Arbeitsmarkt »Wir hängen längst von ausländischen Elektroingenieuren ab«

Dr. Michael Schanz ist Vorstandsreferent und Sprecher für Ingenieurstudium und Ingenieurberuf beim VDE.

Vor ein paar Tagen hat der VDE die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, der zufolge in den nächsten 10 Jahren 100.000 Elektroingenieure zusätzlich benötigt werden. Nach Jahren der Entwarnung in Sachen Ingenieurmangel nun eine Kehrtwende? Wir fragten bei VDE-Experte Dr. Michael Schanz nach.

Herr Dr. Schanz, die letzten Jahre über hieß es seitens des Instituts der Deutschen Wirtschaft und dem VDI, der Bedarf an Ingenieuren könne gedeckt werden, von Ingenieurmangel können man nicht mehr sprechen. Und nun dieser drastische Bedarf  von 100.000 Elektroingenieuren zusätzlich in den nächsten 10 Jahren. Wie kommt der zustande?

Wir sprechen ja in der Studie bewusst nicht von einer bestehenden Lücke zwischen Bedarf und Angebot. Diese Lücke wird ja, so scheint es, seit einigen Jahren von Ingenieuren aus dem Ausland (z.B. Südeuropa oder Nachbarländer) gefüllt; wir sprechen hier von einem „realisierten Bedarf“. Wir sprechen auch nicht von „fehlen“, der Bedarf kann ja gedeckt werden, aber eben nur mit Hilfe von ausländischen Fachkräften. Im Jahr 2013 betrug der Anteil der ausländischen Elektroingenieure 10,8 % von insgesamt 381.200 erwerbstätigen Elektroingenieuren in Deutschland.

Wir gehen in der neuen Studie von steigenden Anforderungen aus, die durch Elektrifizierung und Digitalisierung entstehen und entstehen werden. Die Zahl kommt durch Extrapolation des Trends zwischen 2005-2013 auf die kommenden 10 Jahre zu Stande. Aus eigener Kraft sind wir momentan nicht in der Lage, den Bedarf zu decken, wir sind also weiterhin auf E-Ingenieure aus dem Ausland angewiesen. Das wird auch in Zukunft erst mal so sein. Die Abhängigkeit vom Ausland und der Wettbewerb um Köpfe mit ausländischen Hochschulen und Standorten darf aber kein Dauerzustand werden. Denn wir benötigen in Zukunft eher mehr Spezialisten als jetzt und dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen. Je mehr wir davon selbst ausbilden können, desto besser.

Marktforscher rechnen bis 2025 mit 100.000 neuen Arbeitsplätzen im Bereich der autonomen Fahrtechnologie. Allein diese Zahlen dürfte eine gehörige Portion Absolventen absaugen, zumal die Automobilbranche zu den bevorzugten Arbeitgebern gehört.  In welchen Bereichen sehen Sie einen vergleichbaren Bedarf?

Fast 90 % der Mitgliedsunternehmen im VDE sind aktuell der Ansicht, dass durch technologische Neuerungen wie Digitalisierung, Smart Grid und Industrie 4.0 der Bedarf an Ingenieuren der Elektro- und Informationstechnik weiter steigen wird.

Fakt – und für mich erschreckend - ist dabei nur, dass wir dabei schon längst auf das Ausland angewiesen sind und in Zukunft voraussichtlich noch mehr sein werden. Dabei kommen die ausländischen E-Ingenieure aber vorwiegend nicht über eigene Bewerbungen ins Land,  sondern gelangen vielmehr durch Übernahmen oder Betrieb von Außenstellen im Ausland auf den deutschen Arbeitsmarkt.

Helfen neue Berufsbilder wie der „Self-Driving Car Engineer“, wie ihn etwa der Online-Weiterbildungsanbieter Udacity seit kurzem anbietet? Finanziert wird das Programm von so unterschiedlichen Partnern wie Mercedes Benz,  Nvidia, Otto und Didi Chuxing, der chinesische Partner von Uber.

Als Weiterbildungsveranstaltung für Ingenieure kann es Sinn machen. Ob wir wirklich neue Berufsbilder sehen werden – da bin ich mal gespannt. Ich denke, dass der Großteil der E-Ingenieure, der im Bereich selbstfahrende Fahrzeuge arbeiten wird, weiterhin über das Studium Elektrotechnik- und Informationstechnik kommt. Ein Studium à la „Selbstfahr-Fahrzeugingenieur“ würde eher Generalisten ausbilden. In der hochspezialisierten Entwicklung  ist schon der ganze Elektroingenieur gefordert, da die Komponenten eines selbstfahrenden Fahrzeugs – insbesondere elektrisch betrieben – nahezu alles bereit halten, was die Elektrotechnik und Informationstechnik zu bieten haben. Hier ist es ist nicht damit getan, dass man von allen nur ein wenig versteht. 

Wie wirkt sich der prognostizierte Bedarf auf die Gehaltsentwicklung aus? Bislang scheinen die ausländischen Arbeitnehmer, die die Lücke füllen, die Gehaltsentwicklung eher zu dämpfen?

Tatsache ist zumindest, dass wir keine „explodierenden Gehälter“ bei Elektroingenieuren sehen. Die Gehälter von E-Ingenieuren steigen zwar überproportional im Vergleich zu anderen Berufen, explodieren aber nicht. Da die „Lücke“ eben durch ausländische E-Ingenieure geschlossen oder teilweise geschlossen ist.

Sie sprechen seit Jahren von Vollbeschäftigung unter Elektroingenieuren, zuletzt auch wieder in der Studie. Wie viele Arbeitslose haben wir denn in diesem Bereich?

Da die Bundesagentur für Arbeit in ihrer neuen Nomenklatur keine E-Ingenieure (auch generell keine Ingenieure) vorsieht, kann man Arbeitslosenzahlen nicht so einfach angeben. Grob geschätzt würde ich die Zahl arbeitsloser E-Ingenieure derzeit mit 3.300 beziffern. Demgegenüber steht die  Zahl von 381.000 beschäftigten E-Ingenieuren. Die meisten arbeiten in echten oder typischen Ingenieurberufen. Bei E-Ingenieuren herrscht also mehr als Vollbeschäftigung.

Die Zahl der älteren, arbeitslosen Elektroingenieure ist in den vergangenen fünfzehn  Jahren massiv gesunken.  Aus welchen maßgeblichen Gründen?

Der Arbeitsmarkt ist gegenüber der älteren Generation deutlich besser bzw. fairer geworden. Die Beschäftigungsquote 59-61jährigen hat sich in diesem Zeitraum erheblich von 60% auf 80% verbessert.  Die der 53-58jährigen E-Ingenieure hat sich um rund 10%-Punkte verbessert.  

Trotzdem gibt es Fälle, in denen ältere E-Ingenieure keinen Job mehr finden.

Dies kann daran liegen, dass sie sich im Laufe des Berufslebens nur mit einer bestimmten Technik beschäftigt haben, welche irgendwann abgelöst wurde. Unternehmen und E-Ingenieure sollten also darauf achten, im Laufe der Karriere vielfältige  Aufgaben wahrzunehmen und sich rechtzeitig um das Thema Weiterbildung zu kümmern.

Mittlerweile sprechen Unternehmen und Verbände gar von einem „Double-Gap“:  sowohl Elektroingenieure als auch Elektrofachkräfte fehlen. Wie steht es in diesem Zusammenhang um die Beschäftigungsprognosen für Flüchtlinge?

Über die Bildungsspektren von Geflüchteten hat das BAMF, soviel ich weiß, einige Studien gemacht. Wie viele von den zu uns gekommenen Akademikern wiederum E-Ingenieure sind, kann ich nicht sagen und ich glaube auch nicht, dass es Zahlen dazu gibt. Selbst wenn einige E-Ingenieure darunter wären, ist immer noch nicht klar, was auf welchem Niveau diese eigentlich gelernt haben. Ich kenne darüber hinaus punktuelle  Erfahrungen z.B. in der Vorbereitung von handverlesenen jungen Geflüchteten für eine Ausbildung zur Fachkraft in der Elektroindustrie, die recht ernüchtern sind. Da schickte der ein oder andere nach ein paar Tagen seinen Bruder. Werktags rund acht Stunden zu arbeiten, scheint einigen Kandidaten fremd.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck