Selbsteinschätzung versus Fremdbild Wie wirke ich auf Kunden, Mitarbeiter und Vorgesetzte?

Sie halten sich im Gespräch mit dem Chef für souverän und erfahren? Schlichten Auseinandersetzungen mit natürlicher Autorität? Sind privat charmant und witzig? Wie oft man mit solch einer Selbsteinschätzung daneben liegt, erklärt Burkhard Behr, Leiter des Unternehmens 4A Academy.

Herr Behr, im Gespräch mit dem Chef punkte ich mit Kompetenz und Erfahrung, in der Auseinandersetzung mit einem Mitarbeiter schlichte ich Konflikte durch natürliche Autorität, ich empfinde mich privat als charmant und witzig – wie oft liege ich mit meiner Selbsteinschätzung daneben?

Öfter, als Sie denken. Das Bild, das Menschen von sich selbst haben, ist meist wenig objektiv. Es ist beeinflusst einerseits von unseren Wünschen, wie wir sein möchten und andererseits von den in unserem Leben gesammelten Erfahrungen, wie wir zu sein hätten. In der Bearbeitung der Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild liegen gute Chancen.

Muss man erst anecken, um den Wert einer realistischen Selbsteinschätzung zu erkennen?  

Ja, ich denke ohne „Anecken“ bleibt es für mich selber in der Schwebe. Dabei verstehe ich „anecken“ nicht als negatives Provozieren oder Auffallen um jeden Preis. Die ständigen Quertreiber sind weder für Kollegen noch Vorgesetzte noch für die gesamte Firma von Nutzen. Aber wenn ich die innere Bereitschaft habe, meine Veränderung einzuleiten, führt das zur Selbstreflexion und dass ich erkenne, wie ich auf andere wirke. Wenn ich meinen Kollegen oder Vorgesetzten frage und das wirklich wissen will, wie er oder sie mich sieht, ist das unbequem und kann leicht als anecken verstanden werden. Aber nur so lerne ich genau hinzuschauen und die Facetten der eigenen Persönlichkeit kennen. Noch unbequemer bin ich, wenn ich ungefragt einem anderen mitteile, welche Wirkung von ihm ich bei mir erzeuge.

Was kann ich tun, damit ich beim Gegenüber so wahrgenommen werde, wie ich es beabsichtige?

Kennen Sie das auch: Sie betreten ein Geschäft oder Restaurant: viele Augen richten sich plötzlich auf einen. Der eine wird unsicher dadurch, die andere benutzt es als Bühne zur Selbstdarstellung. Wir alle machen uns, wenn wir es mit anderen Menschen zu tun haben, spontan ein Bild ob wir sie mögen, ob wir sie riechen können. Einen neuen Kollegen, eine neue Kollegin habe ich im ersten Moment der Begegnung bereits in sympathisch oder unsympathisch eingeordnet. Das geschieht unbewusst. Später erst geht es uns darum, welche Bedeutung sie für uns haben. Es wird uns bewusster und da entsteht sehr schnell Konkurrenz und Rivalität. Das kann den Betriebsablauf erheblich stören. Als Kunde spüre ich das und suche mir ein anderes Geschäft, einen anderen Lieferanten. Das Thema »Selbstbild/Fremdbild« zieht sich deshalb wie ein roter Faden durch unser Weiterbildungsangebot. Im Einzel-Coaching, aber auch in der Gruppe werden Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der anderen immer wieder geübt und reflektiert.

Können Sie ein paar Beispiele aus Coaching-Situationen nennen?
Im Coaching oder im Seminar bleibe ich sehr scharf im Hier und Jetzt: Was erlebe ich im Moment mit dir? Was genau habe ich gesagt, was genau hat der andere geantwortet. Schnell stellt sich heraus, dass mein Gegenüber etwas anderes hört als ich sage. In einem Seminar hatte ich neulich genau diese Situation: Eine Teilnehmerin sagte mir, ich hätte eine abwertende Äußerung ihr gegenüber gemacht. Bei der Reflexion kam heraus: niemand sonst hatte diese Bemerkung gehört. Sie war sehr betroffen, als sie das merkte. Es stellte sich heraus, dass sie inhaltlich etwas anderes von mir hörte, aber bei ihr blitzschnell ein Schalter umschlug: Sie fühlte sich bewertet. Die Anbindung dazu lag in ihrer Biografie.

Ist es denn notwendig, dafür meine Persönlichkeit zu verändern? Das dürfte nicht immer einfach sein.
Ja, es ist notwendig – aber nur aus einem Grund: weil ich das selber will. Viele möchten sich gern dem eigenen Idealbild annähern. Das kann ich nur, wenn ich die fremde Sicht auf mich selbst einbeziehe. Wer sich nicht verändern möchte, für den ist unsere Weiterbildung kein geeigneter Ort. Es ist nicht einfach und es ist vor allem harte Arbeit. Das Selbstbild ist weder angeboren noch unveränderbar. Persönlichkeitsbildung ist ein kontinuierlicher Prozess, der nie abgeschlossen ist.

Sie arbeiten mit dem Modell des Johari-Fensters, benannt nach den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham. Können Sie das kurz erklären?

Die beiden gliedern das Fenster in vier Teile: Bereich 1 ist mir selbst und meiner Umgebung bekannt. Hier zeigen sich meine öffentlichen Anteile im Bereich des sichtbaren Handelns, der Tatsachen und Sachverhalte. Selbst- und Fremdeinschätzung stimmen hier überein. Im Bereich 2 des «Blinden Flecks» befinden sich Anteile, die mir selbst nicht bewusst sind, wohl aber meiner Umgebung. Dazu gehören unbewusste Gewohnheiten, aber auch Vorurteile, Vorlieben und Abneigungen. Je kleiner der »Blinde Fleck« ist, desto reibungsloser verläuft die Kommunikation. Ein regelmäßiges Feedback kann den »Blinden Fleck« verkleinern. Im Bereich 3 verberge ich sehr bewusst Dinge vor den anderen. Es ist der Bereich der privaten Person. Hier sind intime Wünsche und Ängste, Einstellungen und Gefühle zu verorten. Dieser Bereich dient dem Schutz des eigenen Ichs. Je größer das Vertrauen zu anderen ist, desto kleiner ist dieser Bereich. Der Bereich 4 ist verborgenen Talenten und ungenutzten Begabungen vorbehalten und wird häufig unterschätzt. Unsere Möglichkeiten sind größer, als wir meinen! Der Bereich 4 ist zunächst weder mir selbst, noch meinem Umfeld bekannt. Je mehr ich aber gefordert und gefördert wird, desto bewusster wird mir mein Potenzial.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck