Diskussion um digitale Bildung Verbände fordern mehr Tempo

Nicht nur der VDE fordert, jetzt die Stellschrauben für eine auf die Zukunft ausgerichtete Bildungspolitik zu stellen und die Lehrpläne an den Schulen grundlegend im Hinblick auf die Digitalisierung zu reformieren.

Deutschlands Bildungspolitik präsentiert sich uneins, anstatt beherzt anzupacken. Die Verbände VDE, VDMA und der Bitkom verlieren langsam die Geduld. Eine Zusammenfassung ihrer Forderungen.

Fünf Milliarden Euro will die Bundesregierung in die „digitale Bildungsoffensive“ stecken, mit der sie die flächendeckende digitale Ausstattung aller Schulen erreichen möchte. Voraussetzung ist eine Änderung des Grundgesetzes. Diese wird aber von den Bundesländern blockiert, weil sie um ihre Eigenständigkeit in der Bildung fürchten. Das Ergebnis: Statt das Geld auszugeben und „Smart Schools“ umzusetzen, herrscht Stillstand – unfassbar für die von Fachkräftemangel gebeutelte und im Wettlauf mit China rotierende Industrie. »Unsere Schulen sind bis auf wenige Ausnahmen noch immer analoge Inseln«, klagt der Digitalverband Bitkom. Präsident Achim Berg formuliert die Ziele seines Verbands noch mal knackig zum Mitschreiben: Erstens digitale Infrastruktur, zweitens Curricula für digitales Lernen und digitale Inhalte und drittens digitalkompetente Lehrerinnen und Lehrer.

VDE und VDMA sind sich mit dem Bitkom einig, dass Deutschland auch in Sachen MINT-Bildung der Digitalisierung hinterherstottert, das zeigt die Lektüre der zum Jahresanfang erschienenen Positionspapiere.

Der VDE will zwar eine Versachlichung der angeheizten Debatte um digitale Bildung erreichen, pfeffert aber gleichwohl sein Positionspapier „Digitalisierung – eine interdisziplinäre Betrachtung“ mit einigen knackigen Anwürfen. Punkt eins: Es fehle das Big Picture. »Die derzeit bekannten Pläne zur Umsetzung einer digitalen Bildung mit primär technisch-informatischen Inhalten greifen (…) nicht nur zu kurz, sie greifen auch fehl«, schreiben die beiden Autoren Prof. Michael Berger und Prof. Dr. Uwe Pfenning vom VDE-Ausschuss Studium, Beruf und Gesellschaft. Anstatt die Begeisterung der Jugendlichen fürs Digitale zu nutzen, um sie für einen technischen Berufsweg zu begeistern, herrsche Handy-Verbot an Schulen. »Genau genommen haben die gesellschaftliche Entwicklung und die individuelle Verbreitung digitaler Geräte das Bildungssystem überholt«, konstatieren beide ernüchtert.

Innovative Angebote gebe es eher außerhalb der Schule, wo sich im MINT-Bereich eine Lernlandschaft etabliert habe. Doch leider müssten diese an die Schulen und Ministerien regelrecht herangetragen werden und litten zudem überall unter »Finanzierungsengpässen und mangelnder Verbindlichkeit«, statt »systematisch in Lehrpläne, Stundentafeln, Ausstattungen und Betriebsmittelplanung« eingebunden zu werden. »Jeder dieser außerschulischen Lernorte« sei eine »latente Kritik an den Versäumnissen der öffentlich-staatlichen Bildungseinrichtungen und ihrer Führung«, moniert der VDE.

Lehrpläne müssen grundlegend reformiert werden

Statt die Schulen nur mit Computern auszustatten, fordert der VDE, jetzt die Stellschrauben für eine auf die Zukunft ausgerichtete Bildungspolitik zu stellen und die Lehrpläne an den Schulen grundlegend im Hinblick auf die Digitalisierung zu reformieren. VDE-Chef Ansgar Hinz bemängelt: »Wir stehen vor großen gesellschaftlichen Veränderungen, die mit dem digitalen Wandel einhergehen, Stichwort künstliche Intelligenz. Digitale Technologien, ihre Chancen und ihre Risiken finden sich aber in keinem Lehrplan.« Der Diskurs müsste daher Einzug in verschiedene Schulfächer wie natürlich Informatik, dann aber auch Geschichte, Wirtschaft, Gemeinschaftskunde, Ethik, Religion oder Deutsch finden. Nur so erreichten Jugendliche eine Technikmündigkeit, die sie befähige, Entscheidungen über die gesellschaftliche Akzeptanz von Innovationen wie künstlicher Intelligenz oder autonomem Fahren zu treffen, und sie damit auch für eine Ausbildung in technischen Berufen motiviert.