Exklusiv-Interview mit Rohde & Schwarz »Wir wollen im Automobilsegment überproportional wachsen«

Jürgen Meyer, Rohde & Schwarz: »Die Botschaft ist klar: Wir wollen keine Me-too-Produkte auf den Markt bringen, sondern es ist uns wichtig, innovative Technologien in der Automobilindustrie als erste zu unterstützen und weltweit auszurollen.«
Jürgen Meyer, Rohde & Schwarz: »Die Botschaft ist klar: Wir wollen keine Me-too-Produkte auf den Markt bringen, sondern es ist uns wichtig, innovative Technologien in der Automobilindustrie als erste zu unterstützen und weltweit auszurollen.«

Rohde & Schwarz will sich mit einem dedizierten Automotive-Bereich noch stärker in diesem Wachstumsmarkt positionieren. Jürgen Meyer, VP Automotive, erklärt, warum gerade dieses Segment strategisch so wichtig für das Unternehmen ist und welche Trends ihm geradezu in die Hände spielen.

Markt&Technik: Herr Meyer, bevor wir den Automotive-Markt näher betrachten: Sie sind seit über 25 Jahren verwurzelt in der Automobilbranche. Was hat Sie gereizt, im vergangenen Jahr zum Messtechnikspezialisten Rohde & Schwarz zu wechseln?

Jürgen Meyer, Vice President Marktsegment Automotive bei Rohde & Schwarz: Nun, in meinen früheren Positionen – unter anderem beim Automotive-Entwicklungsdienstleister Berner & Mattner – habe ich viel Erfahrung in der Automobilbranche sammeln können. Aus dieser Zeit kenne ich insbesondere die Mobilfunk-Messgeräte von Rohde & Schwarz gut. Als das Unternehmen beschloss, sich stärker im Automobilsegment aufzustellen, habe ich das als sehr interessante Aufgabe betrachtet. Rohde & Schwarz hat großartige Technologie-Expertise, exzellente Produkte und ist international aufgestellt – was gerade im globalen Automobilgeschäft von größter Bedeutung ist. Dies, zusammen mit der tiefen Kompetenz in der Hochfrequenztechnik, erschien mir als gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbau des Marktsegments.

Wie hat sich das Auto aus Sicht eines Messtechnik-Herstellers verändert und welches Potential ergibt sich daraus für Rohde & Schwarz?
Einerseits gibt es immer mehr drahtlose Komponenten, die fehlerfrei interagieren müssen. Dabei sind die Drahtlos-Technologien ja nicht nur maßgeblich für das mobile Telefonieren und Surfen oder für den Zugang zum Auto, sondern auch für viele sicherheitsrelevante Systeme wie etwa die Radar-Abstandswarnung. Auch für das autonome Fahren und die zunehmende Vernetzung der Fahrzeuge und der Infrastruktur stellen sie die Grundlage dar. Denken Sie nur an Software Updates over the Air oder an die Vehicle-to-Vehicle- bzw. Vehicle-to-Infrastructure-Vernetzung (V2X).

Dass das Potential enorm ist, zeigt unter anderem die Tatsache, dass viele Mobile-Device-Hersteller wie etwa Samsung oder Huawei nun verstärkt in die Automobilbranche drängen und damit letztendlich auch mit großen Tier1s wie Bosch, Denso und Continental konkurrieren wollen. Diese Entwicklung spielt Rohde & Schwarz in die Hände. Denn hier ist Hochfrequenz-Know-how gefragt. Wir bieten hier für nahezu jede Anwendung die passenden Entwicklungswerkzeuge an. Allein für den Test des seit 1.4.2018 in der EU vorgeschrieben Emergency Calls haben wir bereits über 200 unserer Mobilfunk-Emulatoren bei OEMs und Tier1s installiert. 

Andererseits steigt auch der Bedarf, höhere Datenvolumen im Fahrzeug schnell zu übertragen. Beispielsweise werden Rückfahrkameras zunehmend über Automotive Ethernet vernetzt. Sowohl die Drahtlos-Technologien als auch die drahtgebundene Kommunikation im Auto bergen ein hohes Potential für Rohde & Schwarz als ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Hochfrequenz und der EMV.

Der Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur scheint das Entwicklungsschlagwort der Zukunft zu sein. Welche Standards werden sich dafür durchsetzen? 

Für V2X werden derzeit zwei Technologien diskutiert: 802.11p und C-V2X. 802.11p ist ein Standard zur Erweiterung der IEEE-802.11-Norm. Grundlage für C-V2X – das steht für Cellular Vehicular-to-Everything – ist 5G. In China hat man sich bereits auf diese Technologie festgelegt. Staatlich getrieben ist dort die Entscheidungsfindung deutlich einfacher als in Europa oder den USA, wo die Automobilhersteller selber entscheiden sollen, worauf sie sich fokussieren. 

Wie unterstützen Sie diese Entwicklung?

Wir sind in der optimalen Position, dass wir beide Standards unterstützen können. Die Chiphersteller entwickeln ihre Chipsätze mit Messgeräten von Rohde & Schwarz, daher sind wir sehr früh in die Entwicklung involviert. 

Seit 1.4.2018 sind eCall-Systeme in jedem europäischen Neuwagen Pflicht. Das heißt, jedes neu gebaute Fahrzeug muss in der Lage sein, einen Notruf abzusetzen, wenn es zu einem Aufprall gekommen ist. Welchen Vorschub hat dies für Rohde & Schwarz geleistet? 

Mit den eCall-Systemen hat die Automobilbranche eine wichtige Sicherheitsfunktion implementiert. Um prüfen zu können, ob dieses Notrufsystem einwandfrei funktioniert, braucht man Simulationsumgebungen. Hier kommt Rohde & Schwarz ins Spiel. Wir bieten nicht nur Simulationsumgebungen für die Mobilfunk-Kommunikation an, sondern auch für die notwendigen Ortungssysteme wie etwa GPS. Wir haben mit unseren eCall-Simulatoren eine sehr hohe Marktdurchdringung erreicht und bieten bereits ein Testsystem für Next-Generation-eCall an, das auf LTE basiert.

Welches Wachstumspotential steckt für Rohde & Schwarz im autonomen Fahren?

Im autonomen Fahren liegt die Zukunft. Hierfür werden Technologien wie etwa Radar immer wichtiger. Damit stoßen wir in höhere Frequenzen wie etwa 77 bzw. 79 GHz vor. Und auch die Bandbreiten steigen, die Fußgänger-Erkennung erfolgt beispielsweise mit 4 GHz. Interferenzfreie und robuste Kommunikation sind für das autonome Fahren Grundvoraussetzung. Für unsere Kunden ist die Realisierung oft nicht trivial, denn sie sind meist keine ausgewiesenen Hochfrequenz-Experten. Daher brauchen sie Unterstützung von einem Partner mit Know-how. Und genau hier liegt unser Wachstumspotential.