Markt&Technik Roundtable Wie flexibel kann die Arbeitswelt in der Industrie werden?

Design Thinking bei Puls

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Hallo Google! PULS macht New Work

Der Spezialist für Stromversorgungen hat am Münchner Arabellapark einen Arbeits(t)raum geschaffen.

Tanja Friederichs ist Personalleiterin bei der mittelständischen Puls GmbH, mit 1200 Mitarbeitern deutlich kleiner als Phoenix Contact. Doch deswegen nicht weniger betroffen: »Ich nehme als Personalleiterin das Thema digitale Transformation sehr ernst und bin sehr tief damit beschäftigt. Auslöser für unsere Veränderung war nicht, dass unser alter Vermieter nach 30 Jahren beschlossen hatte, aus den Puls-Büroräumen ein Hotel zu machen. Das war es nicht!«

Die Initiative sei aus der Entwicklungsabteilung gekommen, die sich stärker vernetzen wollte. »Wir haben uns dann einen externen Berater geholt, der uns klargemacht hat, dass wir es mit einer weltweiten Kommunikationsplattform schaffen können, unsere Arbeit komplett zu verändern. Und zwar nicht nur für die Entwicklung, weltweit für alle, inkl. China und Tschechien. Wir wussten am Anfang auch gar nicht, dass dieses Konzept am Ende herauskommen würde. Jetzt im Nachhinein können wir sagen: dankeschön an den Vermieter, dass er uns die Möglichkeit gegeben hatte, uns neu zu orientieren.«

Die Transformation zur neuen Puls GmbH ging mit einer völlig neuen Arbeitsplatzorganisation einher. Bei der Entwicklung der neuen Räumlichkeiten orientierte man sich am Design-Thinking-Ansatz: Das Verständnis der Mitarbeiterbedürfnisse und Arbeitsweisen standen am Anfang. Zudem wurden die Arbeitsplatzkonzepte anderer Unternehmen analysiert, um sich inspirieren zu lassen und gängige Fehler nicht zu wiederholen. Im Prototyp-Raum konnten die Mitarbeiter Möbel und Beleuchtungskonzepte testen, Bodenbeläge begutachten, Skizzen von Architekten und Schreinern sowie den Projektfortschritt auf Whiteboards verfolgen – Feedback war dabei jederzeit ausdrücklich erwünscht. Die gesammelten Erfahrungen sowie die Anregungen der Mitarbeiter sind direkt in die Entstehungsphase der neuen Räumlichkeiten eingeflossen.

»Die neue Arbeitswelt ist somit selbst das Ergebnis eines Design-Thinking-Prozesses«, so Friederichs. »Die Umgebung lädt förmlich dazu ein, sie in kreative Arbeitsphasen einzubeziehen.«

Viele Wände sind beschreibbar oder magnetisch. Eine „Project Area“ dient als Treffpunkt und das Arbeiten in größeren Gruppen, kleine Meetingräume und Gesprächsecken für 2–3 Personen stehen ebenfalls zur Verfügung. Für größere Events wurde im Stil eines Amphitheaters eine eigene Fläche mit LED-Wand eingerichtet.

Friederichs: »Auf Desk-Sharing haben wir bewusst verzichtet. Der persönliche Schreibtisch bzw. Entwickler-Arbeitsplatz, der zudem noch stufenlos höhenverstellbar ist, bleibt die Basisstation eines jeden Mitarbeiters.« Als Rückzugsorte dienen eine kleine Bibliothek, in der Telefone und auch Handygespräche sowie laute Unterhaltungen nicht erwünscht sind, sowie ein Nap-Room, der für Entschleunigung und Entspannungsphasen sorgen soll.

»Jedes Detail – ob sichtbar oder verborgen – erhielt besondere Aufmerksamkeit; nichts wurde dem Zufall überlassen«, so Friederichs. Schränke und Sideboards sind Eigenentwicklungen, selbst das Beleuchtungskonzept für die Arbeitsplätze basiert auf einer gemeinschaftlichen Entwicklung von Geschäftsführer Bernhard Erdl und Designer Tobias Grau.

»‘Next Work‘ bei Puls bedeutet, dass wir uns in einer vernetzten Arbeitswelt digital und analog miteinander verbinden und in selbstorganisierten Teams arbeiten. Ich glaube, wir sind mit Next Work auf dem Weg zu New Work, denn wir wissen ja nicht, was uns dort noch alles treiben kann«, sagt Friederichs.

»Denn es ist nicht die Technologie, die wir beherrschen müssen, sondern es ist die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Blog, Community, Hashtag – uns gibt es seit 35 Jahren, da haben wir typischerweise nicht nur Digital Natives im Unternehmen. Insofern mussten wir uns Gedanken machen, wie wir das etablieren wollten. Das war eine Aufgabe. Im zweiten Schritt haben wir dann ein völlig neues Arbeitsplatzkonzept entwickelt, wo wird diese Art der Vernetzung, wie wir sie in den sozialen Medien erleben, analog im Unternehmen abbilden wollten, greifbar machen wollten.

Die Mitarbeiter haben jetzt bei uns die Möglichkeit, sich ständig überall zu vernetzen. Selbst bestimmen, wo sie arbeiten wollen. Analog mit Digital kombinieren. Der Arbeitsplatz ist aber bei uns immer noch in der Firma. Wir sagen jetzt nicht, es ist uns völlig egal, wann und wo die Mitarbeiter arbeiten. Völlige Freiheit in Sachen Anwesenheitspflicht gibt es also nicht, aber wir nutzen die digitalen Möglichkeiten, wenn das Kind krank ist oder auch tageweise. Menschen sind sozial orientiert, wir sind eine Gemeinschaft – für den Zusammenhalt ist es wichtig, dass man sich in der Firma trifft. 80, 90 Prozent der Arbeitszeit in der Firma, der Rest nach Bedarf. Und dann guckt auch keiner schief.«

Eine interne Mitarbeiterbefragung habe eine Zufriedenheit von 100 Prozent ergeben.