Prof. Armin Schnettler, VDE-Präsident »Unsere Sichtbarkeit müssen wir als VDE noch steigern«

Prof. Dr. Armin Schnettler ist neuer VDE Präseident.
Prof. Dr. Armin Schnettler ist neuer VDE-Präsident.

Prof. Armin Schnettler (57) ist CEO New Energy Business bei Siemens Energy und neuer Präsident des VDE, den er sichtbarer machen will: »Wir sind die Zukunftsbranche.« Ein Gespräch über seine neue Rolle und über den Ingenieurnachwuchs in Deutschland.

Markt&Technik: Herr Prof. Schnettler, Sie sind schon seit vielen Jahren im VDE aktiv, waren unter anderem Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im VDE. Was haben Sie sich vorgenommen als neuer VDE-Präsident?
Prof. Armin Schnettler: Der VDE war und ist der neutrale technisch-wissenschaftliche Berater und Vermittler unserer Branche. Unsere Sichtbarkeit müssen wir aber noch steigern – sowohl in der Politik als auch in der Öffentlichkeit. Ich habe den Anspruch, dass wir den VDE auf Augenhöhe mit dem BDI (Bundesverband der deutschen Industrie, Anm. der Red.) bringen. Sustainability bezeichne ich dabei als einen meiner Schwerpunkte. Wir sind die Zukunftsbranche – egal wohin Sie schauen: mehr Software, mehr (Leistungs-)Elektronik in autonomen Fahrzeugen, Robotern oder der Medizintechnik. Die Wertschätzung für diese Bedeutung sehe ich aber noch nicht in gleichem Maßen in der Öffentlichkeit – daran will ich arbeiten.

Wenn wir die wachsende Bedeutung der Elektronik für unser aller Zukunft betonen, dann verwundert es doch, dass diese sich bis dato nicht in mehr Studienanfängern und -anfängerinnen niederschlägt. Woran hakt es?
An der RWTH Aachen hatten wir einen Studiengang elektrische Energietechnik. Da lag der Frauenanteil anfangs bei 3 bis 5 Prozent. Der darauf gegründete Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen Elektrische Energietechnik lag dann prompt bei 15 bis 20 Prozent Frauenanteil, obwohl die Inhalte sehr stark identisch waren. Daran zeigt sich, dass wir eigentlich ein Transparenz- und Kommunikationsproblem haben. Und daran müssen wir arbeiten. Zum Teil versucht man, das Fach über neue Namensgebungen zu bewerben, wie „Umweltwissenschaften“ oder „Studium der nachhaltigen Energieversorgung“. Da bleibt man aber leider oft zu stark an der Oberfläche, am Ende kann man vieles, aber nichts richtig.
Die Elektrotechnik hat leider schon bei den Schülern so ein Nerd- und Bastler-Image, Jungs, die in ihrem stillen Kämmerlein sitzen. Dabei trägt gerade die Elektrotechnik mit ihrem extrem breiten Anwendungsfeld ganz wesentlich dazu bei, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen. Ein Elektroingenieur kann da überall mitwirken – das müssen wir ganz anders herausstellen. Dann holen wir vielleicht auch diejenigen ab, die wir heute noch nicht erreichen.

Besteht dabei nicht das Risiko, dass wir am Ende mehr Studienabbrecher produzieren?
Zugegebenermaßen ist Elektrotechnik nicht ganz einfach. Es macht natürlich keinen Sinn, jemanden von diesem Studium zu überzeugen oder gar zu überreden, der vielleicht nicht in der Lage ist, das inhaltlich zu packen. Denn dann demotivieren wir die Leute erst recht. Aber generell bekommt man das heute bei Studienanfängern durch frühzeitige Information doch ganz gut in den Griff, mit Vorkursen, Selbstbewertungen und Ähnlichem.
Wir dürfen aber bei all der Diskussion nicht vergessen, dass der VDE nicht nur für Hochschulbildung eintritt, sondern auch für das Handwerk. Studien zeigen einen Mangel an Fachkräften gerade auch im beruflich qualifizierten Bereich, nicht nur im hochqualifizierten wissenschaftlichen. Wir müssen das im Blick behalten. Elektrotechnik ist überall, mittlerweile haben sich praktisch alle Berufe in Richtung einer stärkeren Elektrifizierung entwickelt. Als VDE möchten wir diese Bandbreite abdecken.

Wie bewerten Sie die Nachwuchsförderung hierzulande, was läuft richtig, was nicht?
MINT-Förderung ist sehr wichtig und vermittelt Informationen. Aber vielleicht sollten wir stärker darüber diskutieren, wie wir diese vermitteln und über welche Kanäle wir die jungen Leute erreichen und wie sexy und interessant wir unser Fach eigentlich darstellen. Vielleicht müssen wir mehr über Applikationen kommen, etwa erklären, wie ein iPhone funktioniert. Nicht als theoretisch-technische Erklärung, dass es da Oberschwingungen gibt und so. Sondern ganz plastisch, gerichtet an 15-, 16-jährige Schülerinnen und Schüler. Ich denke, da ist die Didaktik oftmals noch nicht zielgerichtet genug.

Warum gibt es so etwas wie eine Branchenkampagne noch nicht? Ist es so schwer, Gelder für attraktivere MINT-Kampagnen locker zu machen?
Da fragen Sie womöglich den Falschen; ich habe zumindest in der Vergangenheit immer versucht, so etwas zu unterstützen. Wir geben Milliarden aus, mit dem Unterschied: wenn Sie 100 Mio. Euro beispielsweise in die Wasserstoffwirtschaft stecken, dann sehen Sie danach einen Mittelrückfluss, einen ROI. Das sehen Sie bei MINT-Projekten nicht unmittelbar. Aus- und Weiterbildung ist zudem föderalistisch organisiert. Und es wirkt auch nur, wenn man solche Kampagnen über viele, viele Jahre fährt. Ich denke daher, das ist ein Problem, das man politisch lösen und unterstützen muss – ich bin davon überzeugt, das ist keine Aufgabe für die Industrie. Das Geld sitzt auf Industrieseite auch gerade nicht mehr locker.

Weiß denn die Politik um die strategische Relevanz der Elektro- und Informationstechnik?
Da sind wir wieder beim Thema Positionierung und Sichtbarkeit des VDE.

Was ist die Alternative, wenn es irgendwann nicht mehr genügend Fachkräfte hierzulande gibt. Abwanderung ins Ausland?
Ich denke, nicht, dass die Industrie abwandert, weil sie nicht genügend Leute hierzulande findet. Sondern es handelt sich um ein Gesamtpaket aus Kosten, Nähe zu Märkten und Verfügbarkeit von jungen, engagierten und auch gut ausgebildeten Fachkräften. Tesla baut in Brandenburg eine große Fabrik, weil sie von hier aus den Markt bedienen wollen. Und wir machen das genauso.

Würden Sie sagen, dass die Verfügbarkeit von Elektroingenieuren hier am Standort Deutschland gar nicht so kritisch ist wie häufig beklagt?
Wir sollten nicht zu sehr national denken, wir sind eine Exportnation. Von der Grundlagenentwicklung bis zur Fertigung haben wir ja als Unternehmen alles in einer Hand. Die Kerntechnologie-Entwicklung haben wir bei Siemens Energy in Erlangen, also in Deutschland. Wo die Märkte sich danach entwickeln, in Nordamerika, Australien oder in China, dorthin verlagern wir dann auch einen Teil der Produktion. In allen Ländern dieser Welt ist lokale Wertschöpfung ein wichtiges Thema. Sie können ja nicht beliebig viele Leute aus Deutschland dorthin schicken, das macht man mit lokalen Kräften, so wie wir hier in Deutschland ja auch lokale Firmen beauftragen. Und wenn wir – Vergleich Baubranche – nicht genügend davon haben, dann holen wir sie aus dem Ausland. Ich sehe den VDE auch nicht auf Deutschland beschränkt, sondern als globale Organisation, das VDE-Prüfsiegel ist weltweit bekannt. Warum nicht auch unsere bewährte Aus- und Weiterbildung über globale Partnerschaften weltweit bekannt machen?

Die Verfügbarkeit von Elektroingenieuren hierzulande ist also ausreichend?
Es kommt darauf an, wen Sie suchen. Wenn Sie Experten auf dem Gebiet Data Analytics oder KI benötigen – Elektrotechniker und Informatiker –, dann sind diese eng gesät. Aber wenn Sie als Unternehmen interessante Inhalte zu bieten haben und eine vernünftige Arbeitsumgebung mit Flexibilität bieten – damit meine ich nicht zuvorderst das Gehalt –, dann bekommen Sie auch heute gute Leute. In meinem Bereich bei Siemens sind wir in der Lage, den Bedarf zu decken, Nachwuchssorgen haben wir keine. Aber natürlich haben wir mit der Wasserstoffwirtschaft auch ein tolles Thema und interessante Inhalte, wir gestalten die Zukunft! Ich bekomme sowohl von hausintern als auch von extern extrem viele Initiativbewerbungen. Generell, nicht nur von Elektroingenieuren. Dabei hilft mir auch mein ehemaliges Universitätsnetzwerk.Unternehmen, die das nicht bieten können und/oder auf dem flachen Land sitzen, ohne Infrastruktur, ohne kulturelles Angebot, die haben es da schwerer. München als Standort ist zweischneidig – eine tolle Stadt, die Sie aber kaum noch bezahlen können, wenn Sie jung sind und eine Familie gründen wollen.

Heißt das, bei Siemens ist Recruiting ein Selbstläufer?
Auch wir bei Siemens und Siemens Energy müssen Employer Branding kontinuierlich betreiben. Und uns auch wandeln, etwa in der Kommunikation. Noch stärker mitteilen, dass wir für die Dekarbonisierung sorgen.

(Interview: Corinne Schindlbeck)

Unser Interviewpartner Armin Schnettler studierte und promovierte in der Elektrotechnik an der Universität Dortmund. Nach seiner Promotion wechselte der neue VDE-Präsident 1992 zu ABB, wo er verschiedene Positionen bekleidete. Von 1998 bis 2000 zeichnete er als Mitglied der Geschäftsleitung der ABB, Business Area „High Voltage Substations“ in Zürich, Schweiz, verantwortlich. 2001 kehrte Schnettler zurück in die Wissenschaft und forschte bis 2018 als Leiter des Instituts für Hochspannungstechnik an der RWTH Aachen. Von 2003 bis 2013 war er parallel zu seinem Engagement im VDE Vorstand der Forschungsgemeinschaft für Elektrische Anlagen und Stromwirtschaft. 2013 trat der gebürtige Hagener in den Siemens-Konzern ein. Als Senior Vice President leitete er von 2013 bis 2015 den Bereich „New Technology Fields“ bei Siemens Corporate Technology. Von 2016 bis 2020 stieg Schnettler als Leiter der „Konzernforschung Energie und Elektronik“ bei Siemens auf. Seit 2020 ist er Executive Vice President und begleitet als CEO New Energy Business bei Siemens Energy den Börsengang.