Interview: Jérémie Bouchaud, IHS Markit Vom Wachstum der MEMS-Mikrofone

Jérémie Bouchaud, IHS Markit
»Klassische MEMS-Sensoren machen inzwischen ein Viertel des weltweiten siliziumbasierten Sensor-Marktes aus. Zu den absoluten High-Flyern zählen derzeit optische Sensoren wie Fingerprint- und Time-of-Flight-Sensoren.«
Jérémie Bouchaud, IHS Markit: »Im Konsumgüterbereich entwickeln sich neben Smartphones vor allem Peripherals oder Accessories zu Einsatzmöglichkeiten für die verschiedensten MEMS-Bausteine. Zu den jüngsten Beispielen neben Smartwatches zählen hier etwa E-Zigaretten oder Earbuds und Wireless Headsets. Ich bin sicher, da werden in Zukunft noch neue Einsatzmöglichkeiten hinzukommen.«

Auch wenn weltweit aktuell Überkapazitäten im MEMS-Bereich bestehen, rechnet das Marktforschungsinstitut IHS Markit, wie Jérémie Bouchaud, Senior Director MEMS & Sensors, erläutert, für 2019 mit einem Wachstum des MEMS-Marktes von 5,5 Prozent auf voraussichtlich 13,3Milliarden Dollar.

Markt&Technik: Wie stellt sich aus Sicht des Marktforschungs-Instituts IHS Markit der bisherige Verlauf des Geschäftsjahrs 2019 im Bereich MEMS dar?

Jérémie Bouchaud: Wir stellen fest, dass sich die gesamte Halbleiterindustrie 2019 in einem schwierigen Jahr befindet, wir gehen aber davon aus, dass der Tiefpunkt nach dem 3. Quartal erreicht sein wird. MEMS oder allgemeiner gesagt Halbleiter und Aktoren sind nicht immun gegen die derzeitige Verlangsamung der Industrie. Sensoren und Aktoren schneiden aber bei Weitem besser ab als der Rest der Halbleiterindustrie. Basierend auf den Umsatzanteilen für das erste Quartal 2019 und den Prognosen der Halbleiterlieferanten für das zweite Quartal schätzt IHS Markit, dass die gesamte Halbleiterindustrie im ersten Halbjahr 2019 gegenüber dem ersten Halbjahr 2018 um 13 Prozent geschrumpft ist. Dagegen hat das Segment Sensors & Actors im ersten Halbjahr 2019 nur um 1 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres nachgegeben.

Im Allgemeinen ist der Markt für Sensoren und Aktoren nicht so volatil wie andere Kategorien wie etwa Speicher oder diskrete Halbleiter oder MCUs. Der Grund dafür ist, dass Sensoren oft nicht universell einsetzbar sind und die Käufer dazu neigen, ihren Kauf auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse genauer zu steuern als Universal-ICs, die in einer Vielzahl von Anwendungen wie MCUs im Automobil eingesetzt werden können. Infolgedessen gibt es weniger Lageraufbau oder -abbau bei Sensoren und Aktoren als bei universellen IC-Kategorien wie MCUs, die derzeit stark vom Lagerabbau betroffen sind.

Sind aus Ihrer Sicht regionale Unterschiede zwischen Europa, den USA und Asien/China erkennbar?

Es hängt von den Anwendungsmärkten ab. Ein Blick auf die Top-2-Märkte für MEMS und Sensoren zeigt: Im Automotive-Bereich erlebte der chinesische Markt im ersten Halbjahr 2019 insgesamt den stärksten Rückgang. Dagegen ist die Situation im Smartphone-Bereich zwischen den einzelnen Regionen wesentlich ausgeglichener.

Nach den verhaltenen Prognosen des letzten Herbst zur Absatzentwicklung bei Smartphones – ist es in diesem Bereich inzwischen zu einer positiven Veränderung gekommen?

Wir sehen einen nach wie vor angeschlagenen Smartphone-Markt. Nach einem Rückgang der weltweiten Smartphone-Produktion um 2,3 Prozent im Jahr 2018 erwarten wir für 2019 einen weiteren Rückgang. So stellen wir einen Marktrückgang in der ersten Jahreshälfte 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 2018 um 5 Prozent fest. Wir gehen aktuell davon aus, dass der Markt im zweiten Halbjahr 2019 wieder wachsen wird. Insgesamt aber wird das Smartphone-Geschäft in Summe im Jahr 2019 um 1 Prozent zurückgehen.

Smartphones waren bislang sicherlich das wichtigste Absatzsegment im Bereich Konsumelektronik. Gibt es da neue Applikationen, die sich durch ein besonders hohes Wachstum auszeichnen?

Ja, das sind die Peripherals, die Accessories, die wurden bislang in der Wahrnehmung vielleicht etwas vernachlässigt. Zu diesen Überraschungen zählt aus unserer Sicht beispielsweise der Einsatz von Beschleunigungsmessern, die als Drucksensoren verwendet werden, in E-Zigaretten, wie das etwa bei Juuls Labs passiert. Ein anderes Beispiel sind die Earbuds oder Wireless Headsets. Sie sind mit MEMS-Mikrofonen, MEMS-Beschleunigungssensoren sowie MEMS-Vitalsensoren ausgerüstet. In naher Zukunft könnten dort auch Kombisensoren in Form von IMUs zum Einsatz kommen.