Kommentar Kampf der Visionen

Heinz Arnold, Chefredakteur HArnold@markt-technik.de

Wie hoch ist das Potenzial, die Kosten von Batterien für Autos über die Fertigung in hohen Stückzahlen zu reduzieren?

Wenn es nach Renault Nissan geht, offenbar weniger hoch als gedacht, denn die Autobauer haben ihren Ausflug in die Batteriefertigung beendet – unter anderem weil sich die erhoffte Kostenreduzierungen trotz hoher Stückahlen nicht einstellen wollten. Wenn es nach Elon Musk geht, dann sind sehr hohe Kosteneinsparungen drin – wenn man das Problem nur groß genug angeht. Ende Juli öffnete – mit einem kleinen Teil – die Gigafab von Tesla, und wir dürfen gespannt sein, ob sich die Vision in die Realität umsetzen lässt.

Irgendwann jedenfalls wird der Zeitpunkt kommen, an dem auch die Geldgeber nicht mehr nur allein auf Visionen bauen wollen, selbst wenn sie von Elon Musk kommen. Nebenbei frage ich mich, ob irgendwann ein Experte einmal eine Rechnung aufgestellt hat, die in Betracht zieht, wie hoch der Materialkostenanteil einer Li-Ionen-Batterie liegt. (Ja, die Materialkosten werden über den Einkauf in großen Mengen sinken, aber das ließe sich mit einrechnen, genauso wie die Recyclingkosten – wenn wir einfach mal optimistisch davon ausgehen, dass die Verfügbarkeit der Materialien kein Problem wäre). Ist dieser Anteil bekannt, dann wüsste man, wie hoch der Anteil der Kosten liegt, der sich über Skaleneffekte überhaupt senken ließe – und welche Preissenkungen dann für die Batterie insgesamt zu erwarten wären. Ich würde nur zu gerne wissen, welche Rechenkünste Musk da wohl vollbracht hat, denn ohne solche Überlegungen dürfte er seine Geldgeber kaum überzeugt haben.

Oder sind die Visionen von Musk sogar noch viel zu „konservativ“? Beziehen sich die Gigafab-Visionen auf eine Technik von Gestern? Dieser Eindruck drängt sich dem auf, der die Erfolgsmeldung sogenannter neuer Batterietechniken verfolgt. So versprechen Metall-Luft-Batterien, die Leistungsfähigkeit der Li-Ionen-Batterien gleich mal um den Faktor 4 zu verbessern. Da mag Musk seine Produktion noch so gigantisch vergrößern und verbessern, eine solche Batterie würde ihn schnell mal rechts überholen. Am MIT wurde gerade der Prototyp einer Lithium-Luft-Batterie vorgestellt, der einen Durchbruch dieser Technik verspricht, an denen Forscher in Instituten, Universitäten und Industrie schon sehr lange arbeiten. Der geniale Trick: Die neuen Batterien müssen sich den Sauerstoff nicht aus der Umgebungsluft beschaffen, er ist in LiO2 gespeichert. Die Batterie tritt mit der Außenwelt nicht in Kontakt und kann so durch unerwünschte Stoffe nicht vergiftet werden, was bei früheren Versionen ein großes Problem war.

Nun ist die Elektrochemie hochkomplex, wie ja gerade die Entwicklung der Li-Ionen-Batterien gezeigt hat, die Jahrzehnte in Anspruch nahm, bis die kleinen Batterien für tragbare Geräte in hohen Stückzahlen wirtschaftlich gefertigt werden konnten. Dass ihre unterschiedlichen Varianten immer noch für Überraschungen gut sind, zeigte das Dreamliner-Desaster. Und auch die Batterien des Tesla verhalten sich manchmal anders als vorgesehen, wie erst jüngst ein Zwischenfall in Frankreich wieder gezeigt hat. Vor allem aber hat es sich als äußerst problematisch erwiesen, das, was im Labor funktioniert, in die Fertigung überzuführen. Vor solch langfristigen Visionen schreckte dann wohl selbst ein Musk zurück.

Bleibt zu hoffen, dass seine Wette auf die Verbesserung der Produktion der im Vergleich zu Lithium-Luft konventionellen Li-Ionen-Batterien gelingt. Denn sollte diese Vision und ihre Finanzierung scheitern, wäre das ein herber Rückschlag für die Elektromobilität insgesamt.