Interview »Eine starke Diversifizierung der Antriebskonzepte ist sicher«

Peter Scholz, imc Test & Measurement: »Keine Anwendung ist höher spezifiziert als die, die wir in der Automobilindustrie sehen. Wer hier mit seinen Produkten und Dienstleitungen besteht, bewährt sich auch in anderen Feldern, die ja immer nur eine Teilmenge der Automotive-Forderungen darstellen.«
Peter Scholz, imc Test & Measurement: »Keine Anwendung ist höher spezifiziert als die, die wir in der Automobilindustrie sehen. Wer hier mit seinen Produkten und Dienstleitungen besteht, bewährt sich auch in anderen Feldern, die ja immer nur eine Teilmenge der Automotive-Forderungen darstellen.«

Elektromobilität hat sich zu einem modernen Boom-Markt entwickelt. Doch bei aller Euphorie für hybride und elektrische Antriebe geraten Weiterentwicklungen konventioneller Antriebskonzepte fast ein wenig außer Acht. Markt&Technik sprach mit Peter Scholz, Geschäftsführer von imc Test & Measurement über die Zukunftschancen, die die Antriebstechnik speziell den Messtechnikherstellern eröffnet.

Markt&Technik: Vor allem in Hinblick auf die internationalen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten wittern derzeit Hersteller nahezu aller Branchen gute Geschäfte im E-Mobility-Markt. Welche Marktchancen sehen sie für die Messtechnikhersteller?

Peter Scholz: Man schätzt, dass im Jahr 2020 etwa zehn bis 15 Prozent der Neuzulassungen Fahrzeuge mit alternativen Antrieben sein werden. Zehn Jahre später soll dieser Wert bei 20 Prozent liegen. Vollelektrische Fahrzeuge werden - zumindest in den Industrieländern - die konventionellen Fahrzeugkonzepte ergänzen, sie aber nicht ersetzen.

Betrachtet man die Zahlen, sieht man, dass das Thema Elektromobilität mittelfristig keine Ersatztechnologie für konventionelle Antriebe ist und die Euphorie in diesem Bereich etwas sehr optimistisch. Dennoch gibt es eine Menge öffentlicher und industrieller Forschungsprojekte, in die große Mengen an Forschungsgeldern fließen. Serienreife Mittelklassefahrzeuge zu erschwinglichen Preisen sind allerdings, speziell aufgrund der Batterietechnologie, noch Zukunftsmusik.

Dennoch sind diese neuen Entwicklungsaufgaben gute Nachrichten für die Messtechnikbranche, weil es zusätzliche Forschungsmittel sind, die dafür bereitgestellt werden. Hochspezifizierte Messtechnik für experimentelles, dynamisches Messen im Fahrversuch oder am Prüfstand wird derzeit stark nachgefragt.

Also birgt auch die Entwicklung traditioneller Antriebe weiterhin eine Menge Potential…

Ja, definitiv. Der Fokus bei der Weiterentwicklung von Fahrzeugen mit konventionellen Verbrennungsmotoren liegt – politisch gewollt - im Sinne der Klimaziele, also in der Verbrauchsreduzierung und der Verringerung des ökologischen Fußabdrucks.

So soll der CO2-Ausstoß einer Herstellerflotte im Jahr 2020 bei nur noch 95 g/km liegen. Das kann man einerseits durch den Einsatz von Hybrid- und vollelektrischen Fahrzeugen erreichen, andererseits wird auch dem konventionellen Antrieb eine weitere Effizienzsteigerung von 20 bis 30 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre vorausgesagt. Im Gesamtkonzert steigen damit die F&E-Aufwendungen überproportional.

Welche Anforderungen ergeben sich daraus für die Messtechnikhersteller und wie können sie davon profitieren?

Eine starke Diversifizierung der Antriebskonzepte ist sicher. Die Messtechnikbranche profitiert aus den daraus folgenden F&E-Anstrengungen, die sich vor allem aus dem erhöhten Entwicklungs-, Applikations- und Erprobungsaufwand ergeben. Gerade wir, die wir überwiegend messtechnische Ausrüstungen und Systemintegration für Prüfstände liefern, profitieren von der Verlagerung anspruchsvoller Entwicklungs- und Erprobungsaufgaben von der Straße hin zum Prüfstand.

Prototypen werden stark reduziert, und HiL-basiertes Testen am Prüfstand ist gefordert, weil Motor, Getriebe und Antriebsstrang als Einheit und unter Simulation realer Einsatzbedingungen getestet werden. Dies wiederum erfordert dynamische Prüfstände, die eine intelligente, sensornahe und leicht applizierbare Messtechnik brauchen.

Welche weiteren Faktoren treiben die Messtechnik in der Automobilbranche?

Neben der Elektromobilität setzen vor allem die Themen Downsizing, Turbolader, Direkteinspritzung, Hybrid, Reduktion des Reib- und Luftwiderstand und der Leichtbau Wachstumsakzente für die Messtechnik. Gerade bei der Entwicklung alternativer Fahrzeugkonzepte, wo es nur wenig Betriebserfahrung gibt, spielt die Messtechnik eine ganz entscheidende Rolle. Getrieben wird das Thema durch eine globale Umweltgesetzgebung mit dem Ziel, den Energieverbrauch zu senken und die Emissionen zu reduzieren.

 Welches Potential sehen Sie speziell für Ihr Unternehmen im Automotive-Markt?

Automotive, oder ganz allgemein die Fahrzeugentwicklung und die mobiler Maschinen, ist von jeher der größte Absatzmarkt für uns und für die experimentelle, physikalische Messtechnik im Allgemeinen. Die Entwicklungsanstrengungen dieser weltweit agierenden und technologisch führenden Industrie geben der Messtechnik starke Impulse. Keine Anwendung ist höher spezifiziert als die, die wir in dieser Industrie sehen. Wer hier mit seinen Produkten und Dienstleitungen besteht, bewährt sich auch in anderen Feldern, die ja immer nur eine Teilmenge der Automotive-Forderungen darstellen.

Wir sind seit Jahren stark in diesem Gebiet und bauen es kontinuierlich über immer neue Anwendungsbereiche aus. Dabei binden wir unsere Endkunden stark in die Produktdefinition ein. So findet beispielsweise im September ein - wie wir es nennen - »Power User Meeting« statt, wo wir unsere kurz- und mittelfristigen Entwicklungsziele vorstellen und zur Diskussion stellen. Diese und andere Aktionen helfen einerseits uns, die technologische Spitze zu halten, und andererseits unseren Kunden, ihre eigenen Ziele mit Hilfe unserer Produkte schneller und sicherer zu erreichen.

Unsere Zukunft wird also ganz wesentlich von der Entwicklung der Fahrzeugindustrie bestimmt. Schaue ich mir deren globale Konkurrenzfähigkeit und den rasanten Entwicklungsfortschritt an, so bin ich sehr optimistisch, was unsere eigene Zukunft angeht.

Das Interview führte Nicole Wörner.