Supraleitendes 12-km-Kabel für München »Der Business-Case ist da!«

München ist echter Business-Case

Was wäre der Hauptunterschied zum AmpaCity-Projekt in Essen?

Es gibt eine Reihe von Unterschieden, aber der wichtigste ist, dass wir in München einen unmittelbaren Business-Case haben, es handelte sich nicht nur um ein reines Demonstrationsprojekt wie in Essen. Das Projekt in Essen war sehr wichtig, denn es hat gezeigt: Das supraleitende Kabel läuft seit 2014 problemlos. Der Netzbetreiber hat Betriebserfahrung und Vertrauen in die Technik gewonnen. Jetzt folgt der nächste logische Schritt.

Welche weiteren Unterschiede gibt es?

Rein technisch überträfe das Münchner Kabel alles bisher Dagewesene, sowohl was die Länge als auch den Platzbedarf angeht. Kurze Kabel wie in Essen können von einer Seite her gekühlt werden. Bei 12 km Länge sind Zwischenkühl- und Pumpstationen erforderlich. Das Kabel verhält sich durch den Kühlmittelfluss wie eine Pipeline. Außerdem arbeitet es mit 110 kV statt mit 10 kV und überträgt sehr viel höhere Leistung – und ist somit das Rückgrat der Stromversorgung.

Ist das ein Risiko?

Das Risiko ist aufgrund der Erfahrungen, die in Essen gemacht wurden, überschaubar. Zudem sind die Stadtwerke München sehr innovativ und gewillt, neue Wege zu gehen. Das Kabel wird Signalwirkung haben und auch anderen zeigen: Die Hochtemperatur-Supraleitung hilft beim Netzumbau in Städten. Das unterstreicht auch das Engagement der übrigen Partner, etwa von NKT Cables, die die Hochspannungssparte von ABB übernommen hat und einer der größten europäischen Kabelhersteller ist. Mit Linde übernimmt ein Weltkonzern die zuverlässige Kühlung des Kabels.

Welche vergleichbaren anderen Projekte gibt es weltweit? Sind andere Weltregionen weiter?

Es gab kürzere Hochspannungsverbindungen, etwa das LIPA-Projekt in Long Island mit 600 m Länge und 154 kV – allerdings bestehend aus drei Einleiterkabeln, also lange nicht so kompakt und effizient. Ansonsten hat man in Korea und Japan kurze HTS-Kabel bis 275 kV demonstriert, aber nur unter Testbedingungen, also ohne Versorgungsauftrag. Mit dem neuen Projekt stünde fest: München ist mit Abstand Weltspitze.

Wie sieht das Konzept für München genau aus?

Wenn man das Ganze weiterdenkt und ein oder zwei weitere supraleitende Kabel mit Abgängen verlegt sind, bilden sie das Rückgrat der städtischen Versorgung. Dann können die alten Leitungen viel einfacher außer Betrieb genommen und ersetzt werden. Darin liegt der besondere Charme: Durch die supraleitenden Kabel kann auch ein Netzumbau am lebenden Objekt erfolgen. Vor allem aber spart man hohe Kosten. Der volle Nutzen ergibt sich aus der Gesamtsystembetrachtung.

Und das wäre auch für andere Städte wegweisend?

Diese Situation gibt es in Deutschland häufig: Die Infrastruktur stammt aus den 70er-Jahren und muss dringend erneuert werden. Zudem nimmt der Energiebedarf in Städten zu, etwa durch Nachverdichtung, Klimaanlagen und vor allem durch den Ausbau der Elektromobilität.

Das Projekt befindet sich gegenwärtig noch in der Antragsphase. Wie sieht der Fahrplan aus?

Der Projektträger Jülich führt die fachliche und betriebswirtschaftliche Prüfung durch. Wenn sie abgeschlossen ist, entscheidet das BMWi endgültig, erst dann wird das Projekt offiziell gestartet. Ich hoffe, dass es aber Anfang nächsten Jahres soweit sein wird.

Dann startet die Vorprojektphase. Was wird während dieser Vorprojektphase gemacht?

Anhand des realen Trassenverlaufs wird sich entscheiden, wie das Kabel aussehen soll und wie viele Zwischenstationen benötigt werden. Wie bei einer Wasserleitung gilt: je schlanker das Kabel – also je kleiner der Durchmesser – desto höher der Druckabfall und desto mehr Pumpstationen wird man brauchen. Ich rechne damit, dass die einzelnen Abschnitte 3 oder 4 km lang werden, dass also drei oder vier Kühlstationen erforderlich sein werden. Neben dem Kabel selbst werden im Vorprojekt auch alle notwendigen Komponenten wie Endverschlüsse, Verbindungsmuffen und Zwischenkühlung entwickelt und getestet, sodass das zum Zeitpunkt der Ausschreibung geprüfte, etablierte Technik ist.