Infineon im Markt&Technik-Interview »Wir verbinden Sensorik, ‚Gehirn‘ und Aktuatorik«

Ralf Bornefeld, Infineon: »Wir wollen technologisch immer einen Schritt voraus sein, der Maßstab in der Industrie – auch bei der Qualität.«
Ralf Bornefeld, Infineon: »Wir wollen technologisch immer einen Schritt voraus sein, der Maßstab in der Industrie – auch bei der Qualität.«

Der Automotive-Sensor-Markt ist heiß umkämpft. M&T sprach mit Ralf Bornefeld, Vice President & General Manager Sense & Control von Infineon, über Differenzierungsmerkmale, Ziele und Strategien - und über das »Radar für Jedermann«, mit dem Infineon für den Deutschen Zukunftspreis 2015 nominiert war.

Markt&Technik: Die Automotive-Division ist die größte innerhalb Infineons und hat im Geschäftsjahr 2015 mit knapp 2,4 Milliarden Euro den Löwenanteil am Umsatz eingebracht. Welchen Stellenwert nehmen die Automotive-Sensoren ein?

Ralf Bornefeld: Einen zunehmend wichtigen. Zu Infineons Produkten zählen Leistungshalbleiter, Mikrocontroller und Sensoren. Diese Kombination und unser Systemverständnis sind die Grundlage für unsere Sensorlösungen, die wir nach dem Motto "Sense - Compute - Actuate" entwickeln. Und genau das macht uns als Sensorhersteller für die Automobilbranche so interessant: Wir verbinden Sensorik, "Gehirn" und Aktuatorik zu einer nahtlosen Komplettlösung. Für die Kunden ist es deutlich einfacher und sicherer, ein maßgeschneidertes System aus einer Hand, quasi aus einem Guss, zu bekommen. Unser breites Portfolio kommt uns dabei sicherlich zugute, aber letztlich wollen wir es den Kunden möglichst leicht machen, sich in Infineon-Lösungen einzuarbeiten. Der Service-Gedanke wird immer wichtiger: Wir müssen marktgerechte Produkte entwickeln und dann auch den entsprechenden Service bieten. Beispiel hierfür sind unsere Online-Simulationstools für Magnetsensoren, die den Kunden nicht alleine lassen mit seinen Messaufgaben. Das wird für viele Produktgruppen wichtig werden. Wir nehmen das sehr ernst.

Infineon hat sich auf die Fahne geschrieben, die Welt "einfacher, sicherer und umweltfreundlicher" zu machen. Dieser Slogan scheint ja wie gemacht für die Automotive-Division und auch für Ihr Sense&Control-Geschäft.

Das stimmt. Wir bei Automotive entwickeln Halbleiterlösungen, die unterschiedlichste Aufgaben in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor oder Hybrid- und Elektroantrieb übernehmen: Sie erhöhen Nachhaltigkeit, Komfort, Fahr- und Informationssicherheit. Unsere Leistungshalbleiter beispielsweise steigern die Effizienz aller elektrischen Antriebe und senken dadurch den Schadstoffausstoß. Unsere Mikrocontroller und Sensoren kommen unter anderem in Fahrerassistenzsystemen zum Einsatz, wo sie die Fahrzeuge intelligenter und den Straßenverkehr sicherer machen. Und nicht zuletzt verbessern unsere Security-Mikrocontroller den Schutz sensibler Daten im vernetzten Auto der Zukunft.

Beim Stichwort "vernetztes Auto" kommen - zumindest bei mir - gleich Sicherheitsbedenken auf?

Diese auszuräumen, ist eines unserer erklärten Ziele. Schlüsselkomponenten auf dem Weg zum vernetzen Auto sind unsere 77-GHz-Radarchips, für die im vergangenen Jahr übrigens für den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten nominiert waren. Mit ihnen werden Radarsysteme so preisgünstig, dass sie nicht mehr nur der Premium-Fahrzeugklasse vorbehalten sind. Für 250 bis 500 Euro Aufpreis kann man jetzt das Abstandsradar - dieses sicherheitstechnisch so wichtige Feature - beispielsweise im neuen Smart, Polo oder Golf mitbestellen. Wir nennen es gerne das "Radar für Jedermann". Denn genau das muss es sein: ein für jeden Autofahrer erschwingliches Sicherheitsmerkmal.

Unser Ziel ist es, Radar weltweit zum Standard-Feature in jedem neu gebauten Fahrzeug zu machen und so die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu erhöhen. Und diese Systeme müssen dann auch sicher vor Hacker-Angriffen sein, um potentiellem Missbrauch vorzubeugen. Hier haben wir zum Beispiel spezielle Security-Mikrocontroller im Angebot, die die Sicherheitstechnik aus unserer Division Chip Card & Security nutzen und mit denen die Kommunikation schon heute sicher gestaltet werden kann.

Sie haben bereits im Jahr 2009 mit der Fertigung des 77-GHz-Radars begonnen. Noch sind Sie hier einer von wenigen Anbietern, aber ruft Ihr Erfolg nicht auch die Mitbewerber auf den Plan, die bislang auf 24-GHz-Lösungen setzen?

Das ist zu erwarten. Auch deshalb, weil die 24-GHz-Technologie im Auto rückläufig ist. Das hat zwei Gründe. Zum einen sind ihre Antennen dreimal größer als die von 77-GHz-Lösungen, was die Radarmodule in 24 GHz hinsichtlich ihrer Baugröße weniger attraktiv macht. Zum anderen läuft ab 2023 in der EU die 24-GHz-Frequenzzulassung für den Einsatz in Automobilanwendungen aus. Insofern rechnen wir damit, weitere Player im 77-GHz-Segment zu sehen. Mit über 15 Millionen ausgelieferten Bauteilen sind wir schon heute der Marktführer im Bereich der 77-GHz-Radarchips. Das werden wir uns nicht nehmen lassen.

Wie sehen die weiteren Entwicklungsschritte für den 77-GHz-Radarchip aus?

Der nächste Schritt ist für 2019 geplant. Dann wird es einen Baustein mit einer maximalen Frequenz bis 400 GHz geben - zum Vergleich: Unsere jetzige Lösung liegt bei 200 GHz. Auch wenn wir für Radar bei 77 GHz bleiben, hat die höhere Frequenz Vorteile durch weniger Wärme, die im Chip generiert wird. Zum Hochfrequenzchip bieten wir dann auch den passenden, auf Radaranwendungen zugeschnittenen AURIX-Mikrocontroller und einen Baustein zur Spannungsversorgung. Etwa drei bis vier Jahre später erwarten wir den nächsten Technologieschritt, in dem die Maximalfrequenz bei 600 GHz liegen soll. Ein Mikrocontroller unserer dann aktuellen AURIX-Generation wird integriert sein und noch intensivere Radaraufgaben übernehmen und noch komplexere Algorithmen auswerten.

Darüber hinaus erwarten wir, dass sich im Zeitraum um etwa 2020 bis 2022 ein weiterer Pfad für uns auftut: Dann wollen wir die Radarchips als Single-Chip-Lösung in einem klassischen CMOS-Prozess fertigen können, nicht wie heute in SiGe auf der Hochfrequenz-Seite. Eingesetzt würden diese Radarchips dann im Nahbereich bis 50 Meter. Ich spreche da gerne vom Sicherheits-Kokon ums Auto, einer schützenden Hülle, die beispielsweise beim Einparken Hindernisse erkennt oder ein Kind, wenn es unmittelbar vor dem Auto über die Straße läuft. Für solche Anwendungen, in denen man nicht 250 Meter vorausschauen muss, bräuchte man eher kleine, smarte Produkte - wahrscheinlich auch gleich mehrere. Heute haben wir ein bis drei Radarsysteme im Fahrzeug; künftig können es bis zu zehn sein. Wir forschen intensiv an unterschiedlichen Lösungen. Als Technologieführer wollen wir den Kunden die Wahl lassen, je nachdem, ob sie für ihre Anwendung ein High-end-Radar in SiGe-Technologie brauchen oder eine höher integrierte, kostengünstige CMOS-Lösung. Unser Vorteil ist, dass wir in allen Bereichen kompetent sind - bei 24 GHz und 77 GHz, in SiGe und CMOS.