Stromversorger: EN61010 als neue Norm CE-Zulassungsprobleme verhindern

Dr. Hans-Peter Lüdeke, Murata Europe: »Anders als in der Vergangenheit, muss entsprechend der neuen Norm EN 62368 jede Produktfamilie und jeder Produkttyp getestet werden. Für ältere Gerätegenerationen wird das auf Abkündigungen hinauslaufen.«

Europas führende Stromversorgungs-Spezialisten appellierten auf dem jüngsten Stromversorgungs-Forum der Markt & Technik, sich in Sachen Nachfolge der Sicherheitsnorm EN 60950 für die EN 61010 anstatt der eigentlichen Nachfolge Norm EN 62368 zu entscheiden.

Hintergrund dieses Appells, ab dem 1. Juli 2019 dürfen keine Stromversorgungen mehr in den europäischen Markt gebracht werden, die der bisherigen Konformitätsbedingung EN 60950 entsprechen.

»Im Prinzip ist gegen eine neue Sicherheitsnorm nichts einzuwenden«, erläutert Bernhard Erdl, CEO und President von Puls, »die Verwendung der EN 60950 war seit Jahrzehnten Quatsch, das war eine Büromaschinennorm, aber die Situation war für uns einfach, weil galt: „One Size fits All“. Die neue Norm ist anwendungsorientierter. Damit zielt die EN 62368, die offizielle Nachfolge-Sicherheitsnorm der EN 60950 zielt deshalb vor allem auf Anwendungsbereiche wie Informationsverarbeitung, Audio und Video. Mit der Übernahme der neuen EN 62368, so Erdl, würden deshalb die alten Fehler fortgesetzt. Stattdessen plädiert die große Mehrheit der europäischen Stromversorgungshersteller, die vor allem Industriestromversorgungen herstellen, an ihre Kunden, sich für die EN 61010 als Nachfolgenorm zu entscheiden.

Ein positiver Nebeneffekt einer solchen Entscheidung wäre, dass ein heute EN-60950-konformes Produkt viel größere Chancen hätte EN-61010-kompatibel zu sein, als kompatibel zur EN 62368 zu sein. Das würde deutlich weniger Produktabkündigungen zur Folge haben, als der Umstieg auf EN 62368. Ein weiterer Vorteil der EN 61010 besteht zudem darin, dass sie durchgängig ist. Das bedeutet, das andere Normen auf sie referenzieren. Was das konkret bedeutet, macht der Puls-Chef am Beispiel eines UL-508-Schaltschranks deutlich: »Laut den Amerikanern darf ich da eine Stromversorgung mit EN-61010-Konformitätsbestätigung einbauen, eine mit EN 62368 Zertifizierung kennen die nicht«.

Nach einer Umfrage von Michael Peters, Geschäftsführer der MTM Power, unter seinen Kunden präferieren heute schon drei Viertel die EN 61010. »Wir müssen mit den Anwendern reden, und ihnen klar machen, wo die Vorteile der EN 61010 für sie und uns liegen, und so für eine möglichst reibungslose Umstellung sorgen«. Bei aller Freude über volle Auftragsbücher und eine nicht nachlassende Nachfrage, die den Stromversorgungsspezialisten aus der DACH-Region aber auch Book-to-Bill-Zahlen von 1,2, 1,3 oder mehr beschert, weisen die Power-Spezialisten aber auch auf Probleme durch den wirtschaftlichen Boom hin.

»Noch haben wir ausreichend Material für die nächsten Monate auf Lager«, stellt Kai Heinemann, Leiter Produktmanagement/Entwicklung bei der Block Transformatoren-Elektronik fest, »aber wenn im 4. Quartal kein neuer Nachschub kommt, wird es harte Ausfälle geben«. »Die Welt wäre herrliche, wenn wir die Chips, Kondensatoren und Widerstände in ausreichendem Maße bekommen würden«, pflichtet ihm Erdl bei. Wir haben uns das Lager natürlich auch gefüllt« bestätigt Hermann Püthe, geschäftsführender Gesellschafter der inpotron Schaltnetzteile, »aber die Lager schrumpfen, und wir bekommen den Nachschub nicht so, wie wir ihn haben möchten«.

»Die Versorgungslage verschärft sich definitiv«, bestätigt auch Oliver Walter, CEO der Camtec, »wobei diejenigen im Projektgeschäft sicher besser fahren, als die Hersteller von Standardgeräten«. Als zweiter Hemmschuh für die Stromversorgungshersteller erweist sich im aktuellen Boom neben den Schwierigkeiten der Lieferkette, zunehmend die Vollbeschäftigung in Deutschland. »Wenn wir nicht so große Probleme hätte, passendes Personal zu finden«, so Birgit Tunk, Mitglied der Geschäftsleitung bei Syko, »dann könnten wir sicherlich auch noch mehr machen«.

Michael Peters, Geschäftsführer der MTM Power stimmt ihr zu: »Es ist inzwischen auch in Thüringen nicht mehr so einfach, passendes Personal zu finden, zum ersten Mal in unserer Geschichte befinden wir uns in einer Situation, in der wir eigentlich mehr schaffen könnten, dazu aber nicht in der Lage sind«.

Auf ein weiteres Problem der Branche, dass vor allem diejenigen trifft, die auf die Zusammenarbeit mit externen Zulassungshäusern arbeiten müssen, benennt Dennis Dusny, Head of Sales bei Adaptive Energy Conversion: »Neben dem Problem, an kompakte Musterstückzahlen zu kommen, stören vor allem die steigenden Durchlaufzeiten bei externen Zulassungshäusern, speziell bei denen, die weniger als drei Buchstaben haben. Lagen die Zeiten für externe Prüfungen 2014 noch bei 8 Wochen, sind es inzwischen 12 bis 16 Wochen«.