Exklusiv-Interview zur Sensor+Test 2018 »Wir müssen die Sensorhersteller näher an die IT heranführen«

Holger Bödeker, Geschäftsführer der AMA Service GmbH: »Das Hallenkonzept spiegelt die Entwicklung unserer Branche wider – Sensoriker werden zunehmend zu Messtechnikern, beide verschmelzen immer mehr.«
Holger Bödeker, Geschäftsführer der AMA Service GmbH: »Die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland lässt die internationale Bedeutung der Sensor+Test wachsen.«

Sensoren spielen für die Digitalisierung und Vernetzung von Maschinen, Anlagen, Fabriken und am Ende sogar der gesamten Industrie eine Schlüsselrolle. Wir sprachen mit Holger Bödeker, Veranstalter der Sensor+Test, über Digitale Zwillinge, Künstliche Intelligenz und wie all das die Messe verändert.

Markt&Technik: Die Sensor+Test findet in diesem Jahr erstmals in der letzten Juniwoche statt. Wie hat sich der neue Termin – Stand heute – auf die Kennzahlen Aussteller und erwartete Besucher ausgewirkt?

Holger Bödeker, Geschäftsführer der AMA Service GmbH: Wir hatten zunächst einen Rückgang der Ausstellerzahlen befürchtet, können aber glücklicherweise das Gegenteil feststellen. Vor allem die internationale Nachfrage ist sehr gut. Wir mussten zwar einige Absagen hinnehmen, weil im Vorfeld unserer Messe für unsere Aussteller wichtige andere Veranstaltungen stattfinden und weil zudem in einigen Teilen Deutschlands dann schon Ferien sind. Aber insgesamt ist der neue Termin gut angenommen worden und wir werden bezüglich der Ausstellerzahlen sogar über dem Vorjahresniveau liegen.

Bezüglich der Besucherzahl sind wir gespannt. Wir sind an einem neuen Termin und haben bislang keine Erfahrung damit gesammelt. Wir achten auf alle Signale, sind aber vorsichtig positiv gestimmt, weil sich die Besuchervoranmeldungen bisher gut entwickeln. Wir schätzen, dass wir auch hier ein wenig über dem Vorjahresniveau liegen werden.

Das Sonderthema lautet in diesem Jahr „Sensorik und Messtechnik im Industrial Internet“. Wie ist dieses Thema aufgenommen worden?

Sehr gut, denn es spiegelt in perfekter Weise die immer größer werdende Rolle der Sensorik und Messtechnik in der Digitalisierung wider. Unternehmen, die ein digitales Abbild ihrer Anlagen erzeugen möchten, brauchen dafür vor allem eines: immer mehr Sensoren. Diese entscheidende Rolle wird den Ausstellern immer klarer. Das belegt auch die Tatsache, dass der Sonderstand zum Thema bereits seit Anfang des Jahres komplett ausgebucht ist.

Wie wird sich das Industrial Internet – und ganz generell der digitale Wandel – in Zukunft auf der Sensor+Test wiederfinden?

Das Thema wird uns über die nächsten Jahre sicherlich begleiten. Es greift weiter als die übliche Fabrikautomatisierung. Mit der fortschrittlichen Sensorik und Messtechnik bilden wir die reale Welt mit allen Sinnen in der digitalen Welt ab – man spricht hier vom so genannten „Digitalen Zwilling“. Dieses Thema wird sich in Zukunft immer deutlicher im Ausstellungsprogramm der Sensor+Test widerspiegeln. 

Bitte definieren Sie den Begriff des Digitalen Zwillings kurz in Ihren Worten.

Unter einem Digitalen Zwilling versteht man, dass ein Hersteller seine Produktion, seine Anlage, seine Maschine in der digitalen Welt erstehen lässt, sie dort überwachen und steuern kann. Ein Digitaler Zwilling kann nur dann entstehen, wenn alle realen Messgrößen in die digitale Welt übertragen werden. Dazu wiederum braucht man individuelle Sensorik und natürlich clevere Algorithmen, also Software. Denn nicht nur der Messwert selber macht die Aussage, sondern die Messwerte müssen auch in die digitale Welt übertragen, verarbeitet, korrigiert und mit den Erfahrungswerten der Vergangenheit verglichen werden. Nur dann kann der Digitale Zwilling Aussagen treffen, die für die reale Anlage relevant sind.

Was bedeutet das für die Arbeitswelt? Werden sich damit nicht auch viele Job Descriptions verändern, z.B. weil ein Werksleiter sich quasi nur noch mit dem digitalen Abbild seiner Produktion beschäftigen muss, nicht mehr mit der „echten Realität“?

Im Mittelpunkt bleibt sicher weiter die Realität, denn der Werksleiter interessiert sich nur dann für den Digitalen Zwilling, wenn etwas falsch läuft. Bis dahin schaut er auf die reale Anlage. Der Digitale Zwilling hilft ihm lediglich, Fehler im realen Betrieb frühzeitiger zu erkennen und abzustellen. Bahnt sich ein Fehler oder gar ein Defekt an, erkennt der Digitale Zwilling dies anhand der hochsensiblen Sensoren und reagiert darauf entsprechend der in der Software definierten Vorgaben. Dann wird seine Reaktion auf die Realität übertragen. Das entlastet den Werksleiter zwar, entbindet ihn aber natürlich nicht von seiner Verantwortung für die reale Anlage. 

Im Grunde genommen ist der Digitale Zwilling also lediglich ein weitergedachtes Tool zur Zustandsüberwachung?

Zustandsüberwachung – oder auch Condition Monitoring – war bislang meist auf sicherheitskritische Anwendungen beschränkt. Mit den weitergehenden Technologien des Digitalen Zwillings wird jedoch mehr Selbstüberwachung möglich. Grundlage sind intelligente Sensoren mit integrierter Selbstüberwachung. Das heißt, die Sensoren prüfen zunächst, ob sie selbst korrekt kalibriert sind und funktionieren, bevor sie die Anlage überwachen. Letztendlich lassen sich mit dem Digitalen Zwilling die Lebensdauer der Maschine und auch die Produktionsqualität verbessern.