Interview mit National Instruments »Messdaten sind die Treiber der digitalen Transformation«

Rahman Jamal, National Instruments: »SystemLink ist der erste Schritt in Richtung digitaler Thread für Messungen innerhalb eines kompletten Entwicklungsprozesses.«

Die digitale Transformation schreitet rasch voran. Warum Messdaten und softwarebasierte Automatisierung als Katalysator für sie dienen können, erläutert Rahman Jamal, Business & Technology Fellow bei National Instruments.

Markt&Technik: Um die digitale Transformation kommt heute wohl kein Unternehmen mehr herum. Welche technologischen Fortschritte sind die treibenden Kräfte für diese Entwicklung?

Rahman Jamal: Zuerst ist hier Ubiquitous Sensing zu nennen. Darunter versteht man die uneingeschränkte Verfügbarkeit heutiger Sensoren, die inzwischen unglaubliche Fähigkeiten aufweisen. Ich würde sogar behaupten, dass Sensoren sozusagen die Sinnesorgane der digitalen Transformation sind. Durch sie erhalten wir einen riesigen Schatz an Daten, die allesamt über vernetzte Rechensysteme beherrschbar gemacht werden müssen. Genau diese vernetzten Rechensysteme sind der zweite Eckpfeiler der digitalen Transformation. Aber auch ausgeklügelte Verfahren wie Machine-Learning treiben die digitale Transformation voran.

Werden all diese Basistechnologien miteinander kombiniert, hat dies eine exponentielle Progression von Fähigkeiten zur Folge. Dabei sind diese Technologien jedoch nicht das Ziel der digitalen Transformation, sondern vielmehr deren Enabler, sprich: Katalysatoren. Dasselbe gilt auch für die Test- und Messdaten, die ich als Wegbereiter oder treibende Kraft für die digitale Transformation bezeichnen würde.

Inwiefern können Messdaten die digitale Transformation vorantreiben?

Ob bei den ersten Recherchen für ein Projekt, in der Entwicklung, im Design, in der Fertigung oder im Betrieb – die digitale Transformation zieht sich durch alle Phasen des Produktlebens. Sprich: der komplette Produktlebenszyklus wird digital. Durch die Zusammenführung unterschiedlicher IT-Systeme mit dem Ziel, daraus neue Erkenntnisse zur Optimierung des Produktionsprozesses zu gewinnen – den sogenannten Digital Thread – können wir nun wesentlich mehr Informationen über ein Produkt erfassen und verstehen als je zuvor. Und das über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg!

Außerdem: Die Digitalisierung ist schon längst im Gange – denken Sie nur mal an das Produktlebenszyklusmanagement PLM, an Simulation und modellbasierte Entwicklung, Fertigungsanalysen und die Überwachung von Produkten im laufenden Betrieb. Das automatisierte Messen und Testen wiederum ist integraler Bestandteil des digitalen Produktlebenszyklus. Denn Messdaten sind eine reiche Informationsquelle, die z.B. Hinweise zur Leistung des Produkts oder des Anlagenteils, zu Qualität und sogar zur Leistung im Betrieb geben. Doch in vielen Unternehmen wird diese Goldgrube schlichtweg nicht genutzt.

Die Daten sind allerdings nicht nur auf den Entwicklungszyklus innerhalb einer bestimmten Firma beschränkt, sondern können sogar eine komplette Lieferkette einschließen. Beispielsweise lagern einige Unternehmen ihre Produktion aus und könnten durchaus davon profitieren, würden die Daten über die Firmengrenzen hinweg ausgetauscht. Aber nicht nur die Daten, sondern auch die softwarebasierte Automatisierung der Tests und Messungen selbst kann als Katalysator der digitalen Transformation dienen.

Inwiefern?

Sie kann zu effizienteren Prozessen im Produktlebenszyklus beitragen. Automatisierte Validierung und Charakterisierung sollten mit den Design- und Simulationswerkzeugen nahtlos zusammenspielen, sodass Testsoftware bereits vor dem physikalischen Muster entwickelt werden kann und dadurch ein schneller Vergleich von Validierungs- und Simulationsdaten möglich wird. Der Fertigungstest wiederum sollte eng auf das MES abgestimmt sein, sodass die Prüfsysteme effizient zugewiesen und verwaltet werden können und die Ausführung der automatisierten Tests an veränderte Fertigungsbedingungen angepasst erfolgen kann. Zudem sollten Systeme für Vor-Ort-Wartung und -Test die Daten leicht untereinander austauschen können, beispielsweise solche über die Nutzung und den Reparaturstatus, die für neue Produktversionen wichtig sein könnten.