Near Field Communication Chipkartenbranche will NFC mit E-Tickets forcieren

Bargeldloses Bezahlen von Kleinstbeträgen mittels NFC-fähiger Smartphones hat sich bislang nicht als »Killerapplikation« erwiesen. Für den Durchbruch zum Massenmarkt setzt die Chipkartenbranche nun auf ein zweites Standbein, ein weltweit einheitliches System für elektronische Fahrkarten.

Für die Chipkartenspezialisten, die sich vom 6. bis 8. November auf der Cartes 2012 in Paris getroffen haben, steht aber außer Frage, dass sich die Near Field Communication mittelfristig als Massenmarkt etablieren wird.

So war denn auch auf der weltweit wichtigsten Messe für Chipkarten an nahezu jedem Stand NFC ein Thema: »NFC ist da«, sagt Jörg Suchy, Senior Manager Strategic Business Development EMEA für Chipkarten und NFC bei Samsung Semiconductor Europe. Aber NFC nur mit Mobile Payment als alleiniger »Killerapplikation« werde den Markt »nicht stimulieren«. Bisher jedenfalls habe sich der Markt »nicht so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt haben«. Die Infrastruktur für den Durchbruch zum Massenmarkt werde »erst kommen, wenn für NFC mehr als eine Anwendung verfügbar ist«. Ausgesucht hat man sich dafür das Transportwesen.

Das größte Hindernis für eine weltweite Implementierung sei hier gewesen, dass es keine offenen Standards gegeben habe. Doch mit CIPURSE verfüge man nun über einen offenen Standard für die sichere Abwicklung von Zugangskontrollen und elektronischen Fahrkartensystemen in der Transportbranche.

Der Standard wurde durch die OSPT-Alliance definiert, die auch von Giesecke&Devrient, Infineon, Inside Secure und Oberthur Technologies unterstützt wird. CIPURSE stoße auf »sehr starke Akzeptanz« seitens der Transportbranche - etwa in den bevölkerungsreichen Ländern Indien und Brasilien. Wichtig sei überdies, dass der definierte CIPURSE-Standard »langjährig« reiche und dank AES128-Verschlüsselung hinreichend sicher sei. Im Transportwesen werde es schon in den »nächsten Monaten einige große Implementierungen« geben.

Marcus Venmann, Leiter Marketing der Chipkarten-Division von Infineon Technologies, sieht in puncto Mobile Payment im Vergleich mit der Situation vor 1 Jahr »ein paar mehr Anwendungen, aber die Infrastruktur etwa beim Einzelhandel muss noch kommen«. Zudem mangele es gerade beim heiklen Thema »Bezahlen« noch an der Akzeptanz beim Handel und manchem Anwender. Doch hier sorge vielleicht das Girogo-Projekt der Banken und Sparkassen (kontaktloses Bezahlen bis 20 Euro, allerdings nicht via NFC) im Großraum Hannover, Braunschweig und Wolfsburg (das letztlich auf ganz Deutschland ausgeweitet werden soll) für »erste positive Erfahrungen« mit der kontaktlosen Technologie. Die erforderlichen Bausteine für das NFC-Ökosystem sind vorhanden, wobei Infineon dreigleisig fährt: mit sicherheitszertifizierten SIM-Karten, der Komponente embedded Secure Element und einer nachrüstbaren µSD-Karte. Das für NFC-Funktionalität benötigte NFC-Modem stellt Infineon selbst nicht her. Dass der Kunde somit nicht alle NFC-Bausteine aus einer Hand bekommen kann, hält Venmann für »keinen Nachteil, vielmehr hat der Kunde mehr Flexibilität bei der Auswahl eines integrierten oder diskreten Modems verschiedener Hersteller«.

Um die Kommunikation zwischen einem embedded Secure Element und einem NFC-Modem noch schneller zu machen, hat Infineon die DCLB-Schnittstelle (Digital Contactless Bridge) als offene Lösung spezifiziert, die von anderen Halbleiterherstellern kostenlos lizenziert werden kann. Die Datenrate zwischen Modem und Secure Element erhöht sich auf 848 KBit/s und liegt um bis zu achtmal höher im Vergleich mit anderen Schnittstellen. Für ein besonders hohes Maß an Sicherheit basiert das embedded Secure Element auf der »Integrity Guard«-Sicherheitstechnologie: Durch diese ist gewährleistet, dass die sensiblen Daten immer verschlüsselt gespeichert und verarbeitet werden, zwei integrierte CPUs überwachen sich dabei gegenseitig. Überdies ist der Sicherheitscontroller extrem sicher, wurde er doch vom BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) als weltweit erstes embedded Secure Element mit dem höchsten Sicherheitszertifikat ausgezeichnet, dem Common Critera EAL 6+ (high). Analog Samsung setzt auch der Münchner Halbleiterspezialist auf eine schnellere Verbreitung von kontaktlosen Anwendungen im Transport-Segment: Der SOLID-FLASH-basierende Sicherheitscontroller SLS 32TLC mit AES128-Verschlüsselung unterstützt sowohl konventionelle Systeme im öffentlichen Verkehrswesen als auch den offenen CIPURSE-Standard. Für den SLS 32TLC wurde Infineon in der Kategorie »Transport« auf der Cartes 2012 soeben mit dem Sesames Award 2012 ausgezeichnet.

Auf Anwenderseite ist das Smartphone mit integrierter NFC-Funktionalität die treibende Kraft für NFC. Wieviele es 2012 sein werden, darüber herrscht Uneinigkeit unter den Marktforschern: IMS-Research-Analyst Alex Green führt 79 Mio. NFC-fähige Mobiltelefone auf, für 2016 wird ein Anstieg auf 900 Mio. Units prognostiziert. Der Absatz von NFC-Secure-Elements werde im selben Zeitraum von 120 Mio. auf 1,3 Mrd. Stück steigen.

Eurosmart nennt für 2012 knapp 100 Mio. Secure Elements, deren Zahl sich 2013 verdoppeln werde. Semico geht für 2012 von nur 50 Mio. NFC-fähigen Handys aus, erwartet aber bis 2016 eine Steigerung auf 2 Mrd. Einheiten. Für sämtliche NFC-Bauelemente nennt Semico gar 14 Mrd. Units. Damit sich NFC-Anwendungen schnell am Markt durchsetzen, »müssen sich Verbraucher auf den sicheren Umgang mit ihren Daten verlassen können«, sagt Green. Als wichtige Anwendungen führt er analog Suchy neben dem Mobile Payment das Bezahlen von elektronischen Tickets im Verkehrswesen an.

Für Enduser ohne NFC-fähiges Smartphone gibt es eine preiswerte Upgrade-Möglichkeit via NFC-Sticker, wie sie etwa Schreiner und Identive offerieren. Dabei kann das vorhandene Handy als bloßer Träger des NFC-Stickers dienen, die Handyfunktionalität wird dafür nicht benötigt. Ob Apple NFC zusätzlich Auftrieb geben kann, wenn in der nächsten iPhone-Generation NFC integriert sein wird, ist Spekulation, auch wenn etwa Dr. Salim Güler, Vice President des Wormser Sicherheitsspezialisten Kobil, sagt: »Alle warten auf Apple.«