Pro und Contra Stellenangebote mit Gehaltsangaben?

Laut einer Umfrage würden Stellenanzeigen mehr Bewerber animieren, wenn sie das Gehalt beinhalten würden. Sollten Unternehmen also ihre offenen Jobs um konkrete Gehaltsangaben ergänzen? Drei Experten nehmen Stellung.

Wie können Unternehmen in der Flut der Stellenanzeigen hervorstechen? Das ist die große Herausforderung in Zeiten des Ingenieurmangels. Eine aktuelle Befragung von Erwerbssuchenden durch die Jobsuchmaschine Adzuna zeigt, dass sich Bewerber in Deutschland Gehaltsangaben in Stellenangeboten wünschen.

Hätten sie die Wahl zwischen zwei identischen Stellenanzeigen (eine mit, eine ohne Gehaltsangabe), würden sich insgesamt 60 Prozent der Befragten auf die Stelle mit Informationen zur Vergütung bewerben. Nur 20 Prozent würden das Inserat ohne Gehaltsangabe wählen. Für die restlichen Befragten spielt die Angabe keine Rolle.

Den größten Vorteil der Gehaltstransparenz sehen Bewerber laut der Umfrage in der verbesserten Position bei Gehaltsverhandlungen (44 Prozent). So wäre ein Anhaltspunkt für die Gespräche bereits vorab vorhanden.

Doch auch die Zeitersparnis durch eine bessere Vorselektion der finanziell relevanten Angebote (34 Prozent) spielt für viele Bewerber bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Ebenso die Einschätzung der Verantwortung im Unternehmen (22 Prozent).
Bei den Informationen zur Vergütung präferieren 64 Prozent der Befragten die Angabe eines Mindestgehalts. Dadurch wäre vorab klar zu erkennen, ob sich der oftmals stundenlange Bewerbungsaufwand lohnt. Für eine grobe Gehaltsspanne als Indikator der Vergütung stimmten dagegen 36 Prozent der Befragten.

Inja Schneider, Country Manager Deutschland bei Adzuna: »Was seit Jahren in Frankreich und England gang und gäbe ist, scheint in Deutschland geradezu revolutionär: Die eigenen Stellenanzeigen mit einer Gehaltsangabe zu versehen. Wie unsere Umfrage zeigt, könnte sich dies bei der Suche nach neuen Mitarbeitern jedoch als großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz erweisen. Zusätzlich könnten Arbeitgeber auch von einer Zeitersparnis profitieren, da Kandidaten mit höheren Gehaltsvorstellungen bereits vorab ausgesiebt werden und nicht erst durch wochenlange Interview-Prozesse wertvolle Zeit der eigenen Mitarbeiter geopfert wird, wenn das Gehalt erst bei Vertragsschluss zum Thema wird. Januar ist Hauptsaison für die Jobsuche – wer jetzt die Mitarbeitersuche forcieren möchte, sollte die Gehaltsangabe als Verkaufsargument in den eigenen Stellenanzeigen überdenken.«

Auch Fachkräftemangel-Kritiker (‘ist hausgemacht’) und Innovationsexperte Martin Gaedt plädiert für Transparenz: »Das Gehalt in Stellenanzeigen zu nennen wäre gut für Unternehmen, Bewerberinnen und Bewerber. So wie jede Art der Transparenz führt auch die Gehaltsangabe zu Klarheit. Das bringt nicht automatisch mehr Bewerbungen, denn das Gehalt kann ja auch abschrecken, und sicherlich ist das ein Grund, warum die meisten Stellenanzeigen kein Gehalt nennen. Ich meine aber, dass Gehaltstransparenz zu passenderen Bewerbungen führt. Es spart allen Beteiligten Zeit. Wer sich bewirbt, passt zur Gehaltsstruktur der Firma.«

Für Personalberaterin Renate Schuh-Eder hat solch eine Transparenz aber auch Nachteile: »In Großbritannien und auch Österreich ist das so, dass das Gehalt in den Stellenanzeigen angegeben wird. Auch bei Portalen wie Experteer (hier werden Stellen ab 60.000 Euro Jahresgehalt veröffentlicht, Anm. d. Red.) muss man den Gehaltslevel angeben. Für meinen Geschmack ist das jedoch schwierig, weil teilweise falsche Erwartungen geweckt werden: Wäre der Job mir als Unternehmen 100.000 Euro wert, weil ich einen Senior suche, bewirbt sich der Top-Kandidat, der heute schon 110.000 hat, nicht mehr – wohl aber der, der heute 75.000 hat und das Skillset aber noch gar nicht mitbringt.«