Kommentar Zuwanderung ja, aber bitte ohne Lohndumping!

Gerhard Stelzer, Chefredakteur Elektronik: "Wie will denn die Wirtschaft die eigene Jugend motivieren, sich für ein Medizin- oder Ingenieurstudium zu interessieren, wenn die Einstiegsgehälter auf einem Niveau eingefroren werden, das zwar in Schwellenländern als üppig gilt, aber bei deutschen Lebenshaltungskosten eher mager erscheint?"
Gerhard Stelzer, Chefredakteur Elektronik: "Wie will denn die Wirtschaft die eigene Jugend motivieren, sich für ein Medizin- oder Ingenieurstudium zu interessieren, wenn die Einstiegsgehälter auf einem Niveau eingefroren werden, das zwar in Schwellenländern als üppig gilt, aber bei deutschen Lebenshaltungskosten eher mager erscheint?"

Soll mit der gegenwärtigen Blue-Card-Regelung etwa gar nicht der Fachkräftemangel bekämpft werden soll, sondern das Gehaltsniveau? Ein Kommentar von Elektronik-Chefredakteur Gerhard Stelzer.

Seit Anfang August gibt es jetzt also die „Blue Card“ – und die deutsche Wirtschaft verspricht sich davon eine Linderung des vielfach beklagten Fachkräftemangels.

Hochschulabsolventen aus Nicht-EU-Staaten können nun eine Arbeitserlaubnis bekommen, sofern sie einen Arbeitsvertrag vorlegen, der ein Jahresgehalt von mehr  als 44.800 Euro vorsieht. In Berufen,  in denen bereits jetzt Fachkräftemangel herrschen soll, beispielsweise bei  Ärzten und Ingenieuren, beträgt diese Gehaltsschwelle sogar nur knapp 35.000 Euro.

Bei entsprechenden Deutsch-Kenntnissen erhalten Inhaber der Blauen Karte bereits nach 21 Beschäftigungsmonaten eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis in Deutschland. Außerdem wurde für gut ausgebildete Akademiker aus dem Ausland ein sechsmonatiges Aufenthaltsrecht zur Arbeitssuche geschaffen.

Das Prinzip der „Blue Card“ mit qualifizierter Zuwanderung ist ein richtiger Schritt. Zu lange hat man in Deutschland bei der massenhaften Zuwanderung in die Sozialsysteme zugesehen, während andere Volkswirtschaften wie Kanada, die USA, Australien oder die Schweiz das Wohl der eigenen Ökonomie im Auge hatten. Wenn wir in Deutschland unseren Lebensstandard bewahren wollen, brauchen wir keine Transferempfänger, sondern sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse sowie ein gedeihliches Klima für Selbstständige und Unternehmensgründungen.

Allerdings ist bei der Gehaltsschwelle für Zuwanderer besondere Sorgfalt geboten. Als Grundsatz muss gelten, dass über die Zuwanderung kein Lohn-Dumping in Deutschland einziehen darf. Die Marke von 44.800 Euro spiegelt diese Maxime noch wider, allerdings die reduzierte Variante, die heute bereits  für Ärzte und Ingenieure gilt, grenzt an Lohn-Dumping.

Wie will denn die Wirtschaft die eigene Jugend motivieren, sich für ein Medizin- oder Ingenieurstudium zu interessieren, wenn die Einstiegsgehälter auf einem Niveau eingefroren werden, das zwar in Schwellenländern als üppig gilt, aber bei deutschen Lebenshaltungskosten eher mager erscheint? Außerdem verstehe ich die Logik nicht. Wenn wir bei Ingenieuren Mangel haben, dann sollen wir aus Nicht-EU-Staaten leichter Fachkräfte bekommen, wenn wir sie billiger einkaufen? Besagen nicht alle ökonomischen Regeln, dass sich knappe Güter verteuern?

Ein weiterer Aspekt ist, dass Deutschland leichtfertig hierzulande ausgebildetes, hochqualifiziertes Personal ziehen lässt, das aufgrund höherer Löhne nach Schweden, Norwegen und in die Schweiz emigriert, wie es bei Ärzten oft der Fall ist. Unsere Volkswirtschaft stemmt deren Ausbildung, es profitieren aber andere, die selbst offenbar ungenügend ausbilden.

Ich habe den starken Verdacht, dass mit der gegenwärtigen Blue-Card-Regelung nicht der Fachkräftemangel bekämpft werden soll, sondern das Gehaltsniveau. Qualifizierte Zuwanderung ist richtig, Lohn-Dumping nicht