Karrieren »Wir denken zu starr in Disziplinen und normierten Ausbildungen«

Tobias Leisgang war bislang bei einem amerikanischen Halbleiterhersteller als Systems Engineering Manager für die Definition von Connected Microcontrollers verantwortlich.
Tobias Leisgang war bislang bei einem amerikanischen Halbleiterhersteller als Systems Engineering Manager für die Definition von Connected Microcontrollers verantwortlich.

Der Elektroingenieur Tobias Leisgang hat soeben als Leiter Innovationsmanagement bei einem großen Automobilzulieferer begonnen - und hat damit seinen Traumberuf gefunden. Sein Beispiel zeigt, wie man die Karriere sinnvoll vorantreiben und im richtigen Moment zugreifen kann.

Markt&Technik: Herr Leisgang, Sie waren zuvor bei einem amerikanischen Halbleiterhersteller als Systems Engineering Manager für die Definition von Connected Microcontrollers verantwortlich. Wie wird man zum Leiter Innovationsmanagement?
Tobias Leisgang: Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe irgendwann einen Business-Model-Canvas für mich persönlich erstellt. Was sind meine Qualitäten? Welche Aktivitäten mache ich gerne? Wer kann das brauchen? Wer hilft mir dabei? Das wurde zu meinem Karriereleitfaden. Damit gehe ich mit offenen Augen durch das Unternehmen und durch die Welt und suche „Kunden“. Zum Beispiel schreibe ich deshalb meinen persönlichen Blog, weil ich gemerkt habe, dass auch Menschen außerhalb des Unternehmens meine Gedanken wertvoll finden. Ich bin dann über eine Stellenausschreibung gestolpert, die mein Angebot in viel höherem Umfang nachfragte als mein aktuelles Unternehmen. Die Nähe zu meinem aktuellen Wohnort war dann ein zusätzliches Plus für meine Wechselentscheidung.

Wie schwer – oder leicht – war der Stellenwechsel angesichts der großen Nachfrage nach Ingenieuren?
Ich behaupte mal, dass ich gar nicht aktiv gesucht habe. Es ist eher so, dass ich schon seit vielen Jahren mit offenen Augen den Stellenmarkt verfolge. Selbst wenn man absolut keine Wechselambitionen hat, kann man dabei sehr viel lernen. Welche neuen Skills werden auf dem Arbeitsmarkt gefragt? Gibt es gar völlig neue Jobprofile? Welche Unternehmen wachsen gerade und was treibt sie an? Gibt es neue Standorte? Wie organisieren sich Unternehmen?

Aber die Headhunter werden doch Schlange gestanden haben. War da nie etwas dabei?
Früher hatte ich sogar einmal bis mehrmals pro Woche Headhunter-Anrufe. Seit ich die Tagline meines LinkedIn-Profils geändert habe, ist das viel weniger geworden. Wahrscheinlich können Headhunter damit weniger anfangen. Ich habe auch den Eindruck, dass Unternehmen mittlerweile verstärkt auf andere Recruiting-Kanäle setzen.

Hm, ich habe eher den Eindruck, dass an Personalberatern derzeit kein Weg vorbei führt, so groß ist der Einstellungsdruck. Oder haben Sie Zweifel am Fachkräftemangel?
Ja und Nein. Ja, weil es für bestimmte Themen nur eine begrenzte Anzahl an Experten gibt. Die Nachfrage nach diesen Themen ist aber riesig. Als Beispiel fällt mir Security im Bereich Internet der Dinge ein. Und nein, weil ich denke, dass wir global gesehen einen riesigen Talentpool haben. Es gibt viele fähige Ingenieure in der Europäischen Union und auch asiatischen Ländern wie z.B. Indien und China. Außerdem denke ich, dass wir zu starr in Disziplinen und normierten Ausbildungen denken. Brauche ich wirklich einen lupenreinen Elektroingenieur? Oder kann ein Informatiker mit Mitteln aus der Makerszene die Hardware genauso erstellen?
Unternehmen sollen also flexibler werden und ihre Stellenprofile überprüfen, ob die Anforderungen wirklich so streng sein müssen.

Haben Sie weitere Ratschläge an Recruiter?
Erstens global denken. Das bedeutet nicht zwangsläufig Relocation. Die Technologie für weltweites Zusammenwirken haben wir schon. Es fehlt vielfach einfach nur an den Soft Skills. Die lernen wir in unserer Ausbildung üblicherweise nicht. Zweitens weg vom starren Disziplinen-Denken. Wenn heute 15-Jährige Roboter in Fablabs und Makerspaces bauen, dann reicht es vielleicht, Menschen nach Mindset einzustellen und sie die technischen Skills lernen zu lassen. Natürlich brauche ich auch Könner und Experten. Aber die fungieren vielleicht eher als Mentoren denn als reine Umsetzer.