Interview mit Vision Engineering »Wir haben den Nerv der Industrie getroffen«

Stefan Summer, Vision Engineering (im Gespräch mit Nicole Wörner, Markt&Technik): »Ergonomie wird oft unterschätzt.«
Stefan Summer, Vision Engineering (im Gespräch mit Nicole Wörner, Markt&Technik): »Ergonomie wird oft unterschätzt.«

Vision Engineering ist Experte auf dem Gebiet der Mikroskopie. Doch das Unternehmen setzt nicht auf die klassischen Technologien sondern auf die so genannte okularlose Mikroskopie. Welche teils revolutionären Möglichkeiten sich daraus ergeben, erklärt Stefan Summer, Marketing Manager Central Europe.

Markt&Technik: Vision Engineering steht für okularlose Mikroskoptechnik und Ergonomie. Bei all der Expertise: Warum bieten Sie keine „klassischen“ Mikroskope an?
Stefan Summer: Okularlose Technik und Ergonomie hängen untrennbar miteinander zusammen. Echte Ergonomie geht nur okularlos. Davon war auch schon Rob Freeman überzeugt, der Vision Engineering 1958 gegründet hat. Er hat früh erkannt, dass man sich von den herkömmlichen Binokular-Mikroskopen – wie sie beispielsweise die bekannten Mikroskop-Hersteller anbieten – abheben muss, um sich am Markt durchsetzen zu können. Freeman wollte etwas entwickeln, was es so noch nicht gab und hat überlegt, wie man Mikroskope für den Anwender komfortabler machen kann. Das ist bis heute eines unserer zentralen Themen – dem Anwender immer die möglichst beste Ergonomie zu bieten und das angenehmste Arbeiten vor dem System zu ermöglichen. Dieser Grundsatz zieht sich durch unsere gesamte Produktpalette. 

Wie funktioniert die okularlose Mikroskopie und wo liegen ihre Vorteile?
Ein klassisches Stereozoom-Mikroskop hat zwei Okulartuben, in die der Anwender von oben hineinschaut. Bauartbedingt bringt dieser Aufbau eine wenig ergonomische Kopf- und Körperhaltung mit sich. Auch Brillenträger tun sich oft schwer, denn sie müssen ihre Sehhilfe meist ablegen, um durch das Okular blicken zu können. Unsere okularlose Technologie – genannt Dynascope – nutzt einen völlig anderen Ansatz: Das Herzstück ist eine rotierende Multilinsenscheibe. Auf der Scheibenoberfläche sind mehr als 3,5 Millionen Einzellinsen, sogenannte Lentikel, angeordnet, die als unabhängige, bilderzeugende Oberflächen fungieren. Jede einzelne Linse hat einen Durchmesser von wenigen Mikrometern. Die Multilinsen-Scheibe dreht sich mit hoher Geschwindigkeit und verschmilzt so die Millionen einzelner optischer Strahlen zu einem aberrationsfreien Bild von höchster Schärfe. Dadurch wird eine große Austrittspupille erreicht, so dass der Anwender wesentlich weiter weg vom Mikroskopkopf sitzen und den Kopf beliebig bewegen kann. Das ist beim herkömmlichen Mikroskop aufgrund seiner etwa 2 Millimeter großen Austrittspupille nur erschwert möglich. Hier sind wir dann auch schon wieder beim Stichwort Ergonomie. 

Ergonomie – Ihr Hauptverkaufsargument?
Eines von vielen. Aber in der Tat wird Ergonomie oft unterschätzt. Betrachtet man aber die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter, die die okularlose Technologie nutzen, bestätigen unsere Kunden, dass sie deutlich länger und produktiver arbeiten können, als Anwender herkömmlicher Stereo-Mikroskope. Darüber hinaus bietet die okularlose Technologie aber auch eine ganze Reihe überzeugender technischer Eigenschaften. 

In Zeiten von Industrie 4.0 und IIoT: Wie entwickelt sich der Markt für manuelle optische und digitale Inspektionstechnik derzeit – auch im Hinblick auf die zunehmende Automatisierung?
Natürlich ist der Inspektionsbereich geprägt von einer hohen Nachfrage nach Inline-fähigen Systemen. Aber das war noch nie unser Segment. Es gibt viele Applikationen in der Fertigung, in denen noch manuell inspiziert wird, vor allem in der Qualitätssicherung oder im Wareneingang. Für diese Anwendungen wird man auch weiterhin manuelle Inspektionslösungen brauchen. 

Inwieweit könnte die automatisierte Inspektion irgendwann mal Ihr Fokus werden?
Wir wollen klassischer Anbieter von Geräten sein, bei denen der Anwender noch selber Hand anlegen muss. Zudem ist der Inline-Markt bereits sehr dicht besetzt, da wären wir als Neueinsteiger nicht gut positioniert. Also konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz – die manuelle optische und digitale Inspektion.

Vision Engineering ist ein britisches Unternehmen mit Niederlassungen weltweit. Darüber hinaus unterhalten Sie ein breites Händlernetz. Wo liegen – regional betrachtet – die größten Märkte in Europa?
Deutschland bietet für uns das größte Potential. Prozentual sind die Umsatzzahlen hier am höchsten. 

Und branchenbezogen?
Wir sind bereits in unserer Anfangszeit in die Elektronik und Präzisionsmechanik eingestiegen – insofern lagen von Beginn an hier unsere wichtigsten Zielmärkte mit Anwendungen wie etwa Lötstellenkontrolle, elektronische Bauteilkontrolle, PCB-Inspektion, später auch die gesamte SMT-Technologie und -Inspektion. Darüber hinaus sind wir sehr breit aufgestellt. Neben der Automobilbranche und der Kunststoffindustrie ist vor allem die Medizintechnik ein wichtiges Marktsegment für uns. Jedes zweite Dentallabor in Deutschland dürfte ein Stereomikroskop der Mantis-Serie besitzen, und auch im Bereich Haartransplantation sind wir stark vertreten. Das sind zwar Nischenmärkte, für uns aber enorm wichtig, weil wir hier Marktführer sind. 

Die breite Aufstellung sorgt für Zukunftssicherheit…
Ja, wenn die Wirtschaft schwankt, fokussieren wir uns auf Bereiche, die nicht betroffen sind.