Führung Wie Mitarbeiter zu Opportunisten werden

Führungskräfte sollten einen wertschätzenden Umgang mit ihren Mitarbeitern pflegen. So die moderne Führungslehre. In der Praxis wird Druck oft nach unten abgelassen. Wie rauhes Klima Mitarbeiter zu eiskalt kalkulierenden Opportunisten macht, beschreibt Managementberater Dr. Albrecht Müllerschön.

Wenn der Umgangston rauer wird, wirkt sich das negativ auf die Motivation der Mitarbeiter sowie auf deren Leistung aus – zumindest mittel- und langfristig. Das lernt man in jedem besseren Führungsseminar. Und doch erleben Mitarbeiter wertschätzenden, von wechselseitigem Respekt geprägten Umgang im Arbeitsalltag oft nicht. Schlimmer noch: Häufig werden sogar die einfachsten Benimm-Regeln vergessen, berichtet Managementberater Dr. Albrecht Müllerschön.

Da geht zum Beispiel ein altgedienter Mitarbeiter in den Ruhestand, ohne dass zuvor mal ein Vorgesetzter vorbei schaute, ihm die Hand schüttelte und ein Wort des Dankes sagte. Da wird eine hochqualifizierte und -engagierte Fachkraft, die in einem Meeting sachliche Bedenken gegen die Planungen ihres Vorgesetzten äußert, von diesem vor versammelter Mannschaft angeraunzt: ‘Wollen oder können Sie nicht? In beiden Fällen sind Sie hier fehl am Platz.’ Da erhält eine Controllerin von ihrem Chef, der zwei Zimmer weiter sitzt, zehn Minuten vor Feierabend per Mail die Anweisung, sie müsse bis nächsten Morgen eine Präsentation vorbereiten, obwohl dieser weiß: Sie muss ihr Kind pünktlich vom Hort abholen.

Jeder ist, überspitzt formuliert, mit dem eigenen Überleben beschäftigt.

Als Trainer, so berichtet der Berater, höre man in Seminaren von den Teilnehmern oft: ‘Das Klima in unserem Betrieb hat sich verschlechtert. Der Umgangston wird immer rauer.’ Das fängt bei den mittleren Führungskräften schon an. Müllerschön: “Sie sind um ihre ‘Sandwich-Position’ als Mittler zwischen den ‘Chefs’ ganz oben und den ‘Werkern’ unten nicht zu beneiden. Denn sie bekommen die operative Hektik, die in den Chefetagen vieler Unternehmen herrscht, meist unmittelbar zu spüren. Und weil sie selbst unter einem enormen Druck stehen, geben sie diesen nicht selten ungefiltert an ihre Untergebenen weiter.”

Schon lange gebe es in den meisten (Groß-) Unternehmen kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr, wie es früher als Siemens- oder Bosch-Familie bezeichnet worden war. “Und in welchen Betrieben nennen sich die Mitarbeiter noch stolz zum Beispiel ‘Opelaner’? Nur in ganz wenigen Unternehmen ist dies noch der Fall! In viel mehr Unternehmen regiert heute – obwohl eine bereichs- und funktionsübergreifende Team- und Projektarbeit propagiert wird – das Einzelkämpfertum. Jeder ist, überspitzt formuliert, mit dem eigenen Überleben beschäftigt.”

Müllerschön findet das überraschend, zum Teil. Denn die deutsche Wirtschaft  boome, die Zahlen fast aller Unternehmen stimmten. Deshalb könnten die Verantwortlichen an der Spitze die Herausforderungen, vor denen ihre Unternehmen im digitalen Zeitalter ohne Zweifel stehen, eigentlich ganz relaxt und systematisch angehen.

Aber nein, “das tun sie aber nicht. Stattdessen wird der Druck auf den ‘Kessel’, teils getrieben durch die immer unersättlicher werdenden Finanzmärkte, weiter erhöht, mit der Konsequenz, dass das Betriebsklima stets rauer wird.”, erklärt Müllerschön.

Zugleich werde jedoch betont, man wolle intrinsisch motivierte Mitarbeiter, die sich eigeninitiativ und -verantwortlich für das Erreichen der Ziele des Unternehmens engagieren. Müllerschön: “Doch woher sollen diese kommen, wenn die Mitarbeiter sich zugleich nur noch als Human-Kapital fühlen, das je nach Bedarf auf- und abgebaut wird? Wenn Mitarbeiter diesen Widerspruch spüren, dann gehen sie zu Recht emotional auf Distanz zum Unternehmen, und ihre Handlungsmaxime lautet wie bei den Kapitalgebern: Wie ziehe ich aus der Beziehung den größten Profit?”

Mitarbeiter müssen Wertschätzung spüren

Müllerschön: “Wird in den offiziellen Verlautbarungen der Unternehmen immer wieder von einem partnerschaftlichen, von wechselseitigem Respekt geprägten Umgang miteinander gesprochen, dann müssen die Mitarbeiter dies im Betriebsalltag spüren. Dann ist es schlicht ein No-go, dass ein altgedienter Mitarbeiter ohne ein Wort des Dankes in den Ruhestand entlassen wird. Denn dann denken alle verbleibenden Mitarbeiter: „Dieses Schicksal droht mir auch einmal.“

Dann ist ebenso ein No-go, dass eine Führungskraft eine Fachkraft, die sachlich begründete Einwände artikuliert, vor versammelter Mannschaft maßregelt. Denn dann denken alle Anwesenden: „Ich halte künftig besser meinen Mund." Und dann ist es auch ein No-go, dass eine Führungskraft, wenn sie von einem Mitarbeiter Mehrarbeit erwartet, ihm dies nicht persönlich mitteilt. Denn sonst denken alle Mitarbeiter, die davon erfahren: „Meine bzw. unsere persönlichen Interessen, Ziele und Verpflichtungen interessieren hier niemand. Warum soll ich mich dann für das Unternehmen – mehr als es mir nützt – engagieren?“

Entsprechend reagieren die Mitarbeiter, wenn ihre Führungskraft, weil sie etwas möchte, plötzlich an das ‘Wir’ appelliert. Müllerschön kennt das: „Wir sollten ..., Wir wollen..., Wir müssen ... Dann sagen zwar alle mit den Lippen ja, und täuschen das gewünschte Engagement vor, doch faktisch denken sie: Und was habe ich davon? Die können mich mal.“

Auf die scheinbaren Kleinigkeiten achten

“Denken Sie als Führungskraft daran bei Ihrer Führungsarbeit: Wie viel Respekt und Wertschätzung Sie Ihren Mitarbeitern entgegen bringen, zeigt sich für diese in vielen (scheinbaren) Kleinigkeiten”, so Müllerschön.

Zum Beispiel darin,

  • wieviel Zeit man sich für seine Mitarbeiter nehme und wie aufmerksam ihnen zuhört werde,
  • wie kompromissbereit man bei Interessengegensätzen sei,
  • wie man als Chef auf Versäumnisse und Fehler reagiere,
  • und, und, und....

Wer diese Mühe nicht aufbringe, laufe Gefahr, irgendwann nur noch von Opportunisten umgeben zu sein, “die Engagement für die Bereichs- und Unternehmensziele zwar heucheln, aber nicht zeigen”.

Dr. Albrecht Müllerschön ist Inhaber der Müllerschön Managementberatung, Starzeln (D). Der Wirtschaftspsychologe ist Autor mehrerer Personal-Fachbücher und war Lehrcoach an der Uni Tübingen.