Interview Göpel electronic setzt auf neue Teststrategien

Thomas Wenzel, Göpel electronic: »Wir verfolgen bereits seit einigen Jahren die Migrationsstrategie durch Integration, d.h. existente Tester werden nicht verdammt, sondern – ganz im Gegenteil – sie werden unter der Devise ‚gute Tester besser machen‘ aufgerüstet.«
Thomas Wenzel, Göpel electronic: »Wir verfolgen bereits seit einigen Jahren die Migrationsstrategie durch Integration, d.h. existente Tester werden nicht verdammt, sondern – ganz im Gegenteil – sie werden unter der Devise ‚gute Tester besser machen‘ aufgerüstet.«

Mit dem »Embedded System Access« (ESA) stellt Göpel electronic einen eigenen Angaben zufolge völlig neuen Ansatz hinsichtlich Test, Programmierung, Validierung und Emulation auf Chip- und Boardlevel vor. Markt&Technik sprach mit Thomas Wenzel, Geschäftsführer von Göpel electronic, über die Hintergründe.

Markt&Technik: Zur embedded world haben Sie einen Paradigmenwechsel im Bereich Embedded System Access und Buskommunikation angekündigt. Was genau verbirgt sich dahinter?

Thomas Wenzel: Wir haben auf der Messe erstmals unser neues ganzheitliches Konzept des Embedded System Access (ESA) als wegweisende technologische Basis für zukünftige Test- und Programmierstrategien vorgestellt. Das Prinzip adressiert besonders die Probleme des physikalischen Zugriffs und der funktionalen Komplexität beim Test moderner Elektronik. Mit Hilfe des ESA wird es nicht nur möglich, neue Methoden in der Design-Validierung einzusetzen, sondern auch die Fehlerabdeckung im Produktionstest enorm zu verbessern sowie die Wartung und Reparatur von Systemen im Feld kostengünstiger zu realisieren. ESA-Technologien sind daher für den gesamten Produktlebenszyklus anwendbar und bieten unserer Überzeugung nach ein enormes Potential.

Bedeutet »Embedded System Access« für Sie eine Abkehr von der Boundary-Scan-Technologie?

Nein, ganz im Gegenteil. Eigentlich kann man Boundary Scan als die Mutter und den Schrittmacher zur Entwicklung der heutigen Embedded-System-Access-Technologien ansehen. Sie ist damit integraler Bestandteil und grundlegender Baustein der ESA-Philosophie, genau wie Processor Emulation Test oder Chip-embedded Instruments, um nur einige weitere Technologien zu nennen. Fakt ist, dass sich Boundary Scan in den letzten 20 Jahren sehr gut positioniert hat und immer breiter genutzt wurde. Die Fähigkeiten von Boundary Scan in punkto Prozessautomatisierung, struktureller Testabdeckung und pin-genauer Fehlerdiagnose sind einfach unschlagbar. Fakt ist aber auch, dass JTAG/Boundary Scan objektiv nicht für alle heute relevanten Probleme eine Lösung bieten kann. Es braucht ergänzende Technologien, die die Wirksamkeit eines Testkonzepts möglichst auf Basis der gleichen nicht-intrusiven Zugriffsmechanismen vervollständigen. Und genau auf diese Teambildung fokussiert unser neues Konzept des ESA.

Göpel electronic wendet sich mit dieser neuen Philosophie teilweise auch komplett neuen Märkten zu. Welche genau adressieren Sie?

Nun, so völlig neu sind die Märkte für uns nicht. Wir haben ja bisher auch eine recht breitbandige Produkt- und Applikationsphilosophie betrieben: Angefangen bei Design-Validierungen im Labor über Testlösungen für die Produktion bis hin zu In-System-Programmierungen oder Hardware-Debugging usw. Das alles wollen wir auf Basis der konsequenten Umsetzung unserer Embedded-System-Access-Philosophie vertiefen und damit auch unsere führende Marktposition weiter ausbauen. Es ist allerdings auch richtig, dass wir derzeit die einzelnen Marktsegmente genauer prüfen, um strategisch die richtigen Entscheidungen zu treffen, wo wir in Zukunft besonders investieren. Ein Schwerpunkt wird dabei mit Sicherheit die Entwicklung neuer Werkzeuge und IPs zur Design-Validierung auf Basis der Chip-embedded Instrumentation und hier insbesondere der FPGA Assisted Test sein.

Ist der elektrische Test, wie er sich in den letzten Jahrzehnten präsentiert hat, eher eine aussterbende Gattung oder unterliegt er einer technologischen Revolution?

Ich denke, hier muss man bei der Beurteilung sehr vorsichtig sein. Als Boundary Scan 1990 als IEEE 1149.1 standardisiert wurde, gab es eine Menge Euphorie, was die Adaption in der Industrie und die Entwicklung eines prosperierenden Marktes für Chips, Werkzeuge und Testsysteme anbelangte. Einige wussten sogar, dass der In-Circuit-Test (ICT) nur noch wenige Jahre existieren wird. Nun, die Zeit hat uns eines Besseren belehrt, und schaut man sich heute die Testausrüstungen in der Produktion an, so findet man immer noch sehr oft den guten alten ICT fleißig bei der Arbeit. Göpel electronic hat die Situation immer sehr praxisorientiert analysiert; und es wurde schnell klar: Auch der ICT ist nicht stehen geblieben in der Entwicklung. Darüber hinaus wurden andere intrusive Strategien wie der MDA oder der Flying Probe Test aktuell und sind es heute immer noch. Sicherlich stagniert der Markt, aber von einem schnellen Aussterben kann man auch jetzt nicht sprechen.

Und welche Rolle wird ESA in diesem Umfeld künftig spielen?

Die Verbreitung der ESA-Technologien hat ebenso ihre Spuren hinterlassen und der umfassende Paradigmenwechsel ist eingeleitet, aber auch hier müssen erst einmal die Endkunden zum Wechsel bereit sein. Wir verfolgen bereits seit einigen Jahren die Migrationsstrategie durch Integration, d.h. existente Tester werden nicht verdammt, sondern – ganz im Gegenteil – sie werden unter der Devise »gute Tester besser machen« aufgerüstet. Derartige ESA-Integrationspakete erlauben dann auch die Kombination von intrusivem und eingebettetem Zugriff auf einer Systemplattform. Es sind also eher evolutionäre Prozesse, die wir auf diesem Gebiet erwarten können.

Welche Marktchancen räumen Sie sich selbst in den nächsten zwei bis drei Jahren ein?

Göpel electronic ist seit über 20 Jahren im Boundary-Scan-Geschäft und hat sich durch kontinuierliche Innovationen an die Weltmarktspitze gearbeitet. Dabei haben wir auf organisches Wachstum gesetzt und nicht auf Akquisition von Technologien, die sich dann nur schwierig in bestehende Lösungen implementieren lassen. Dadurch sind wir als einziger Lieferant in der Lage, eine konsistente und dennoch offene Instrumentierungs-Plattform für alle Embedded-System-Access-Technologien zu bieten. Das haben unsere Kunden bisher auch als besonders positiv bewertet, weil so die Migrationen von neuen Strategien wie dem FPGA-Assisted Test oder FPGA-Assisted Programming absolut nahtlos und mit klar kalkulierbaren Kosten in bestehende Applikationen erfolgen kann.

Der zweite Faktor ist ganz klar Innovation auf allen Gebieten einschließlich der schnellen Unterstützung neuer Standards. Das ist zugegebenermaßen eine echte Herausforderung, vor allem aber ist es kostenintensiv. Was die System-Lieferanten angeht, trennt sich hier die Spreu vom Weizen, denn kleinere Anbieter sind nicht in der Lage, die dafür notwendigen R&D-Budgets zu stemmen.

Die beste Erfolgsgarantie ist aber immer noch Kundenzufriedenheit und das Vertrauen in einen Lieferanten, Kundenbedürfnisse zeitgerecht und in der notwendigen Qualität erfüllen zu können. Deshalb werden bei uns auch sämtliche Innovationen mit den Kunden zusammen entwickelt und nicht am Markt vorbei.

Die nächsten Jahre werden aus unserer Sicht durch die sich abzeichnenden Technologieumbrüche besonders spannend und bieten ein enormes Marktpotential. Gestützt auf unsere hervorragende technologische Ausgangsposition sehen wir hier exzellente Chancen, überproportional zu wachsen.