Führung »Was ist das 'Rezept'?«

Rahman Jamal, Business and Technology Fellow bei National Instruments: »Wir Ingenieure sind es, die dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Der Ingenieur muss dazu meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt.«
Rahman Jamal, Business and Technology Fellow bei National Instruments: »Wir Ingenieure sind es, die dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Der Ingenieur muss dazu meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt.«

Das Interview mit Rahman Jamal zum Thema Führung und Achtsamkeit ist schon fast zwei Jahre her, wird aber immer noch rege auf Twitter und LinkedIn geteilt. Wir haben das Gespräch fortgesetzt und u.a. über Rollenkonflikte, Ingenieure als Klimaretter und »achtsame« KI gesprochen.  

Markt&Technik: Herr Jamal, Sie sagen, Sie haben nach unserem letzten Interview zum Thema »Führung und Achtsamkeit« viel Rückmeldung bekommen. Welche denn?
Rahman Jamal: Fragen, die ich vorwiegend gestellt bekam, waren »Wie lässt sich Achtsamkeit in einer Corporate-Umgebung handhaben?«, »Wie kann man da von Augenblick zu Augenblick leben?«, »Was ist das ‚Rezept‘?«, »Was muss ich tun, wo muss ich anfangen?« Und vor allem »Wie messe ich dann den Erfolg?«

Es gab viel Zustimmung, aber auch Skepsis. Zustimmung etwa gab es bezüglich der Aussage, dass »Achtsamkeit« bzw. damit verbunden die Meditation oft als Werkzeug zur Effizienzsteigerung genutzt wird. Viele Manager meditieren, um etwas zu erreichen – um sich schnell zu entspannen, um möglichst schnell Karriere oder Geld zu machen etc. Die Wenigsten sehen Achtsamkeit aber – so wie ich - als eine Lebenshaltung an, sind sogar überrascht, dass man mit dieser Haltung im oberen Management vorankommt. 

Vielleicht rührt die Skepsis daher, weil Achtsamkeit zwar ein Trend ist, nicht aber unbedingt im Top Management? Dass man einen Rollenkonflikt befürchtet, je höher man auf der Karriereleiter steigt?  
Manche sahen es als nicht praktizierbar an ab einem bestimmten Karrierelevel, ja. Dem kann ich nur widersprechen. Achtsamkeit ist eine ganzheitliche Lebenseinstellung, die alle Aspekte des Lebens berührt, auch die Arbeit – und zwar unabhängig davon, wo ich mich karrieretechnisch gerade befinde. 

Vertrauen und Achtsamkeit sind Begriffe, die Ehrlichkeit, Zuwendung und Mitgefühl beinhalten. Laut DISG-Persönlichkeitstest, der u.a. auch von Personalberatern zur Potenzialanalyse verwendet wird, sind das nicht gerade typische Leader-Eigenschaften. Vermeintlich »echte« Leader haben in der Regel einen Überhang an „roten“ Anteilen: willensstark, fordernd, ergebnisorientiert, bestimmend. 
Mir wurde tatsächlich bescheinigt, dass sowohl die rote, als auch die grüne Seite – also Dominanz und Initiative – bei mir gleichermaßen stark ausgeprägt sind. Aber ob ich wirklich rot und grün bin, kann ich nicht sagen und es ist mir auch nicht wichtig. »Zuwendung« ist hier tatsächlich das Schlüsselwort. Als Führungskraft muss ich versuchen, mein Gegenüber zu verstehen, und das wiederum steht und fällt mit dem Zuhören. Wohlgemerkt dem achtsamen Zuhören, einem Zuhören ohne Bewertung. Denn das ist ja die klassische Definition von Achtsamkeit: Es ist eine Form der ungeteilten Aufmerksamkeit, bei der man bewusst wahrnimmt, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht, ohne zu urteilen oder zu interpretieren. Ich muss mich auf das Gegenüber einstellen – eben achtsam sein! Und das beginnt in erster Linie damit, zuzuhören ohne jegliches Urteil.

Globale Trends wie den Klimawandel können Führungskräfte nicht ignorieren, zumal wenn die Produkte der eigenen Branche den Trend unmittelbar unterstützen, wie das bei der Energiewende der Fall ist. Steckt da »Achtsamkeit« nicht zwangsläufig mit drin? 
Ja, schon allein der Klimawandel zeigt, dass all unser Handeln eine Reflexion unseres Inneren ist. Was wir hier nämlich sehen, sind die Symptome eines unachtsamen Verhaltens, des respektlosen Umgangs mit der Natur. Umgekehrt sind Dinge wie die Nutzung erneuerbarer Energien eben ein Zeichen für eine achtsame Haltung.

Ein achtsames Leben zu leben, heißt aber achtsam von Augenblick zu Augenblick zu sein, nicht erst als Reaktion auf etwas. Und sogar dann, wenn keiner zuschaut! Ich bin in erster Linie Ingenieur. Ingenieure sind meiner Meinung nach auch diejenigen, die die Probleme dieser Welt lösen können: z. B. für Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen zu sorgen, Verbesserungen in der Medizintechnik, oder Solarenergie wirtschaftlich zu machen. 

All dies sind nur einige wenige der so genannten »Grand Challenges«, die die National Academy of Engineering vor einiger Zeit als die größten Herausforderungen der Menschheit ausgerufen hat und die es zu lösen gilt. Das war übrigens auch der Beweggrund, warum ich mich bewusst nicht für ein theoretisches, sondern ein praxisnahes Studium entschied, mit dem man zur Lösung solcher Probleme beitragen kann: Elektrotechnik.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es die Technologien sind, die Änderungen vorantreiben und die zwischen den Ländern klaffenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lücken schmälern können. Wir Ingenieure sind es, die dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Der Ingenieur muss dazu meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt.