Ein Unternehmen entwickelt sich vom lokalen Anbieter zum Teil eines internationalen Konzerns ETS-Lindgren und emv: »Wir sind auf einer Wellenlänge«

Gerhard Wahrmann, emv GmbH: »Für die ehemaligen Gesellschafter war es essentiell, möglichst alle Arbeitsplätze zu erhalten und Perspektiven für eine positive Unternehmensentwicklung zu eröffnen.«
Gerhard Wahrmann, emv GmbH: »Für die ehemaligen Gesellschafter war es essentiell, möglichst alle Arbeitsplätze zu erhalten und Perspektiven für eine positive Unternehmensentwicklung zu eröffnen.«

Vor knapp einem halben Jahr hat der US-amerikanische Hersteller ETS-Lindgren den deutschen EMV-Messtechnik-Spezialisten emv GmbH übernommen. Markt&Technik hat nachgefragt, welche Gründe zum Verkauf geführt haben und auf welche Resonanz diese Akquisition gestoßen ist. Dazu sprachen wir mit Gerhard Wahrmann, Management Consultant und ehemaliger geschäftsführender Gesellschafter der emv, und mit Dr. Wolfgang Winter, jetziger emv-Geschäftsführer.

Markt&Technik: Was hat zu der Entscheidung geführt, das Unternehmen zu verkaufen?

Gerhard Wahrmann: Mein Partner Gerd Witzmann und ich haben uns entschlossen, nach vielen arbeitsintensiven und erfolgreichen Jahren im Geschäftsleben, kürzer zu treten. Als Eigentümer und Geschäftsführer haben wir über die Jahre eine enge Bindung zu unserem Unternehmen und unseren Kunden aufgebaut, und es hat sich ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien entwickelt. Ein Fremdgeschäftsführer kam für uns nicht in Frage, weil wir potentielle Interessenskonflikte zwischen Eigentümer und Geschäftsführung vermeiden wollten. Der für uns konsequente Schritt war, die emv zu verkaufen.

Warum ist der Zuschlag an ETS Lindgren gegangen?

Gerhard Wahrmann: Für die ehemaligen Gesellschafter war es essentiell, möglichst alle Arbeitsplätze zu erhalten und Perspektiven für eine positive Unternehmensentwicklung zu eröffnen. Es wurde relativ schnell klar, dass ein Verkauf an einen strategischen Partner deutlich bessere Möglichkeiten bietet als etwa der Verkauf an einen Finanzinvestor. Die Wahl fiel dabei nicht nur aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen auf ETS-Lindgren. ETS-Lindgren ist in den letzen Jahren stark gewachsen und hat viel Erfahrung mit der Akquisition inhabergeführter Unternehmen. Schon bei den ersten Gesprächen haben wir gemerkt, dass die Kulturen beider Unternehmen, trotz der regionalen Unterschiede, sehr ähnlich sind und wir sozusagen »auf einer Wellenlänge« sind. Mit ETS-Lindgren ergibt sich auf lange Sicht eine optimale Perspektive für die emv GmbH, sich noch stärker am Markt zu etablieren.

Was ändert sich, wenn man als deutsches inhabergeführtes Unternehmen plötzlich ein Teil eines internationalen Konzerns wird?

Dr. Wolfgang Winter: Weniger, als viele Mitarbeiter erwartet haben. Die größten Herausforderungen sind die interkulturelle Zusammenarbeit und die Internationalisierung des Geschäfts. So wird beispielsweise ein großer Teil der internen Kommunikation jetzt in englischer Sprache geführt. ETS-Lindgren ist eine globale Organisation mit Hauptsitz in den USA und Standorten in Nord- und Südamerika, Asien und Europa. Die Mitarbeiter von ETS-Lindgren arbeiten international vernetzt z.B. in Projektteams zusammen. Dadurch gelingt es, die Kompetenz der Spezialisten weltweit zusammenzubringen und gemeinsam optimale Lösungen zu erarbeiten, von denen der Kunde profitiert.

Auf Grund der unterschiedlichen Zeitzonen und Standorte sowie dem größeren Bedarf an Informationen werden neue Kommunikationsmittel wie etwa Online-Konferenzen, Webcams oder Chat-Tools in unserem Büroalltag notwendig. Nach einigen Monaten der Zusammenarbeit zeigt sich, dass beide Seiten von dem dazu gewonnenen Know-how profitieren.

Die Kollegen von ETS-Lindgren sind sehr offen für Anregungen und Ideen seitens der emv-Mitarbeiter und unterstützen unsere bisherigen Geschäftsfelder. ETS-Lindgren investiert in Europa und hat mit der Akquisition der emv die Basis für weiteres Wachstum geschaffen. Wir erweitern unsere personellen Ressourcen und planen, in den nächsten Monaten noch weitere Stellen neu zu besetzen. Sobald das Europäische ETS-Lindgren Service Centre am Standort Taufkirchen bei München in Betrieb genommen ist, können wir den Kunden in der EU lokalen Support bieten.

Wie sind die Kompetenzen untereinander geregelt und welchen Beitrag liefert die emv zum Geschäft von ETS-Lindgren?

Dr. Wolfgang Winter: Die Kompetenz und die Verantwortung für die lokalen Märkte liegen in vollem Umfang bei der emv. Die Kollegen von ETS-Lindgren unterstützen tatkräftig mit Produkten, Innovationen und internen Produktschulungen. Im administrativen Bereich verfügen wir nun z.B. im Bereich IT über mehr Ressourcen und merken im positiven Sinne, dass wir nun zu einer größeren Organisation gehören. Dadurch bieten sich neue Möglichkeiten, wie etwa die Nutzung gemeinsamer Software-Plattformen oder verbesserte Einkaufskonditionen bei Lieferanten.

Was hat sich für die Kunden geändert?

Dr. Wolfgang Winter: Für die Kunden gab es in der Beratung und im Service keine Veränderungen. Die Ansprechpartner im Service oder im Vertrieb bleiben die gleichen. Neu ist, dass wir den Kunden nun auch die gesamte Produktpalette von ETS-Lindgren mit anbieten können. Gerade im Bereich der kundenspezifischen Lösungen und Systeme - z.B. der Lieferung eines kompletten EMV-Messlabors oder eines Antennemesssystems - können wir den Kunden somit eine technisch und kommerziell noch besser abgestimmte Lösung aus Messtechnik und Infrastruktur (z.B. Schirmkabine, Drehtisch etc.) anbieten. Der Kunde hat einen einzigen Partner für das ganze Projekt und profitiert vom gebündelten Know-how aus einer Hand - im Bereich der Messtechnik seitens der emv und im Bereich Schirmung durch ETS-Lindgren.

Also gibt es nur Gewinner durch diese Übernahme?

Dr. Wolfgang Winter: Ja, ganz sicher. Sehen sie, das übergeordnete Ziel der Akquisition der emv durch ETS-Lindgren ist die größere Nähe zu den Kunden in Deutschland und Europa. Die Schirmungskomponenten von ETS-Lindgren werden in Europa, konkret in Finnland und UK, gefertigt und sind so auf die Anforderungen des europäischen Marktes abgestimmt. Mit der emv GmbH in Taufkirchen hat ETS-Lindgren nun auch eine starke Plattform für Vertrieb, Service und Projektabwicklung im Herzen Europas und wird von hier aus die Kunden in Zukunft noch besser unterstützen können.