Wechsel in der Geschäftsführung Novotechnik: Aufbruch zu neuen Zielen – aber mit bewährten Unternehmenswerten

Nach über 45 Jahren Firmenzugehörigkeit übergibt Martin Oppold, bisheriger Geschäftsführer des Sensorherstellers Novotechnik, die Leitung an Torsten Wegner. Wir sprachen mit beiden über den bisherigen sowie den zukünftigen Weg des Unternehmens.

Seit 60 Jahren ist der in Ostfildern ansässige Sensorikspezialist Novotechnik wegweisend in der Sensorik und Messtechnik. Dabei herausgekommen sind Weg- und Winkelsensoren, die in der Automatisierungs- und Automobilbranche kaum mehr wegzudenken sind. Nun übergibt der bisherige Geschäftsführer Martin Oppold den Staffelstab an Torsten Wegner.

Markt&Technik: Herr Oppold, nach mehr als 45 Jahren Firmenzugehörigkeit und über 20 Jahren in der Geschäftsleitung kann man sicherlich sagen, dass mit Ihrem Ausscheiden aus der Firma eine Ära zu Ende geht. Welche Eindrücke nehmen Sie aus dieser Zeit mit und wohin wird der Weg des Unternehmens jetzt gehen?

Martin Oppold: Novotechnik hat in der Sensorik für Weg- und Winkelmessung in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich Geschichte geschrieben. So ist es beispielsweise gelungen, diese Produkte in der Spritzgießtechnik und im Maschinenbau überhaupt erst einzuführen. Das von uns eingeführte und perfektionierte Leitpressverfahren wurde durch moderne Beschichtungsmethoden unter Einbeziehung selbst entwickelter Pasten weiterentwickelt und ist heute weltweit die Basis für hochpräzise potentiometrische Sensorelemente. Prägende Schritte in der Firmengeschichte waren der Einstieg in die Automobiltechnik und der Schritt zu den kontaktlosen Verfahren bei der Weg- und Winkelmessung. Mit dem magnetischen RFC-Winkelsensor beispielsweise, bei dem Sensorelement und positionsgebender Magnet konstruktiv voneinander getrennt sind, konnten wir am Markt einiges bewegen. Ähnliches wird sicherlich auch in Zukunft gelingen, wenn der Bereich kontaktlose Sensorik weiter ausgebaut wird.

Torsten Wegner: Ganz sicher ist die Stärkung der Marktposition bei den kontaktlosen Verfahren ein ganz wichtiges Ziel, das wir in Zukunft weiter verfolgen werden. Herr Oppold und ich haben in den knapp eineinhalb Jahren unseres gemeinsamen Schaffens hierfür die Weichen gestellt. Bei den Potentiometern gehört Novotechnik heute unbestritten zu den Marktführern, sogar Wettbewerber lassen inzwischen bei uns fertigen. Auch im Bereich kontaktlose Sensorik wollen wir künftig eine vergleichbare Marktposition erreichen. Wir streben hier hochwertige Lösungen an, die nicht nur im Hinblick auf Auflösung und Genauigkeit das Potentiometerprogramm ergänzen, sondern auch im Preis vergleichbar sind. Ein Highlight in diesem Bereich ist schon heute unser getriebeloser Multiturn-Sensor, der den GMR-Effekt (Giant Magneto Resistance) nutzt und ohne externe Energieversorgung auskommt. Die Möglichkeit, bis zu 16 Umdrehungen magnetisch zu erfassen, ist sowohl für die Fahrzeugtechnik als auch für industrielle Anwendungen äußerst interessant.

Wenn die Weiterentwicklung in Richtung kontaktlose Sensorik geht, hat das Potentiometer dann ausgedient?

Torsten Wegner: Aktuell haben wir bei potentiometrischen Sensoren, speziell zur Winkelmessung, immer noch einen Mengenzuwachs. Obwohl oft für tot erklärt, werden sich Potentiometer wohl noch lange am Markt halten, weil sie durch ihre Zuverlässigkeit überzeugen. So gab es bei den insgesamt weltweit 40 Millionen Potentiometern, die in der Kfz-Technik zur Drosselklappenregelung eingesetzt sind, noch keinen Feldausfall, der auf Sensorversagen zurückzuführen wäre. Langfristig wird die kontaktlose Technologie jedoch immer wichtiger.

Herr Wegner erwähnte, dass er bereits seit knapp eineinhalb Jahren im Hause Novotechnik beschäftigt ist. Dass alter und neuer Geschäftsführer so lange parallel arbeiten, ist ungewöhnlich. Was waren die Beweggründe dafür?

Martin Oppold: Wir haben meinen Nachfolger so früh mit in Boot genommen, um Sicherheit für das gesamte Unternehmen zu gewinnen. Erstrebenswert ist bei einem Geschäftsführerwechsel – sicher auch im Sinne aller Mitarbeiter – kein harter Schnitt, sondern ein „schonender“ Übergang, der garantiert, dass keine Unternehmenswerte auf der Strecke bleiben.

Torsten Wegner: Das kann ich nur unterstreichen. Als Geschäftsführer trage ich schließlich neben der wirtschaftlichen auch die soziale Verantwortung. Wer ein Unternehmen erfolgreich führen will, sollte schließlich auch wissen, was die Werte des Unternehmens und der Mitarbeiter sind, und das gelingt nur, wenn man auch dafür Zeit aufwendet.

Novotechnik ist auf dem Automobilsektor stark vertreten. Wie macht sich die dortige Krisenstimmung bemerkbar?

Torsten Wegner: Natürlich spüren wir die Auswirkungen. Allerdings macht bei uns der Automobilsektor nur etwa ein Drittel aus. Außerdem sind wir dabei, uns neue Zielmärkte zu erschließen: Dies sind regionale Aktivitäten in China durch Gründung der Novotechnik Sensors Trading (Shanghai) und Nutzung einer Partnerschaft in Indien. Darüber hinaus wollen wir weltweit durch gezielte Marktaktivitäten auch spezielle Branchen wie mobile Arbeitsmaschinen ausbauen.

Wird die neue Niederlassung in China Arbeitsplätze in Deutschland gefährden?

Torsten Wegner: Nein, ganz sicher nicht. Die Sensorikfertigung bleibt in Deutschland, aber wir werden den asiatischen Markt von China aus einfach besser bedienen können und bei höheren Stückzahlen auch in Deutschland dank moderner Automatisierungstechnik zu konkurrenzfähigen Preisen fertigen können. Branding-Unternehmen mit chinesischer Fertigung beispielsweise schätzen es als Verkaufsargument gegenüber ihren Kunden, wenn sie Novotechnik-Qualität einsetzen können.

In welche Richtung werden in Zukunft Forschung und Entwicklung im Hause Novotechnik gehen? Was darf der Anwender an Neuheiten erwarten?

Torsten Wegner: Wir haben nicht das Ziel, neue physikalische Prinzipien zur Marktreife zu bringen, sondern wollen bereits entwickelte Technologien applizieren. Wichtige Schlagworte in diesem Zusammenhang sind beispielsweise: 'Fit for Use', 'Added Value', 'Global Sourcing (and Global Pricing)', 'MTBF' und 'Funktionale Sicherheit'. Die Frage wird immer sein: Was braucht der Markt und wie können wir geeignete Lösungen mit unseren Kompetenzen am besten umsetzen. Ein Beispiel für diese Marktstrategie gibt es bereits: Für die Lenkwinkelerfassung an Hydraulikzylindern bieten wir seit Kurzem einen neuen Linearsensor an, der induktiv arbeitet und sich z.B. für alle heute üblichen Stahlzylinder mit durchgehender Kolbenstange eignet. Er wurde speziell für diesen Anwendungsbereich designed. Ähnliche Sensor-Applizierungen für andere Marktsegmente werden mit Sicherheit folgen. Aber auch in anderen Bereichen werden wir uns zukünftig noch stärker auf den Kunden-Mehrwert konzentrieren. Ich denke, dass Novotechnik mit einer solchen Marktorientierung gut für die Zukunft gerüstet ist.