Väter und Elternzeit Warum Väter lange in Elternzeit möchten – aber es nur selten tun

Viele Väter wollen, aber trauen sich am Ende doch nicht, lange in Elternzeit zu gehen, zeigt eine Umfrage. Die Angst vor dem Karriereknick ist es aber nicht alleine, die Väter daran hindert. Was können Arbeitgeber und Arbeitnehmer tun?

Das Ideal von Müttern wie von Vätern lautet: Je mehr Elternzeit, desto besser. In einer imaginären Welt, in der Geld und Karriere keine Rolle spielen, würden 74 Prozent einer LinkedIn-Umfrage zufolge möglichst lange dem Job Adieu sagen und in Elternzeit gehen (Männer: 69%, Frauen: 79 %).

Doch sind es in der Praxis weiterhin die Mütter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen: 91 Prozent der befragten Mütter gaben an, den Großteil der Elternzeit genommen zu haben. Im Schnitt beziehen Mütter durchschnittlich 11 Monate Elterngeld, 76 Prozent schöpfen die vollen zwölf Monate aus. Männer kommen im Mittel auf drei Monate.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, für die LinkedIn und das Marktforschungsinstitut YouGov im Januar 2020 mehr als 1.000 Mütter und Väter in Deutschland befragt haben, deren Kinder höchstens 12 Jahre alt sind.

Die Mütter nehmen dafür nicht selten einen deutlichen Karriereknick in Kauf: Jede fünfte berichtet nach einer langen Elternzeit von negativen Auswirkungen auf den beruflichen Werdegang.

Woran liegt es, dass Väter in Elternzeit über die üblichen drei Monate hinaus weiterhin eine Seltenheit sind? An erster Stelle stehen laut Umfrage wirtschaftliche Gründe: Häufig verdienen Männer mehr und der Einkommensverlust soll somit gering gehalten werden.

Erstaunlich häufig (rund 30 Prozent) werden aber auch als längst passé geglaubte gesellschaftliche Vorurteile und traditionelle Rollenbilder genannt. So sind gut 30 Prozent der Mütter und Väter der Ansicht, es sei für die Betreuung des Kindes besser, wenn die Mutter zuhause bleibt. Dass es für Männer schwieriger sei, dem Arbeitgeber gegenüber eine längere Elternzeit zu verargumentieren, glauben ebenfalls gut 30 Prozent.

„Mütter und Väter sind sich erstaunlich einig über die Gründe, die zu einer ungleichen Verteilung der Elternzeit führen – auffällig ist, dass Frauen sich selbst ein noch stärkeres Bedürfnis zuschreiben, länger beim Kind zu bleiben. Es geht demensprechend also zum einen um die Fragen, wie wir eine gerechtere Bezahlung von Frauen sicherstellen und wie wir Männer darin ermutigen können, ihrem Wunsch nach einer längeren Elternzeit nachzugehen. Zum anderen müssen wir uns grundsätzliche Gedanken dazu machen, wie eine familienfreundliche Unternehmenskultur wirklich aussieht – so dass alle Modelle funktionieren, ganz gleich wer wie lange in Eltern- oder Teilzeit geht,“ sagt Barbara Wittmann, Country Managerin LinkedIn DACH.

„Letztendlich ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen wünschenswert, sondern für Unternehmen auch von wirtschaftlichem Vorteil: Unternehmen, die sich um eine familienfreundliche Kultur bemühen, können sich im immer stärker werdenden Kampf um Talente vorteilhaft positionieren.“

Wie familienfreundlich sind Unternehmen in Deutschland wirklich?

Nicht einmal jeder zweite Befragte bewertet sein Unternehmen als familienfreundlich. Nur knapp 43 Prozent (Väter 41 Prozent, Mütter 45 Prozent) denken, ihr aktueller Arbeitgeber misst Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausreichend Bedeutung bei.

Während Maßnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle noch relativ häufig die nötige Aufmerksamkeit erhalten (65 Prozent), hat nur jeder Zweite hat die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten und nur 38 Prozent der befragten Eltern können sich über Kinderbetreuungszuschüsse freuen.

Um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, halten es 78 Prozent der befragten Eltern für notwendig, dass Arbeitgeber aktiver werden und weitere Maßnahmen ergreifen.

Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM), sagt: „Wie die jüngste Studie von LinkedIn zeigt, klafft zwischen unserer Vorstellung von der Arbeitswelt und der Realität noch eine viel zu große Lücke. Es kann nicht sein, dass wir hochqualifizierte Menschen, nur weil sie ihre Arbeitszeit im Zuge der Familiengründung reduzieren, ins berufliche Aus katapultieren. Elternzeit oder Teilzeit dürfen nicht länger mit Karriereknick assoziiert werden. Wir brauchen keine starren zeitlichen Grenzen, die Menschen vorschreiben, wann und wie sie zu arbeiten haben. Im Gegenteil: wir brauchen vorbildlich gelebte und bedarfsgerechte Arbeitsmodelle, die Müttern und Vätern Mut machen, ihre Arbeit flexibel zu gestalten. Und den Personalern damit eine Grundlage geben, diese Modelle weiter zu institutionalisieren.“