Editorial Mythos Mondlandung

Ingo Kuss
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Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik

Aus der ersten Mondlandung vor 50 Jahren lassen sich auch heute noch wichtige Lehren ziehen - allerdings nicht immer die, die auf den ersten Blick besonders plausibel klingen.

Am 20. Juli 1969 landete der erste Mensch auf dem Mond. Das ist zwar nun schon 50 Jahre her, doch noch immer ranken sich zahlreiche Mythen um diesen Meilenstein der Menschheitsgeschichte – bis hin zu der Behauptung, das Ganze sei nur eine Inszenierung aus einem Fernsehstudio gewesen. Obwohl die Argumente der erschwörungstheoretiker Punkt für Punkt widerlegt werden konnten, halten sich Zweifel an der Mondlandung bis heute.

Nicht ganz so verbreitet, aber ebenfalls noch virulent ist die Geschichte vom berühmten Space Pen. Und die geht so: Weil normale Kugelschreiber in der Schwerelosigkeit nicht funktionieren, ließ die NASA für eine Million Dollar – damals ein unerhört großes Budget – einen speziellen Stift entwickeln, der dank unter Druck stehender Tinte auch im All benutzbar ist. Und die Russen? Die benutzten einfach Bleistifte. Was diese Geschichte so populär macht, dass sie auch schon in Werbespots Verwendung gefunden hat, ist der exemplarisch herausgestellte Gegensatz zwischen kostspieligem Over-Engineering einerseits und einer clever-pragmatischen Lösung andererseits. Ein Beispiel, wie der gesunde Menschenverstand es den Eierköpfen mal so richtig gezeigt hat, kommt beim Publikum immer gut an – nicht nur in der Raumfahrtbranche.

Die Story hat nur einen Haken: Sie stimmt nicht. Denn in Wirklichkeit sind Bleistifte für den Einsatz im Weltraum nicht geeignet, da sie leicht abbrechen. Abgetrennte Minenstücke könnten in der Schwerelosigkeit Astronauten ins Auge gelangen, eingeatmet werden oder sogar zu elektrischen Kurzschlüssen führen – Graphit ist ein guter Leiter. Die Russen verwendeten daher zunächst Fettstifte und kauften später selbst die technisch überlegenen Space Pens. Auch die unverhältnismäßig hohen Kosten für die NASA sind – zumindest in diesem Punkt – nur Legende: Die Stifte kosteten pro Stück gerade mal ein paar Dollar, die Entwicklungskosten trug allein der Hersteller Fisher.

Die Space-Pen-Legende zeigt anschaulich, wie schwierig es immer wieder ist, den tatsächlich notwendigen Aufwand für eine Aufgabe richtig abzuschätzen. Grundsätzlich sind in technisch komplexen Umgebungen wirklich einfache Lösungen allerdings eher selten. So gilt gerade auch die ausgefeilte elektronische Steuerungstechnik des Apollo-Projekts als der entscheidende Vorteil, mit dem die Amerikaner die in der Raumfahrt zunächst führenden Russen beim Wettlauf zum Mond überholen konnten – den Eierköpfen sei Dank.