Management-Forum der Markt&Technik »Flexibilität statt Planung«

Neue Technologien, komplexe wirtschaftliche Rahmenbedingungen und der demografische Wandel – die gesamte Elektronikbranche muss sich großen Veränderungen stellen. Wir haben mit hochkarätigen Branchenvertretern darüber gesprochen, wie diese Aufgabe zu lösen ist.

Beim ersten Management-Forum der Markt&Technik im Dezember 2019 im Kloster Seeon diskutierten Führungskräfte aus der gesamten Elektronikbranche über das Thema „Change – Strategiewechsel in der Elektronikbranche“: Welchen technologischen, wirtschaftlichen und demografischen Veränderungen müssen sich die Elektronikunternehmen in den nächsten Jahren stellen – und wie lassen sich diese Herausforderungen strategisch bewältigen?

Das im idyllischen Chiemgau gelegene Kloster bot einen idealen Rückzugsraum für einen interdisziplinären Austausch zwischen Vertretern von internationalen Großunternehmen und erfolgreichen Mittelständlern. Aus ihren sehr unterschiedlichen Perspektiven entwickelten die Forumsteilnehmer dabei ein aufschlussreiches Gesamtbild der deutschen Elektronikbranche. Schon bei der Frage, welche der neuen Technologien einen besonderen Stellenwert für das eigene Unternehmen haben und mit welchen Herausforderungen diese verbunden sind, wurde deutlich, in welchem Umbruchprozess die Branche sich befindet.

Worauf kommt es bei den neuen Techniken an?

Interessanterweise sind es nicht unbedingt die neuen Techniken selbst, die für Probleme sorgen: »Der größte Killer-Faktor besteht darin, dass Industrie 4.0 oft noch auf Management 1.0 trifft«, betont Johann Weber (Zollner). Denn die digitale Transformation betreffe eben nicht nur Produkte und Prozesse, sondern auch die darin involvierten Menschen. Deren Einstellung zu ändern sei oft schwieriger, als eine neue Technologie einzuführen. Als EMS-Dienstleister hat das Thema Industrie 4.0 für Weber eine hohe Bedeutung. In technischer Hinsicht sei dabei aktuell besonders die kommende 5. Mobilfunkgeneration interessant – »und zwar sowohl für unsere Kunden als auch für unsere eigene Produktion, für die wir gerade ein lokales Netz aufbauen«. Nur so seien drahtlose Echtzeit-Kommunikation und die Übertragung hoher Datenmengen möglich. Bei 5G ist allerdings auch die Technik selbst eine Herausforderung: »Um 5G-Produkte für Kunden herzustellen, sind aufgrund der hohen Frequenzen im Gigahertz-Bereich sehr spezielle Fertigungsprozesse notwendig.«

Wie stark sich die Elektronikbranche im Wandel befindet, ist auch daran zu erkennen, dass mit Bernhard Erdl (Puls) ein Stromversorgungs-Spezialist sofort das Thema Industrie 4.0 aufgreift: »Wir fangen jetzt an, die bislang recht ‚dumme‘ Stromversorgung zu vernetzen und gleichzeitig auch als Sensor zu verwenden. So können wir anhand von Änderungen im Stromverbrauch die angeschlossene Maschine recht gut analysieren und etwa erkennen, ob dort etwas aus dem Ruder läuft – Stichwort Predictive Maintenance.« Erdl ist sich aber auch der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst: »Daten zu erzeugen ist kein Kunststück, Daten sinnvoll zu verwerten aber schon.« Hinzu komme das Cybersecurity-Problem. Je stärker ein System vernetzt werde, umso anfälliger sei es für Angriffe von außen. »Das sehe ich als eine Riesengefahr, die noch immer viel zu wenig beachtet wird.«

Diese Einschätzung findet in der Runde viel Zustimmung. Dominik Reßing (Avnet Integrated) hebt darüber hinaus noch eine andere Entwicklung hervor: »Unser bisheriger Fokus auf die Elektronik bzw. die Hardware wird in den Hintergrund treten, weil beide stärker standardisiert werden und die Differenzierung zukünftig vor allem über die Software erfolgt.« Hardware werde zwar weiterhin der Umsatzträger bleiben, doch der Zugang zum Markt erfolge über die Funktionalität – und die werde mehr und mehr von der Software bestimmt. Dazu nennt Reßing ein konkretes Beispiel: »Die ganze IoT-Hardware bringt dem Kunden gar nichts, wenn er nicht dazu auch genau den Algorithmus bekommt, der seine Applikation so verändert, dass er davon mehr verkaufen kann.« Allerdings wachse der auf diese Weise adressierbare Markt viel schneller, als das Unternehmen selbst wachsen könne. »Dafür braucht man viele entsprechend qualifizierte Mitarbeiter, die leider nicht beliebig zur Verfügung stehen.« Carlos Queiroz (S&T/Kontron) sieht die grundsätzliche Entwicklung ähnlich: »Wir kommen ja aus dem Embedded-Hardware-Bereich und haben in der letzten Zeit sehr viel in das Thema Software investiert – bis hin zu einem eigenen Data Center für Dienstleistungen im IT-Bereich.«

 

Die Teilnehmer des Forums: Marie-Pierre Ducharme, Supplier Marketing & Business Development EMEA, Mouser / Bernhard Erdl, Geschäftsführer und Inhaber, Puls / Michael Heinemann, General Manager, Phoenix Contact E-Mobility / Oliver Konz, Geschäftsbereichsleiter der Würth-Gruppe und CEO der Würth Elektronik eiSos Gruppe / Helge Puhlmann, European President, Yamaichi Electronics / Carlos Queiroz, COO IoT Europe, S&T, und Managing Director, Kontron Europe / Hermann Reiter, Sales-Direktor für CE/Osteuropa und Geschäftsführer, Digi-Key Deutschland / Dominik Reßing, VP Technologies Avnet Integrated & Global Head of IU Embedded, Avnet / Stefan Steyerl, Senior Director Sales Central Europe und Geschäftsführer, Analog Devices Deutschland / Claudio Valesani, Group Vice President und Head of EMEA Central Europe Sales Unit, STMicroelectronics / Johann Weber, Vorstandsvorsitzender, Zollner Elektronik