Forum Medizintechnik Die Krux mit den Krankenkassen

Regularien als Innovationsbremse

»Jeder Hersteller, der ein zugelassenes Produkt am Markt hat, fasst das nicht mehr an, und sieht zu, dass es so lange wie möglich läuft«, beschreibt Dr. Kreuzer die Auswirkungen medizinischer Zulassungsvorschriften, »diese Zulassungen sind nach Aussagen vieler Firmen mit denen wir zu tun haben, der beste Innovationshemmer und Schutz gegen den Wettbewerb, den es gibt«. Angesichts des Zeit- und Kostenaufwands, der für medizinische Zulassungen getrieben wird, überlegen es sich Wettbewerber zweimal, ob sich der Invest für die Entwicklung eines Geräts mit ähnlicher Funktion wirklich für sie auszahlt.

»Wir haben aus diesem Grund unser Produkt zuerst als Konsumerprodukt auf den Markt gebracht, da kann man einige Dinge umschiffen, da hat man sehr viele Freiheiten. Auf dieser Basis haben wir dann unser Medizinprodukt entwickelt«. »Langwierige Auflagen beschleunigen nicht unbedingt die Innovation«, pflichtet Hübner bei. Startups sind nach seiner Erfahrung wesentlich aggressiver unterwegs, um neue Formfaktoren und Usecases auszuprobieren, die großen OEMs würden da nur mit Verzögerung nachkommen. »Für uns geht es deshalb immer darum, die richtige Applikation auszuwählen, in die wir investieren.«

So interessant lange im Voraus kalkulierbare Forecast für die Komponenten- und Subsystemhersteller oder Batteriekonfektionäre auch sind, die Regularien zementieren den Zugang: Wer drin ist, profitiert davon, wer in diesen Markt eintreten will, hat es schwer. Broeders weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es Tech-Konzerne wie Google, Amazone oder Apple in der Medizintechnik nur etwas zu gewinnen gibt, »während die etablierten Hersteller in diesem Bereich nur Marktanteile verlieren können«. Er verweist auch auf Samsung, »dieses Unternehmen hat sein Geld im Handy-Geschäft verdient und die schauen jetzt, wo sie das verdiente Geld noch besser investieren können, und Medizinelektronik erscheint ihnen offenbar als interessanter Bereich«. »Konzerne wie Google, Amazone und Apple haben den Vorteil, dass sie ganze Ökosysteme beeinflussen können«, fügt Hübner hinzu, »und sie haben gigantische R&D Ressourcen«.

Beim Thema Startup in der Medizintechnik fällt Hübner und Broeders im Übrigen nicht als erstes Deutschland ein, sondern die Schweiz. »Die Szene in der Schweiz ist zwar noch jung, aber da gibt es eine ganze Menge pfiffige Ideen«, stellt Hübner fest, »ob das die ETH Zürich ist, oder das CSEM, da sieht man schon, dass da eine ganze Menge in den Markt fließt«. Der zweite Hotspot für Medizinelektronik-Startups liegt für Broeders und Hübner in Israel. »Wenn ich mir Israel ansehe, dann sind dort viele Leute, die zuvor eine Anstellung in der Defense-Industrie hatten, und da die runter gegangen ist, machen sie jetzt ihre eigenen Geschäfte und haben ganz muntere Ideen«.

Als Beispiel für die Innovationskraft dieser Startups nennt Broeders eine Pille, die auf ihrem Weg durch den Körper 50.000 Bilder macht, und diese aus dem Körper überträgt, »das eigentlich unglaubliche daran ist, dass es sich dabei um eine einnehmbare Röntgenkapsel handelt«, meint Broeders Kopfschüttelnd. Wie Hübner erläutert, sind die Regularien für Startups in Israel so »dass sie dort sehr große finanzielle Mittel bekommen«. Interessant finden die beiden Healthcare-Spezialisten in Sachen Medizintechnik-Startups derzeit auch Großbritannien und Irland.