Osram-Übernahme kommt voran »Wir definieren neue Märkte!«

Alexander Everke, ams: »Der Markt, den wir bedienen, wächst durchschnittlich zwischen 14 und 17 Prozent – unser Ziel besteht darin, bis 2020 um 30 Prozent pro Jahr zuzulegen. Wir wollen schneller wachsen als alle anderen Firmen in diesem Markt.«
Alexander Everke, CEO von ams: »Wir helfen den Kunden mit unseren Produkten und Technologien, sich von ihren Wettbewerbern zu differenzieren. Deshalb sind wir von Anfang an bei der Entwicklung neuer Endgeräte dabei, was uns umgekehrt wieder die Sicherheit gibt, frühzeitig auf die richtige Technologien zu setzen.«

»Die Osram-Übernahme wird im Sommer vollzogen, dann können beide Unternehmen so richtig durchstarten«, freut sich Alexander Everke, CEO von ams, im Interview mit Markt&Technik. Trotz Corona sieht er vor allem Chancen, die nur ergriffen werden müssten.

Markt&Technik: Bisher scheint ams relativ unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen zu sein. Warum?

Alexander Everke: Es ist uns bisher gelungen, unser Geschäft  unter Kontrolle zu halten einschließlich der Fab in Singapur die regulär produziert. Wir bekommen die Zuliefermaterialien, die wir benötigen,  wir haben funktionierende Lieferketten und können unsere Versprechen und Lieferzeiten gegenüber unseren Kunden halten, was sie gerade in Zeiten wie diesen sehr schätzen. Nicht zuletzt deshalb, aber auch wegen unserer technischen Kompetenz sind wir bei Neuentwicklungen der Kunden von Anfang an mit dabei. Das ist wiederum die Grundlage für weiteres Wachstum – und die Kooperation mit den Kunden gibt uns darüber hinaus die Sicherheit, dass wir in die richtigen Technologien investieren.
Unser Erfolg ist aber vor allem dem Einsatz unserer Mitarbeiter zu verdanken, die trotz persönlicher Herausforderungen dafür gesorgt haben, dass wir unsere Produktion und Entwicklung so gut weiter führen können. Ich bin sehr stolz, eine solche Firma führen zu dürfen, die gegen den Trend wächst und die es mir erlaubt, sogar gute Prognosen für das 2. Quartal 2020 geben zu können.  

Die Halbleiterindustrie hatte nach dem Rückgang 2019 diesem Jahr schon vor der Corona-Krise mit gemischten Gefühlen entgegen geblickt, weil wichtige Endmärkte wie Smartphones und Automotive geschwächelt haben. Stellt sich das für ams anders dar?

Unsere Investitionen in die eigene Forschung und in die Übernahme von Firmen wie Heptagon und VCSEL-Spezialist Princeton haben sich gelohnt, die Integration ist gelungen und jetzt können wir die Früchte ernten. Wir sind über die vergangenen drei Jahre um durchschnittlich 50 Prozent gewachsen. Das kann kaum eine größere Halbleiterfirma von sich sagen. Wir haben gerade das beste erste Quartal in der Geschichte von ams abgeschlossen. Sowohl der EBIT als auch der Cash-Flow sind sehr stark – und das in der Krise. Viel gesünder geht es nicht. Für das zweite Quartal erwarten wir einen Umsatz zwischen 440 und 480 Mio. Dollar, deutlich mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal.  

Dass die Auswirkungen der Corona-Krise die Übernahme von Osram gefährden könnte, weil sich die finanzielle Situation von ams verschlechtert, sind nur böse Gerüchte?

Wir haben die Kapitalerhöhung umgesetzt, die übrigen Geschäftszahlen sprechen für sich, jeder kann sie einsehen. Die Übernahme von Osram schreitet zügig voran, ich rechne damit, dass sie bis Ende Juni/Anfang Juli vollzogen sein wird. Dann halten wir 68,2 Prozent der Aktien an Osram. Das werden wir aktiv nutzen.

Osram war ja nicht gerade begeistert darüber, von ams übernommen zu werden. Hält das Misstrauen an?

Eine Übernahme löst ganz natürlich starke Emotionen aus. Es hat auch in diesem Fall eine Weile gedauert, bis sich die Wogen geglättet haben, aber jetzt sind wir auf einem guten Weg. Die Gespräche mit Osram verlaufen sehr konstruktiv. Die Mitarbeiter von Osram sehen zum Beispiel, dass sie ihre Produkte jetzt zu Kunden bringen können, die sie ohne uns nicht hätten erreichen können. Das ist ein starker Motivationsfaktor.

Welche konkreten Entscheidungen werden stehen an?

Alle weiteren Entscheidungen über die Zusammenführung können wir erst treffen, nachdem die Übernahme über die Bühne gegangen ist, und werden sie dann vorstellen.  

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des gerade abgeschlossenen zweiten Quartals von Osram?

Die Zahlen haben unseren Erwartungen entsprochen.

Wie wird es gemeinsam weitergehen?

Die Zusammenführung ermöglicht es uns, Neues zu schaffen, denn die Produktspektren und das Kern-Know-how beider Firmen ergänzen sich sehr gut. Zusammen könnten wir ein Broadcom der optischen Industrie werden! Im Moment liegt der Consumer-Anteil von ams bei rund 75 Prozent, was sich während der Krise eher noch verstärkt. Gemeinsam mit Osram werden wir aber schon bald auf ein sehr ausgeglichenes Verhältnis kommen: Der Consumer-Markt wird 35-40% ausmachen, der Automobilsektor ebenso und Industrie und die Medizintechnik werden den Rest beisteuern. Das macht uns sehr viel weniger schwankungsanfällig als bisher.

Die Medizintechnik dürfte in  der jetzigen Situation erst recht einen Aufschwung nehmen?

Wir können in zahlreichen Sektoren im Gesundheitswesen helfen. Unsere Technik steckt in vielen bildgebenden Medizingeräten, etwa Röntgengeräten und Computertomographen, die jetzt ebenfalls einen Schub nach vorne erleben. Unsere Spektralsensor-Technik können wir auch einsetzen, um Antikörper zu identifizieren. Es muss nur ein Tropfen Blut auf einen Teststreifen gegeben werden. Die Verfärbung, die wir sehr genau messen können, zeigt an, ob sich im Blut Antikörper befinden oder nicht. Bisher war dafür ein sehr präzises, großes und teures Spektrometer im Labor erforderlich. Auf Basis unseres Spektralsensoren können wir tragbare Geräte entwickeln, die es erlauben, die Menschen vor Ort einfach und schnell zu testen. Das funktioniert nicht nur für den Test auf Covid 19, sondern auch um andere Erreger nachzuweisen. Das kann dabei helfen, die Ausbreitung von Epidemien zu verhindern. Einen Demonstrator haben wir bereits gebaut – allerdings kann ich heute noch nicht genau sagen, wie lange es dauert, bis ein einsatzfähiges Serienprodukt auf den Markt kommen kann. Dass es kommen wird, davon bin ich überzeugt.

Dafür leiden aber andere Marktsektoren. Für Smartphones sahen die Vorhersagen schon vor der Corona-Krise nicht rosig aus, jetzt ist der Markt eingebrochen. Ähnliches gilt für Automotive und die Industrie. Hat das keinen Einfluss auf das Geschäft von ams?

Wir sind im Moment im Markt für Android-Smartphones sehr erfolgreich. Sicherlich sähe es ohne Corona besser aus, aber die Technik, die wir in die Smartphones liefern, nimmt weiter zu. Unsere Design-Wins werden breiter, es laufen bei verschiedenen Kunden parallele Projekte. Wir sind von Anfang bei Entwicklungen dabei, wir atmen sozusagen mit den Kunden. Auch für die weiteren Märkte gilt meist, dass der Content, den wir in die Geräte liefern, steigt, und wir schwankende Stückzahlen der Endprodukte kompensieren können. Im Automotive-Sektor sind unsere Sensorsysteme sowie die VCSEL-Arrays stark gefragt, die in LIDAR-Systemen der Zukunft Anwendung finden. Unsere VCSEL-Fertigungslinie ist vollständig entsprechend der Vorgaben der Automobilindustrie qualifiziert, auch eine Besonderheit.

Welche Technologien bereiten gerade besondere Freude?

Die Übernahme von Princeton hat dazu geführt, dass wir jetzt auf Basis aller drei 3D-Sensorik-Architekturen – Structured Light (SL), Time-of-flight (ToF), und Active Stereo Vision (ASV) – Systeme aufbauen können. Auf welche Varianten die  Anwender auch immer setzen, wir können sie unterstützen.  Die 3D-Techniken lassen sich aber nicht nur für die Gesichtserkennung einsetzen, das war nur der Anfang. Weitere Märkte folgen, auf die wir die Technik anpassen. So lässt sich beispielsweise die Bildqualität von Kameras unter schwierigen Umgebungslichtverhältnissen deutlich verbessern. Der Kunde erhält also Kameras im Smartphone, die bessere Fotos machen. Diese Vorteile wollen die Lieferanten von Smartphones ihren Kunden bieten, wir sind deshalb mit fast allen im Gespräch.
Ich bin sicher, interessant für die Smartphone-Hersteller ist auch, die 3D-Sensorik unsichtbar hinter dem Display platzieren zu können, so dass dafür keine Aussparungen vorgesehen werden müssen. Bis Ende 2020 wollen wir Active Stereo Vision für Smartphones hinter dem OLED-Display demonstrieren. Damit sind wir mal wieder der erste auf dem Markt. Dasselbe sollte künftig auch auf Basis der SL-Technik möglich sein.

Die 3D-Sensorik ist also noch längst nicht ausgereizt…
 
…im Gegenteil: sie  wird auch weiterhin ein Innovationstreiber für uns bleiben. Die Strategie besteht insgesamt darin, möglichst als Erster neue Techniken in den Markt einzuführen. Sobald die Wettbewerber aufschließen, können wir dann schon wieder auf eine neue Stufe springen. Oder die bestehende Technologie in ganz neue Märkte zu bringen, so dass wir auf mehreren Technologiewellen durch die Märkte reiten werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Auf Basis der Kombination aus VCSELs, NIR-Sensorik und Software können wir als ASV-3D-System optische Innenraumüberwachung realisieren, woran bereits einige Kunden interessiert sind. Interessante Perspektiven sehen wir  auch  in der Forschung zu optischen Mikrophonen. Denn Schallwellen können sich über optische Verfahren genauer messen lassen, als es herkömmliche kapazitive Verfahren erlauben. Das dürfte längerfristig neue Märkte erschließen.

All das erfordert aber auch Investitionen und viele Ressourcen. Kann das nach der Übernahme von Osram so weiter gehen?

Gerade die Übernahme schafft die Voraussetzung, dass wir diese Strategie weiterhin schnell umsetzen können. Etwa indem wir unser Know-how in der Sensorik mit den Mikro-LEDs von Osram kombinieren. Kein anderes Unternehmen hat beide Techniken im Haus. Das ist ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil, denn das macht uns einzigartig. Den Platz zwischen den LED-Bündeln können wir hervorragend nutzen, um unsere Sensorik unterzubringen. Der große Vorteil: Mikro-LEDs nehmen um 50 Prozent weniger Strom auf als OLEDs. Weil die Displays im Smartphone mit am meisten Strom aufnehmen, lässt sich über den Einsatz von Mikro-LED-Displays die Batterielebensdauer auf einen Schlag quasi verdoppeln, ein großer Vorteil für den Endkunden.

Aber auch in Head-up-Displays in Autos soll die Technik zum Einsatz kommen. Wir stoßen damit also wieder einmal in ganz neue Marktsektoren vor. Ganz ähnlich wie es beim 3D-Sensing war: Vor drei Jahren hat noch niemand darüber gesprochen, jetzt ist 3D in allen Variationen der große Trend. Weil wir solche Techniken früh entwickeln, sind die Kunden uns gegenüber sehr offen und wollen sich mit uns und mit Osram an einen Tisch setzen, um zu sehen, wie sich ganz neue Lösungen auf Basis unseres Know-howgenerieren lassen. Gemeinsam können wir in Märkte vordringen, die zu erreichen den einzelnen Unternehmen nicht möglich gewesen wäre. Deshalb sind die Ingenieure von Osram und ams hochmotiviert und deshalb bin ich weiterhin sehr optimistisch.