Kommentar Die Übernahme ist das Risiko wert

Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de
Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de

Auf den ersten Blick sieht es seltsam aus: Die kleine ams will die viermal größere Osram übernehmen.

Und sich dabei tief verschulden, fast 6,5 Mrd. Euro sollen es sein. Mit 38,50 Euro pro Aktie liegt das Angebot aber über den 35 Euro der Private Equity-Firmen Bain Capital und der Carlyle Group. Also gibt sogar der Aufsichtsrat von Osram grünes Licht für die Übernahme, einfach weil es finanziell sinnvoll wäre. Allerdings mit Magengrimmen.

Denn Bain und Carlyle wollen Osram erhalten, dagegen will sich ams von Digital Lighting (rund ein Viertel des Umsatzes) trennen. Zudem gitbt es weitere Bedenken: Die hohen Schulden, die ams aufnimmt, stellten eben auch ein hohes Risiko dar. Und überdies: Noch nie hat ams eine Übernahme dieser Größenordnung gestemmt. Die Gewerkschaft IG Metall ist völlig dagegen, zu groß erscheinen ihr die Risiken für den Verlust von Arbeitsplätzen.

Allerdings hat ams ein paar gute Argumente für die Übernahme parat: ams ist überdurchschnittlich mit der Strategie gewachsen, sich komplementäre Techniken über Zukäufe zu verschaffen und damit neue Produkte und Märkte mit hohen Margen zu kreieren. Ließe sich diese Strategie bei der Übernahme von Osram fortführen, so verlören die hohen Schulden einen Teil ihres Schreckens: ams ist überzeugt, dass sich die Schulden über den eigenen starken Cash-Flow schnell reduzieren lassen.

Das wichtigste Argument für die Übernahme dürfte aber darin liegen, dass der Kombination von Lichterzeugung und Sensorik die Zukunft gehört. Denn was in beiden Techniken steckt, können sie nur gemeinsam ausspielen. Die gesamte Wertschöpfungskette bei so diffizilen Produkten unter einem Dach vereinigen zu können – angefangen bei den LEDs, über optische Sensoren und die erforderlichen ICs, bis hin zum Packaging, dem eine stark wachsende Bedeutung zukommt -, wird in Zukunft wettbewerbsentscheidend sein.

Mit der Übernahme käme das neue Unternehmen in eine Größenordnung, mit der es mit den weltweiten Wettbewerbern auf Augenhöhe stünde. Weil kein anderes Unternehmen die Integration von Lichterzeugung und Sensorik auf dieser Ebene bisher realisiert habe, würde sich ams laut CEO Alexander Everke sogar einen zeitlichen Vorsprung sichern. Seine Vision: Den Aufbau eines neuen Technologiechampions in Europa, die Sicherung eines für die Zukunft essentiellen und schnell wachsenden Technologiesektors im Halbleiterbereich für Europa.  Der Preis: Trennung vom Geschäftsgebiet Digital Lighting.

Dieser Weg erscheint gegenüber dem Konzept von Bain und Carlyle, die Osram nicht zu zerschlagen wollen, zunächst als der risikoreichere. Doch würden auch die beiden Investoren einen harten Sanierungkurs verfolgen, der sicherlich nicht schmerzlos verläuft. Schließlich wollen sie Geld verdienen. Würde dies aber eine grundlegend neue Perspektive eröffnen?

Die Kombination von Osram und ams verspricht genau dies, nicht zuletzt weil sie für die Ingenieure die Möglichkeit eröffnet, wirklich Neues zu entwickeln, für das die Anwender auch geneigt sind, einen guten Preis zu bezahlen. Damit hätte ein europäisches Unternehmen die Chance, mit motivierten Mitarbeitern hierzulande eine zukunftsträchtige Technik zu entwickeln und zu einem globalen Marktführer aufzusteigen – mit all den Vorteilen, die das den im Umfeld angesiedelten Zulieferern und Abnehmern bringt. Wenn das Projekt gelingt, wird es zudem zukunftssichere Arbeitsplätze schaffen. Diese Aussichten dürften das Risiko Wert sein.