»Durchhaltevermögen und außerordentliche Leistungsbereitschaft« Wie man in Deutschland Chefin wird

Mehr als 90 Prozent der 100 größten Unternehmen haben nicht eine einzige Frau im Vorstand. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Die Bundesregierung droht nun offen mit einer gesetzlich verordneten Frauenquote. Wie kommt man bislang als Frau ganz nach oben?

Allen Diversity-Programmen zum Trotz: In den Aufsichtsräten und Vorständen in Deutschland gibt es weiterhin kaum Frauen. Mehr als 90 Prozent der 100 größten Unternehmen haben nicht eine einzige Frau im Vorstand, so eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Demnach lag der Frauenanteil 2010 in den Vorständen der Top-200-Unternehmen bei 3,2 Prozent, in den größten 100 sowie den DAX30-Unternehmen sogar nur bei mageren 2,2 Prozent. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen droht den Unternehmen in Deutschland jetzt offen mit einer Frauenquote, sollten die Firmen ihren Frauenanteil nicht erhöhen.

Wie läuft es bislang? Die Unternehmensberatung Odgers Berndtson hat Chefinnen in einer Studie nach ihrem Erfolgsrezept gefragt. Die Führungsfrauen empfehlen ihren Geschlechtsgenossinnen zum Beispiel, möglichst schnell operative Verantwortung im Kerngeschäft eines Unternehmens zu übernehmen. Und ein tiefes Branchenverständnis zu entwickeln: die Mehrheit von Deutschlands Chefinnen (72 Prozent) blieb ihrer Branche im Verlauf ihrer Karriere treu. 63 Prozent wurden aus dem eigenen Unternehmen für ihre derzeitige Top-Führungsposition rekrutiert. Nur eine Teilnehmerin der Studie sammelte Erfahrung in einer Strategieberatung. Ein weiteres Erfolgsgeheimnis ist die überdurchschnittliche Leistung, die die Topfrauen zeigen. Das hilft offenbar, die zahlreichen Vorurteile der männlichen Entscheider zu überwinden: die Mehrheit von Deutschlands Chefinnen hat Karrierehindernisse durch Hartnäckigkeit, außerordentlich hohe Leistungsbereitschaft und ein enormes Durchhaltevermögen aus dem Weg geräumt.

Das Problem, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist zwar vorhanden, wird von den Karrierefrauen jedoch durch intelligente Organisation beherrscht. 81 Prozent der Chefinnen sind verheiratet oder leben in einer festen Lebensgemeinschaft, 44 Prozent haben Kinder. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelang den Manager-Müttern gut; keine bezeichnete Kinder als Karrierehemmnis. Schwieriger jedoch gestaltet sich die letzte Stufe auf der Karriereleiter ins Top-Management. Die Hälfte der Befragten empfand das so. Der Grund hierfür waren vor allem die Vorbehalte, mit denen die Frauen an diesem Punkt zu kämpfen hatten.

Als entscheidende Karrieretreiber bezeichnen die befragten Führungsfrauen die Begeisterung für ihre berufliche Aufgabe (94 Prozent) und ihren persönlichen Ehrgeiz (63 Prozent). Macht (25 Prozent) sowie Geld und Status (13 Prozent) wurden dagegen deutlich seltener genannt. Ein verbreitetes Klischee scheinen die Karrierefrauen zu erfüllen: die befragten Frauen gaben an, Schwierigkeiten zu haben mit einsamen oder unpopulären Entscheidungen sowie eine geringe Bereitschaft, Risiken einzugehen. Im Entwickeln und Vorleben von Visionen und Strategien gaben sie Nachholbedarf an.

Die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote befürworten 44 Prozent der Top-Managerinnen. Die übrigen Frauen sehen zwar die Gefahr, als Quotenfrau abqualifiziert zu werden, dennoch räumen alle Befragten ein, dass eine gesetzliche Regelung temporär hilfreich wäre, um den Frauenanteil in deutschen Führungsgremien spürbar zu erhöhen.

Ihrer Ansicht nach sollte die Gesellschaft berufstätige  Frauen und insbesondere berufstätige Mütter positiv bewerten und als selbstverständlich ansehen. Deutschlands Chefinnen erwarten vor allem, dass Unternehmen qualifizierten Frauen durch speziell auf Frauen zugeschnittene Führungskräfte- und Mentoring-Programme die Möglichkeit geben, gezielt an ihren Stärken und Schwächen zu arbeiten.

Während Frauen im privaten Bereich gute Netzwerker sind, fällt es den meisten Frauen schwer, ihre beruflichen Kontakte gezielt für die eigene Karriere zu nutzen. Sie empfinden dies als Vetternwirtschaft, wollen es stattdessen durch eigene Leistung ins Top-Management schaffen. Nach Meinung der Studienteilnehmerinnen sollten sich Frauen von diesen Vorbehalten lösen und sich stärker in die bestehenden – gemischt-geschlechtlichen – Netzwerke integrieren.