Robot Recruiting Wann übernimmt Alexa?

Sieht so die Zukunft aus? Das würde sich zumindest eine große Mehrheit der Bevölkerung wünschen.

Amazon bringt »Alexa for Business«, Robot Vera soll HR-Abteilungen unterstützen. Schon heute können Software-Programme Teilaufgaben im Recruiting übernehmen. Wir haben Experten-Meinungen zu Robot Recruiting zusammengefasst.

Der Ausdruck Robot Recruiting beschreibt eine Automatisierung des Recruiting-Prozesses, bei dem anhand eines Algorithmus eine Beurteilung und Auswahl geeigneter Bewerber erfolgt. Dieser kann auch Jobinteressierten automatisiert offene Stellen empfehlen oder dem Unternehmen geeignete Bewerber vorschlagen.

»Beim Data Driven Recruiting geht es nicht nur um ein reines Abgleichen von Daten«, sagt Dr. Ole Mensching, CEO und Gründer von CareerTeam, einer Headhunting-Agentur für digitale Executives und Experten. »Der Fokus liegt auf einem intelligenten Matching. Der Algorithmus muss den konkreten Inhalt der Stellenausschreibung verstehen und dafür die Begriffe und Sätze im Zusammenhang analysieren und auswerten können.«

Laut der Studie »Recruiting Trends 2016« von Monster Deutschland und der Universität Bamberg nutzen bislang nur etwa zwei Prozent der Unternehmen das Robot Recruiting zum Vorsortieren von Bewerbungen. »Unternehmen müssen abwägen, ob der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Bewerbungsprozess sinnvoll ist oder nicht, da es stark von der Größe des Unternehmens abhängt,« weiß Dr. Ole Mensching. »Das System lohnt sich oft nur bei einer bestimmten Menge von Bewerbungen und einem kontinuierlich hohen Personalbedarf. Für die Erstellung von Musterprofilen ist eine große Datenmenge erforderlich, über die kleine und mittlere Unternehmen in der Regel nicht verfügen.«

Und auch Bewerber seien tendenziell dagegen, ergänzt Mensching. Mit dem Ausfüllen von Formularen bestehe nicht genügend Möglichkeit, um sich in allen Facetten zeigen zu können. Denn bei Robot-Recruiting kommt es auf entscheidende, im Vorfeld definierte Details an, um vom Computer zum Personaler zu gelangen. »Zuviel Kreativität und Individualität können die Computersysteme überfordern«, sagt Mensching. »Es kann passieren, dass das System Symbole, Firmenlogos und aufwendig gestaltete Layouts nicht erkennt und als Fehler wahrnimmt.«
Dadurch kann es sein, dass gut geeignete Bewerber aussortiert werden.

Auch Rechtschreibe- oder Grammatikfehler können oft das Aus für den Bewerber bedeuten. »Wo ein Personaler vielleicht nochmal ein oder zwei Augen zudrückt, sofern der Rest passt und stimmig ist, sortiert der Computer diese Unterlagen aus«, so Mensching.

Dr. Ole Mensching sieht den Nutzen von Robot Recruiting – vorerst -  noch bei der Vorauswahl von Bewerbern. »Auf den höheren Ebenen des Bewerbungsprozesses ist die menschliche Beurteilung weiterhin unersetzlich. Denn Faktoren wie Sympathie, die mitentscheiden, welcher Kandidat wirklich auf die jeweilige Stelle und in das Unternehmen passt, lassen sich noch nicht von einem Roboter berechnen.«

Alexander Fedossow von Wollmilchsau hat sich Robot Vera des russisches HR-Tech Startups Stafery näher angeschaut, ein angeblich »vollautomatischer, AI-basierter Headhunter« und auf seinem Blog beschrieben. Robot Vera soll Recruitern vor allem Zeit sparen.

Laut Fedossow mache Vera zwei Dinge: Anhand einer Stellenausschreibung potentielle passive Kandidaten aus angeschlossenen Profil-Datenbanken heraussuchen und telefonische Vorauswahlgespräche vornehmen. Angeblich können auch Video-Interviews geführt werden. »Eine nette Idee«, schreibt Fedossow.  Aber Künstliche Intelligenz? »Ich bin heute überzeugt, dass man nach dem heutigen Stand der Technik kein echtes, in die Tiefe gehendes Bewerbungsgespräch von einem Roboter führen lassen kann. Alleine schon die Grenzen der Spracherkennung, gerade mündlich, sind ein echtes Problem. Versucht mal mit Siri zu sächseln.«

Vera könne aber Teil-Prozesse im Recruiting übernehmen: Sortieren, Anschreiben, Anrufen, Frage stellen und Ja oder nein aufnehmen, Absage schreiben wenn Y, Einladung wenn X. Es gebe, so attestiert Fedossow, »Berufe und Einsatzszenarien, bei denen ein Roboter, von mir aus tatsächlich telefonisch, eine simple qualitative Vorauswahl machen kann.«

Die Frage sei allerdings, ob ein in die Tiefe gehendes Gespräch tatsächlich notwendig sei, daher hält Fedossow  Robot Vera zumindest für »interessant«, ein »vollautomatischer, AI-basierter Headhunter« sei Vera allerdings nicht, »auf den werden wir lange warten müssen.«

Henrik Zaborowski hat einen Podcast zum  Thema aufgenommen. Künstliche Intelligenz im Recruiting werde aktuell gerne pauschal als  Heilsbringer herbeigesehnt, wobei die KI gleichsam magisch den »perfect match« zwischen Unternehmen und Kandidaten liefern solle.

Doch ein Recruiting Roboter sei ja nur das, was der Mensch ihm eingetrichtert habe: Menschliche Beurteilungsfehler und Fehlentscheidungen würden beim Anlernen einer Künstlichen Intelligenz übertragen. Damit »perfektionieren wir unsere grottenschlechte Personalauswahl und unser miserables Menschenbild auch noch!«

Zudem könne und dürfe KI nur auf Daten zugreifen, die die jeweilige Person freiwillig zur Verfügung stellt; Daten müssten in ihrem jeweiligen Kontext betrachtet und jederzeit transparent und nachvollziehbar sein.

Unser Fazit: der menschliche Faktor im Recruiting dürfte auf absehbare Zeit nicht ersetzbar sein.