bei mittleren und kleineren Stückzahlen mit unterschiedlichen Kommunikationsstandards dienen kann. Entsprechendes technische Wissen, die Fertigungskapazitäten und die Kundennähe sind in Europa mehr als ausreichend vorhanden, sodass ich für deutsche und europäische Stromversorgungsspezialisten, die sich klar zur digitalen Welt bekennen, sehr gute Chancen sehe!

Wie sehen Sie die deutsche Stromversorgungsbranche beim Thema digitale Transformation im Vergleich zum internationalen Wettbewerb aufgestellt?

Ich sehe sehr viele gute Ansätze im Markt und muss dennoch vereinzelt feststellen, dass der Mut zur ganzheitlichen Umsetzung und Veränderung fehlt.

Wird das Thema digitale Transformation nach Ihrer Ansicht auch die Abläufe zwischen den Stromversorgungsspezialisten und ihren Kunden verändern?

Natürlich ist der Kontakt mit dem Kunden eine sehr persönliche Angelegenheit, in der es primär um Vertrauen und das gegenseitige Verständnis geht. Daher wird es immer eine persönliche Interaktion geben. Digitale Kommunikation kann hier als Werkzeug genutzt werden, aber im Wesentlichen sehe ich den Vorteil in der Art und Weise, wie Informationen zur Verfügung gestellt werden können. Digitale Produkt-Selektoren, Datenblätter und Montageanleitungen via QR Codes bis hin zu digitalen Applikationsberatern sind bereits Realität. Kunden werden zudem die Möglichkeiten bekommen, Produkte individueller zu konfigurieren und Bestell-/Bezahlprozesse sind teilweise schon komplett digital. Dass sich das Geschäftsmodell von einem Produktgeschäft komplett zu einem Service-Geschäft wandelt, halte ich persönlich allerdings für fragwürdig.