»Der Verzicht auf Fortbildung kostet die Firmen mehr als jede Schulung!« Trend zum Lernhäppchen

»Es gibt häufig einen erschreckend niedrigen Wissensstand bei Hochschulabsolventen«

Zumal auch bereits der Nachwuchs von der Hochschule oft schon weitergebildet werden muss. (Vgl. dazu auch die Bachelor/Master-Problematik im Interview mit Prof. Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen. Anm. d. Red.). »Es gibt häufig einen erschreckend niedrigen Wissensstand bei Hochschulabsolventen. Zudem drängen 'branchenfremde' Ingenieure wie Physiker und Informatiker in die Chip-Entwicklung.« berichtet Eugen Krassin. Der Geschäftsführer des FPGA-Spezialisten PLC2 erwartet für die nächsten Jahre eine deutliche Spaltung des Kundenstamms in wenige High-End-Anwender und eine breite Masse auf niedrigerem Know-How-Niveau. »Es entwickelt sich eine dünne Wissens-Mittelschicht.« Zwei Hauptrends macht Krassin dabei aus:  Zum einen sei die Ausbildung der Basis zu dünn: » Um diesen Mangel zu beheben, haben wir spezielle Schulungen entwickelt und werden sie weiter entwickeln. Trend hier ist die Ausbildung der Basis.« Als zweiten Trend sieht der Experte die Ausbildung der »High End«-Anwender. »Moderne FPGAs sind nicht nur einfach größere Varianten ihrer Vorgänger. Sie zeichnen sich durch viele spezielle eingebettete Strukturen aus, um Anwendungen aus den Bereichen »Embedded Application«, »Connectivity Design« (PciExpress, GigaBit Tranceiver  usw.) und »DSP« effizient bearbeiten zu können. War es bis vor einigen Jahren noch relativ einfach möglich, den FPGA-Entwurf mit einer Grundlagenschulung und einer Expertenschulung abzudecken, sind die Zeiten nun endgültig vorbei.«

FPGA-Anwender erwarteten heute neben einer Grundlagenschulung ein breites Portfolio an Spezialschulungen, die auf den jeweiligen Anwendungsbereich hin optimiert seien, erzählt Krassin. »Den inhaltlichen Trend sehen wir im Bereich »Embedded« und »Connectivity« an erster Stelle, gefolgt von DSP. Der Trend zu Hardware-Beschreibungssprachen wird sich fortsetzen, wobei es unklar ist, wie etwa System Verilog sich durchsetzen wird. Auch bleibt es abzuwarten, inwieweit die 'Formale Verifikation' sich im Bereich der FPGA-Entwicklung etabliert.«

Zumindest im Bereich der technischen Weiterbildung ist keine nennenswerte Euphorie in Richtung »Social Media« und E-Learning zu spüren, obwohl manche Anbieter aus dem Wuppertaler Kreis das als eine »interessante Perspektive« ansehen und Web-2.0-Angebote bereits sowohl für inhaltliche Angebote als auch für Marketingzwecke einsetzen. Peter Riekert jedoch ist skeptisch: »Wir planen im Augenblick nicht in diese Richtung, da wir der Überzeugung sind, dass ein Trainingsvideo niemals einen normalen interaktiven Workshop vollwertig ersetzen kann.«

Zu den Unternehmen, die Weiterbildung in der Krise (und die Zuwendungen der Bundesagentur für Arbeit) als Chance begriffen haben, gehört die ZF Lemförder GmbH, eine Tochter der ZF Friedrichshafen AG. Rund 2000 von 3000 Mitarbeitern wurden 2009 in einer groß angelegten Aktion weiterqualifiziert, mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit. Rund 50 Prozent der Kurzarbeitszeit wurde mit Qualifizierungsmaßnahmen belegt. An dem Bildungsverbund für die ZF-Tochter beteiligten sich gut ein Dutzend regionaler Berufschulen und andere Bildungseinrichtungen. Rund 70 Mitarbeiter erreichten in sechs bzw. zwölf Monaten sogar eine Berufsausbildung mit IHK-Abschluss.

Was ZF Lemförder freute, die finanzielle Unterstützung des Bundes, konnten nicht alle Weiterbildungsanbieter für sich nutzen. »Das Konjunkturpaket hat wenig positive Impulse für die Branche gesetzt.«, berichtet Jürgen Graf. »Profiteure sind die im öffentlichen Förderdschungel versierten und folglich nach Anerkennungs- und Zulassungsverordnung Weiterbildung (AZWV) zertifizierten Anbieter.« Letztlich hätten gerade einmal sechs Prozent der Weiterbildungsanbieter von den öffentlichen Fördermitteln profitiert.

Das Thema Weiterbildung soll bei ZF Lemförder auch nach Ende der Krise nicht vorbei sein. Lebenslanges Lernen soll gefördert werden. So gibt es beispielsweise im ZF- Konzern eine Betriebsvereinbarung, nach der jeder Beschäftigte einen Anspruch auf insgesamt fünf Freistellungsjahre hat, um diese für Qualifizierungsmaßnahmen zu nutzen. In diesem Jahr wird ein neues Bildungszentrum fertig gestellt, das in einer einzigen großen Halle die Ausbildungswerkstatt, die Fertigung von Prototypen und das Weiterbildungsunternehmen BFW vereint. Die Durchlässigkeit zwischen den Bereichen gehört dabei zum Prinzip. Das Zentrum mit seinem zusätzlichen Verwaltungs- und Seminartrakt soll auch für Handwerksbetriebe aus der Umgebung, die ihre Mitarbeiter weiterbilden möchten, zur Verfügung stehen. Außerdem denkt Geschäftsführer Karl-Josef Hüter an den demographischen Wandel: »Wenn wir in Deutschland auf Dauer den qualifizierten Nachwuchs in den technischen Berufen sichern wollen«, so Hüter, »müssen wir das Interesse für mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Dinge eigentlich schon im Kindergarten fördern.« Der ZF Lemförder-Geschäftsführer möchte darum künftig ein MINT-Zentrum (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) für die Schüler und Lehrer der Region schaffen.