Kommentar Gestalten statt bewahren

Ingo Kuss, Chefredakteur, IKuss@weka-fachmedien.de

Ungeachtet seiner langen Historie richtet der ZVEI auch bei der Festveranstaltung zum 100. Geburtstag den Blick vor allem nach vorn. Und zieht trotzdem die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit.

Im Zeitalter von Disruption und digitalem Wandel sind Begriffe wie „Tradition“, „Kontinuität“ oder „Historie“ inzwischen häufig negativ besetzt. Bereits Vorhandenes weiterzuentwickeln reicht nicht mehr, sondern stattdessen soll möglichst etwas völlig Neues entstehen. Erfahrungen aus der Vergangenheit gelten da entsprechend nur noch als hinderlich. Ein 100. Geburtstag gar, wie ihn der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie vor gut einer Woche mit einer Festveranstaltung in Berlin gefeiert hat, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon wie ein Makel: viel zu alt, um noch relevant zu sein!  

Eine solche Sichtweise mag bei Digital Natives populär sein, zutreffend ist sie deshalb nicht. Denn ungeachtet seiner langen Historie richtet der ZVEI selbst bei der Geburtstagsfeier den Blick konsequent nach vorn: »Die Zukunft gestalten, statt die Vergangenheit zu bewahren – sowohl technologisch als auch gesellschaftlich.« So beschreibt ZVEI-Präsident Michael Ziesemer bei seiner Ansprache in Berlin das Selbstverständnis des Verbandes. Und so ist auch die Agenda der Festveranstaltung ausgerichtet. In den Vorträgen u.a. von Siemens-Vorstand Joe Kaeser und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier geht es beispielsweise um den Umbau der Energiesysteme, den neuen Mobilfunkstandard 5G, künstliche Intelligenz – und damit um zentrale Zukunftsthemen. 

Die rund 1600 Mitglieder des ZVEI geben zudem anders als so mancher Börsenliebling mit Disruptions-Appeal nicht nur ein Versprechen auf die Zukunft ab, sondern schreiben bereits in der Gegenwart attraktive Geschäftszahlen. Trotz eines im Vergleich zu 2017 bisher moderateren und unstetigeren Jahresverlaufs befindet sich die deutsche Elektroindustrie laut einem aktuellen ZVEI-Bericht weiter auf Wachstumskurs. Im Zeitraum von Januar bis April 2018 stieg der Umsatz auf 63,3 Milliarden Euro und übertraf damit seinen Vorjahreswert um 5,4 Prozent. Rund 12.000 Patentanmeldungen pro Jahr in Deutschland unterstreichen zudem die Innovationsfreude der ZVEI-Mitglieder. 

Bei der Festveranstaltung ging es aber nicht nur um technischen und wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch um grundsätzliche politische Entwicklungen. Um die Herausforderungen des digitalen Wandels zu meistern, sind für Ziesemer Dialog und Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg: »Die Zukunft liegt in offenen Plattformen. Entgegen der Entwicklung in anderen Teilen der Welt darf weder das Recht des Stärkeren noch der ‚Deal‘ im Mittelpunkt stehen.« Stattdessen müsse wieder eine Diskurskultur etabliert werden, in der ein guter Kompromiss für alle beteiligten Parteien das Ziel sei. Zu aktuellen Entwicklungen in Europa hat Ziesemer schon vor der Geburtstagsfeier deutliche Worte gefunden: »Die Einheit Europas bröckelt. Hier kann die Geschichte uns auf die Sprünge helfen: Zeiten eines übersteigerten Nationalismus waren niemals gute Zeiten für unseren Heimatkontinent und seine Menschen. Für unser Land gilt das nochmals mehr.« 

Für die wirklich relevanten Erkenntnisse ist ein gewisses Alter manchmal eben doch sehr hilfreich.