Karriere-Coaching Wie man seinen Weg findet

Lebenslanges Lernen, sich ständig neu anpassen, und jetzt noch Arbeit 4.0 - wer den roten Faden auf seinem Lebensweg behalten will, sollte seine Stärken, inneren Antreiber und auch seine Wünsche kennen. Wir haben den Stärkencoach Tobias Illig gefragt, wie man das macht.

Herr Illig, als Stärkencoach beschäftigen Sie sich mit Digitalisierung, Führungsthemen und New Work. Was macht ein Stärkencoach und wie hilft er mir bei meiner Karriere?
Ein Stärkencoach ist geschult, Stärken bei einer Person in prägnanter Form zu erkennen, zurück zu spiegeln und mit der Person daran zu arbeiten, sie weiter auszubauen. Wenn man Leute fragt, welche Stärken sie haben, überlegen sehr viele sehr lange oder können ihre Stärken gar nicht benennen. Viele haben einfach noch nie darüber nachgedacht und leben so einfach vor sich hin. Das ist in Ordnung. Ich behaupte: Wenn jemand sich weiterentwickeln will (gerade vor dem Hintergrund von ‘Lebenslangem Lernen’ in ‘Neuen Arbeitswelten’) sollte er sein Profil, seine Stärken und sich als Person kennen.

Besonders viel Spaß macht es, wenn Menschen offen für Feedback sind und andere Leute (im Rahmen meiner Seminare, im privaten und beruflichen Umfeld oder in einem Coaching bei mir) nach ihrer Meinung gefragt haben. Man sollte sich aber auch nicht zu sehr abhängig machen vom Urteil anderer Leute, sondern genug Selbst-Bewusstsein aufgebaut haben, um damit den Lebens-Weg weiter zu bestreiten. Ich unterstütze Menschen dabei, sich selbst erst mal ausgiebig kennenzulernen, den eigenen (auch beruflichen) Werdegang zu reflektieren und dann mit der Person Optionen zu finden, wo der Weg – im Falle eines Karriere-Coachings – hin gehen kann. 

Sie haben viel mit den Generation Y/Z und Startups zu tun. Wie finde ich heraus, was meine Stärken sind und leite daraus einen sinnvollen Karriereschritt ab?
Man muss nicht immer gleich wissen, welche einzelnen Schritte für die Top-Karriere dienlich sind. Oft ist es auch in gewissen Phasen Ausprobieren, Scheitern, Aufstehen, daraus lernen, neu ausrichten (‘Fail fast,fail often!’). Das Ideal ist ja, den eigenen Weg zu finden, der zu einem (also auch den eigenen Stärken) passt.

Viele starten beispielsweise nach ihren Erfolgen in der ‘Produktivphase’ noch mal mit einer völlig anderen Karriere. Etwa ein erfolgreicher Unternehmer, der sich jetzt sozial für Schulen in Afrika einsetzt oder ein Vorstand, der in sein eigenes Startup Geld und seine Beraterleistung investiert und aus dem Korsett des Konzerns aussteigt.

Ich verstehe die Logik von ‘geraden’ Lebensläufen, aber der Charme von krummen Lebensläufen ist für mich, dass Menschen auf ihren Umwegen andere Kompetenzen erlernen mussten, als es die Turbo-Karrieristen im Mainstream tun. Viele laufen einem falschen Ideal oder unerreichbaren Leitfiguren aus dem Silicon Valley hinterher. Sie kopieren die Schritte, aber sie kapieren nicht, dass es mehr als vorgefertigte Muster gibt. Zum Unternehmer zu werden braucht mehr, als eine Geschäftsidee und einen Kicker in der Küche.

Die Generation Y/Z ist sowieso sehr eigen. Das sagt man ihnen auch ständig, was ihnen aber definitiv nicht gut tut. Zu oft werden sie meiner Erfahrung nach auf einem Silbertablett bejubelt. Vor lauter Beifall vergessen sie dann, dass sie in einem Unternehmen arbeiten, das Leistung fordert, um Geld zu verdienen – und dass das nicht einfach mal so vom Himmel fällt. Arbeit kennen solche verwöhnten Vertreter zu wenig, weshalb der Praxisschock von Uni in Unternehmen sehr hoch ist.

Auch wenn sie in Startups oder jungen Unternehmen einsteigen, wird ihre Weiterentwicklung verlangt und sie müssen selbst ihr eigener Stärken-Entwickler sein, um sich permanent einzubringen. Am besten findet man Stärken tatsächlich heraus, wenn man praktisch arbeitet. Nur im Leben zeigen sich Vorzüge und Nachteile, eckt man an, entwickelt man Profil. Im Zusammenspiel mit anderen Menschen gewinnen wir an Form, werden geprägt und prägen natürlich auch andere. Wer diese Wirkzusammenhänge auf die eigene Persönlichkeit reflektiert, findet Stärken (und Schwächen), die sich in einer konkreten Situation nutzen lassen. Man kann nicht von vornherein sagen, dass Stärken automatisch überall nutzbar sind. Wer durchsetzungsfähig ist, wird in harten Verhandlungen punkten. Im Konfliktmanagement einer Beziehung (ob privat oder beruflich) wird das hinderlich oder sogar kontraproduktiv sein.