Rücktritte von Halbleiter-CEOs Stolperten sie über #Metoo?

Brian Crutcher, Texas Instruments: »Auch im Analogsegment sind Ansätze aus der Digitalwelt wie IP-Reuse und Plattformentwicklung von Vorteil, und das wollen wir verstärkt nutzen.«
Brian Crutcher trat wegen »persönlichen Fehlverhaltens« als CEO von Texas Instruments zurück.

Drei Halbleiter-CEOs sind in den USA wegen »persönlichen Fehlverhaltens« und Verstößen gegen die Unternehmensethik zurückgetreten. Dass es um sexuelle Belästigung geht, ist nicht offiziell bestätigt. Ein Blick in die US-Presse zeigt jedoch, wie ernst Unternehmen #metoo nehmen.

Der jüngste Rücktritt war von Brian Crutcher, nach weniger als zwei Monaten im Job. »Die Verstöße beziehen sich auf persönliches Verhalten, das nicht mit unserer Ethik und unseren Grundwerten übereinstimmt«, hatte TI ohne weitere Details erklärt.

Crutcher ist der dritte Chip-Chef in weniger als zwei Monaten, der seinen Job verliert, weil er gegen Ethik-Kodizes im Unternehmen verstieß. Intels Brian Krzanich hatte eine außereheliche Beziehung zu einer Mitarbeiterin, bei Rambus-Chef Ron Black geht es ebenfalls offiziell um Fehlverhalten.

Dabei war das TI-Board bei der Ernennung Crutchers im Januar noch so zuversichtlich: »Wir hatten einige Jahre Zeit, um Brians Fähigkeiten, Ergebnisse und Stil zu beurteilen«, schwärmte Wayne Sanders, Lead Director des Board und Vorsitzender des Governance and Shareholder Relations Committee, als Crutcher zum nächsten CEO ernannt wurde.

In der amerikanischen Presse – Stichproben waren Wallstreet Journal, Bloomberg und Marketwatch.com – wird ein Zusammenhang mit Metoo vermutet. So sieht u.a. Bloomberg in seiner Online-Ausgabe einen Zusammenhang; seit der Bewegung gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung, Belästigung und Missbrauch stünden Führungskräfte in der Tech-Branche verstärkt unter Beobachtung der Öffentlichkeit.

Die Affäre unter dem Hashtag #metoo wurde ursprünglich ausgelöst durch Filmproduzent Harvey Weinstein, der seine Macht und das Abhängigkeitsverhältnis von Schauspielerinnen ausgenutzt hatte, um sie sexuell zu belästigen. Das schlug medial hohe Wellen, die weit bis nach Europa schwappten. #metoo wurde zum international verwendeten Hashtag in den sozialen Netzwerken. Seitdem stünden auch Unternehmen unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Und unter Handlungsdruck: Bloomberg nennt zum Beweis Zahlen des Krisenberatungsunternehmens Temin & Co., denen zufolge seit Metoo mindestens 437 hochrangige Führungskräfte und Mitarbeiter wegen Belästigung oder anderen Fehlverhaltens beschuldigt worden seien. 259 hätten daraufhin ihren Hut nehmen müssen, so Temin & Co. »Die Büchse der Pandora wurde geöffnet und der Deckel geht nicht mehr drauf«, sagt Davia Temin, CEO von Temin & Co. Sei schlechtes Benehmen in der Vergangenheit oft geduldet oder vertuscht worden, sei das nun vorbei. Im Zuge von #MeToo überprüfen US-Unternehmen gerade branchenübergreifend ihren Umgang mit sexueller Belästigung.
Therese Poletti, Kolumnistin bei MarketWatch.com, hat einen Meinungsartikel über den „Old-Boys-Club der Chipindustrie“ geschrieben, der womöglich gerade seinen ganz persönlichen #MeToo-Moment erlebe. Und ergänzt, dass der in der von Männern dominierten Industrie ja »längst überfällig« gewesen sei.

Dabei hatte gerade Brian Krzanich kein schlechtes Bild abgegeben und Intel u.a. Diversity verordnet: weniger weiß, weniger männlich wolle man sein. 2017 waren 73,5 % der Belegschaft männlich und 47,8 % der Beschäftigten waren weiß, verglichen mit 76 % und 56 % drei Jahre zuvor. Managementausbildung und Trainingsprogramme zu richtigem Verhalten gibt es heute eigentlich in jedem amerikanischen Tech-Unternehmen, auch im Valley. »Aber erst seit der #MeToo-Bewegung scheinen sich die Opfer sexueller Belästigung zu trauen, sich auch zu melden«, schreibt Poletti. In der Vergangenheit seien Probleme stattdessen oft unter den Teppich gekehrt und Frauen entweder ausgezahlt oder eingeschüchtert worden. Nun müsse die Halbleiterindustrie aufwachen, denn »offensichtlich stimmt etwas nicht, wenn drei CEOs derselben Branche innerhalb eines Monats wegen Fehlverhaltens zurücktreten«.