Forum Medizintechnik Die Krux mit den Krankenkassen

»Der Gesundheitsmarkt hat keinen Innovationszwang, der käme erst auf, wenn er nicht mehr in der bisherigen Form finanzierbar wäre«, mit diesen Worten bringt Prof. Wolf das aus seiner Sicht größte Problem des deutschen Medizin- und damit auch des Medizintechnikmarktes auf den Punkt.

Er moniert auch die in seinen Augen falschen Belohnungsanreize in diesem System: »Die Bosse der Krankenkassen konkurrieren über den Umsatz miteinander. Vor diesem Hintergrund weiten sie ständig ihre Geschäfte über diverse Wege aus, damit sie sich dann als größte Krankenkasse darstellen können. Das mag in der Privatwirtschaft Sinn machen, aber nicht bei einer Krankenkasse«.

Prof. Wolf verweist darauf, dass er vor kurzem im Rahmen eines Projekts mit Krankenkassen über eine telemedizinische Lösung verhandelt habe. Diese Lösung hätte etwa Ärzten im ländlichen Raum ohne Hausbesuche via Handy Daten wie Blutdruck, ph-Wert oder EKG-Daten geliefert, ohne dass der Arzt seine Praxis hätte verlassen müssen. Letztlich hätten sich die Krankenkassen dagegen entschieden, »weil wenn wir das jetzt anfangen, dann müssen die Versorgungsverträge mit den Ärzten neu diskutieren«. Eine Thematik welche die Krankenkassen offenbar nur sehr ungern angehen würden. »Vor diesem Hintergrund kommen wir hierzulande nicht weiter, wenn wir nicht zu einer staatlichen Krankenkasse wie in Skandinavien kommen«, so das Fazit von Prof. Wolf.

Auch Dr. Kreuzer gewährt einen aktuellen Blick auf die Verhandlungsführung mit deutschen Krankenkassen. »Das fängt schon damit an, dass man bei einer Krankenkasse von Bundesland zu Bundesland mit verschiedenen Ansprechpartnern im Gespräch ist, und es gibt in Deutschland ja genügend Krankenkassen und man muss mit jeder einzeln verhandeln, wenn man nicht über den Hilfsmittelkatalog gehen will«, stellt er fest. Produkte für den Hilfsmittelkatalog haben eine festgelegte Nummer. Wenn man aber in diese Nummer nicht reinpasst, weil man eben nicht nur ein Pulsoximeter anbietet, sondern eine Produktlösung, die noch mehr messen kann, dann wird es komplex. »Dann muss eine neue Nummer beantragt werden, und das dauert vielleicht drei Jahre«.

Natürlich gibt es dann noch den inoffiziellen, und durchaus legalen Weg, mit allen Krankenkassen eigene Verträge abzuschließen. »Jetzt sind wir aber eine kleine Firma, und haben gar nicht die Möglichkeiten, um mit allen relevanten Krankenkassen gleichzeitig zu verhandeln«, meint Dr. Kreuzer. Er verweist auch auf andere Probleme, die bislang den Einzug technischer Neuerungen, wie sie im Lebensalltag der Patienten inzwischen alltäglich sind, im Krankenkassenbereich verhindern. »Wir hatten vor kurzem eine Diskussion über Apps, die stellen für Krankenkassen ein großes Problem dar«.

Warum? Weil der Bundesrechnungshof ihren Einsatz kritisiert hatte. Infolge dessen gab es, nach Darstellung von Dr. Kreuzer einwöchige Audits, in denen geprüft wurde, ob die fünf auf dem Markt befindlichen Apps eigentlich von den Krankenkassen kostenlos zur Verfügung gestellt werden durften, und ob die Krankenkassen für diese Apps wiederum etwas hätten zahlen dürfen. »Da ist ein riesiges Problem im System drin«, so Dr. Kreuzer, »und daran wird sich zeitnah auch nichts ändern«.

Fazit der Diskussionsteilnehmer: Zwar haben Krankenkassen ein grundsätzliches Interesse daran, dass sich ihre Mitglieder bewegen, deshalb auch die verschiedenen Initiativen zur Verteilung von Schrittzählern bzw. Fitness-Armbändern an Mitglieder, aber letztlich handelt es sich dabei letztlich um schlichte Schrittzähler, die auf jede nur erdenkliche Art und Weise manipulierbar sind. Ein einer wirklich Prävention so die Vermutung, hätten die Krankenkassen nicht wirklich Interesse, weil sich deren Früchte erst in 10, 15 Jahren zeigten. »Krankenkassen in ihrer aktuellen Verfasstheit in Deutschland denken aber im Wesentlichen nicht langfristig«.